Bulli-Reise in der Elternzeit Surfen, Stillen, schlechtes Gewissen?

Surfen ist ihre Leidenschaft, dann wird Leonie Zündorf schwanger: Ist jetzt Schluss mit dem Reise-Lifestyle? Ganz und gar nicht. Die junge Familie nahm das Baby einfach mit auf den zweimonatigen Bulli-Trip.

Leonie und Niko Zündorf

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Leonie Zündorf war eigentlich nie ängstlich. Beim Surfen schmiss sie sich unbekümmert in jede Welle, egal wie groß, Hauptsache Spaß, Hauptsache auspowern. Dann kam Emil.

"Als Emil geboren war, habe ich mir auf einmal Gedanken gemacht, ob mir etwas passieren könnte", sagt die 26-Jährige. Surfen ist schließlich keine ungefährliche Sportart, gebrochene Knochen sind nicht selten. "Es ging nicht mehr nur um mich selbst. Da war ein kleines Wesen, das auf mich wartete, das mich brauchte."

Schon vor seiner Geburt reisten Leonie Zündorf und ihr Mann Nico viel - meistens den Wellen hinterher. Als sie dann schwanger wurde, fragten sie sich: Ist jetzt Schluss damit? Gehen solche Campingtrips mit Baby überhaupt noch?

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Elternzeit: Mit Baby zum Surfen

"Natürlich verändert sich viel und man muss einen Gang runterschalten", sagt Zündorf. "Aber das gehört eben dazu und ist ja auch schön." Anfangs wollte sie ununterbrochen bei ihrem Kind sein. Doch dann sah sie, wie wohl sich Emil auch mit seinem Vater fühlte, und sie lernte sich zu entspannen. "Jedes Baby kann auch mal zwei Stunden ohne Stillen und ohne die Mama aushalten", sagt Zürndorf.

Auf das Surfen wollte sie nicht verzichten. Bald war klar: Für die Elternzeit sollte es ans Meer gehen - mit dem dreimonatigen Emil und dem Surfbrett.

Zwei Monate lang war das Paar mit dem Bulli unterwegs, "damit Emil auch auf Reisen einen gewohnten Ort hat, der sein Zuhause ist", sagt Zündorf, die in München Gesundheitswissenschaft und Sport auf Lehramt studiert. Den T4 fuhr Papa Nico allein nach Moliets an Frankreichs Atlantikküste. Mutter und Kind flogen hinterher, da es schlecht für den Rücken von kleinen Babys ist, so lange in der Babyschale zu liegen.

Vorbei mit Pärchenurlaub

Eltern sollten sich darüber bewusst sein, dass ein Urlaub mit Baby anders ist, als ein Pärchenurlaub: "Ein Baby hat im Urlaub die gleichen Bedürfnisse wie zu Hause, lässt die Eltern nicht ausschlafen und will bespielt werden", sagt die Kinder-Psychologin Eva-Verena Wendt vom Deutschen Jugendinstitut. "Mütter und Väter sollten sich daher vorab realistische Gedanken dazu machen, wie der Urlaub werden wird."

Dennoch sagt Wendt: "Eine längere Reise gemeinsam zu meistern schweißt zusammen und es entstehen tolle Erinnerungen."

Auch Leonie und Nico Zündorf bemerkten schnell, dass ihr Urlaub mit Emil anders werden würde als zuvor: Einfach in den Tag hinein leben? Nicht wirklich. Emil wollte regelmäßig gestillt werden, Restaurantbesuche waren mit dem Baby, das abends auch mal quengelte, quasi unmöglich. Stattdessen kochte das Paar selbst auf dem Gaskocher und ging abwechselnd mit Emil im Tragetuch spazieren, wenn der andere im Wasser war. "Ich habe das Gefühl, Emil hat sich total wohl gefühlt", sagt Zündorf. "Er war ruhiger und ausgeglichener als zu Hause und er hat besser geschlafen."

Vanlife: Niko und Leonie Zündorf mit dem kleinen Emil an der Küste in Galizien
Leonie und Niko Zündorf

Vanlife: Niko und Leonie Zündorf mit dem kleinen Emil an der Küste in Galizien

Während der Elternzeit zu verreisen, liegt im Trend. Wann haben berufstätige Eltern sonst so lange gemeinsam Zeit, die Welt zu entdecken? Nichts scheint naheliegender, als die freien Wochen zusammen wegzufahren, um sich als Familie einzugrooven, die ersten Monate mit dem Kind so intensiv wie möglich zu erleben - und gleichzeitig Urlaub zu machen.

"Für eine Reise mit Baby spricht für viele Eltern die finanzielle Seite: Die Eltern können für einige Monate das Elterngeld auch gleichzeitig beziehen und so beide eine gemeinsame Auszeit finanzieren", sagt Psychologin Wendt. Doch nicht mit jedem Baby sei eine Reise so leicht möglich. Für empfindliche Kinder etwa sei ein konstanter Tagesablauf in gewohnter Umgebung oft die bessere Wahl. "Und auch manche Eltern merken nach der Geburt, dass eine Reise mit Baby einfach zu stressig wäre. Und das ist völlig in Ordnung", so Wendt.

Erleben Väter nur die guten Seiten?

Und es gibt auch Kritik an der Reise-Elternzeit: Gerade Väter würden sich die Rosinen rauspicken und den teilweise anstrengenden Alltag allein mit dem Kind zu Hause umgehen, heißt es (Hören Sie hier eine Folge von "Drei Väter - ein Podcast" zum Thema Elternzeit).

Da Leonie Zündorf noch studierte, als Emil geboren wurde, und die Familie auf das Einkommen des Mannes angewiesen war, nahm sie ein Urlaubssemester. Für das nächste Kind wünscht sie sich, dass auch ihr Mann eine Zeit lang vom Job pausiert und Elternzeit nimmt. "Falls wir ein zweites Kind bekommen, überlegen wir neben dem Reisen auch, ob Nico mal ein paar Monate mit den Kindern daheim bleibt", sagt sie. "So übernimmt jeder mal die verschiedenen Rollen. Ich denke, das sorgt für mehr Verständnis und Einfühlsamkeit in der Partnerschaft."

Im Urlaub wechselten sich die beiden mit der Kinderbetreuung ab, damit jeder mal Zeit für sich hatte. Auch die Großeltern kamen für zwei Wochen vorbei und passten ab und zu auf Emil auf. Neun Tage lang campte die Familie sogar wild im Baskenland. "Es war fantastisch", sagt Zündorf. Man müsse lediglich darauf achten, dass immer Frischwasser vorhanden sei, zum Waschen und Duschen.

Kuschelzeit: Papa Nico liegt mit Emil in der Hängematte
Leonie und Niko Zündorf

Kuschelzeit: Papa Nico liegt mit Emil in der Hängematte

"Wir haben uns bewusst dafür entschieden, nur in Europa zu reisen", sagt Zündorf. "Außerhalb Europas wäre uns das mit einem neugeborenen Baby zu krass gewesen, allein schon wegen der medizinischen Versorgung." Emil sei zwar glücklicherweise nicht krank geworden, aber man wisse ja nie.

Die Psychologin Wendt empfiehlt, vor so einer Reise Rücksprache mit dem Kinderarzt zu halten, um die medizinische Versorgung und etwaige Impfungen abzuklären. Und dann gebe es so manche "Entwicklungsschritte und Herausforderungen", bei denen man gut überlegen müsse, was das Kind brauche - beispielsweise beim Start der Beikost oder wenn sich der Bewegungsradius des Kindes erhöht.

"Besonders wichtig und unterstützend für das Baby ist die Feinfühligkeit der Eltern gegenüber ihrem Baby, damit es nicht überfordert wird", sagt sie. "Wenn das Baby viel quengelt, weint, oder sich abwendet, sind das Anzeichen, dass es einfach zu viel ist." Die Eltern sollten dann unbedingt Rücksicht nehmen und für Ruhe sorgen. Deshalb müsse man sich vorab auch Gedanken zur Art der Reise machen.

"Manchmal ein schlechtes Gewissen"

Emil ist inzwischen zwei Jahre alt, die Familie reist immer noch viel, hauptsächlich zum Surfen. "Jetzt ist es teilweise schwieriger, weil er sich schnell an einen Ort gewöhnt und auch öfter mal andere Kinder kennenlernt", sagt Zündorf. "Da habe ich dann manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn wir weiterfahren müssen."

Leonie Zündorf und ihr Mann Nico mit Kind: Urlaub mit Baby ist anders
Leonie und Niko Zündorf

Leonie Zündorf und ihr Mann Nico mit Kind: Urlaub mit Baby ist anders

Ob Emil wohl selbst mal ein Surfer wird? "Das wäre schön", sagt Zündorf. "Wir wollen ihn aber zu nichts drängen." Im letzten Urlaub sei er im Weißwasser vorne auf dem Brett mitgefahren. Er rief immer: "Große Welle ganz schnell fahren! Nochmaaal!"



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oortsche_wolke 04.10.2019
1. Und nach der Reise?
Was mir bei diesen nun immer häufiger verfassten "Elternzeit-Reiseberichten" immer zu kurz kommt, ist die Zeit danach. Ich frage mich, wie den jeweiligen Reisefamilien die Anbindung (auch formal) an den Alltag gelingt. Ich habe als Vater einen grossen Anteil meiner Elternzeit darauf verwendet, die Lebensabläufe so zu organisieren, dass nach der Elternzeit beide wieder in den Job können (z.B. Tagesmutter-/ Kita-Eingewöhnung, Umbau etc.).
guema 04.10.2019
2. Was will uns der Artikel sagen?
Das frage ich mich. Ich glaube auch nicht, dass es von den "Erdenkern" der Elternzeit so beabsichtigt war, damit umzugehen. Ich habe zudem beobachtet, dass die Social-Media-Fotos aus der Urlaubs-Elternzeit bei den Kolleginnen und Kollegen, die die oder denjenigen an seiner Arbeitsstelle vertreten, nicht gut ankommen.
mcfidel 04.10.2019
3. wo ist das Problem
.... immer noch haben viele die Angst als Rabeneltern dazustehen deren individuelle Freuden wichtiger seien als das Glück des Kindes. Das Ganze muss kein Widerspruch sein, es ist alles eine Frage der Organisation. Zudem habe ich mit campenden Eltern kein Problem. Ein Problem hab ich mit Eltern die das Kind 10 Stunden zu einem Langstreckenflug nötigen, weil die französische Küste nicht exotisch genug ist. Das Problem fängt doch erst da an, wenn man weiterhin zu 100 Prozent so agieren möchte wie ohne Kind. Ein Kind ist eine Bereicherung durch die man nicht verzichten muss, lediglich etwas Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse des kleinen Bewohners wünscht man sich oft.
darclux 04.10.2019
4. Wasser predigen...
...und (T)E4 Diesel und Kerosin verbrauchen. Es grenzt langsam an Zynismus, wie oft ich hier im Spiegel vom Klimawandel lese, gleichfalls jedoch ständig Reiseberichte mit ach so tollen "Bullis" von ach so tollen, natürlich nur im Biomarkt einkaufenden und immer so toll p.c. Schreibenden hier veröffentlicht werden. Ich frage mich, welchem Job die Mitarbeitenden der Chefredaktion eigentlich sonst noch so nachgehen...Allein in einem 20 Jahre alten Diesel nach Frankreich, die Frau im Flieger hinterher weil das Baby im Auto Schaden nehmen könnte! (?). Könnte aus meiner Sicht genau dem dem heutigen, gemeinen Grünen-Wähler entsprechen...Immer schön korrekt wählen. Und nur Bio für mich und mein Baby. Der Rest nach mir...
kika2012 04.10.2019
5. mcfidel
Ich geb Ihnen Recht. Dennoch waren wir auf Bali mit dem 6 Monate alten Baby und ich bereue nichts. Und ja, es gibt noch andere Dinge zu sehen als die Fr. Küste.
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