Auf Dänemarks Erbseninseln Zu Gast beim Verteidigungsminister

Weit im Osten liegt das dänische Archipel der Erbseninseln. Wegen des günstigen Klimas wachsen auf Christiansø und Frederiksø Feigen und Weintrauben. So entspannt wie heute ging es allerdings nicht immer zu auf den winzigen Eilanden.

Helge Sobik

Von Helge Sobik


Einmal im Jahr setzt der Schornsteinfeger über und bleibt zwei Tage, um auf alle Dächer der Inseln zu steigen und den Ruß der Winterfeuer aus den Kaminen zu kehren. Alle zwei Jahren schaut die dänische Königin offiziell vorbei - mal standesgemäß mit der Staatsjacht, mal nur kurz mit dem Helikopter. Und öfters kommt sie zusätzlich inkognito und bleibt über Nacht.

Auf Christiansø und Frederiksø wohnen nur ein paar Leute, keine hundert alle zusammen. Aber sie bekommen viel Besuch, vor allem im Sommer: Weil es hier so schön ist, so warm, so sonnig. Der Rummel ist schlagartig vorbei, wenn das letzte Linienschiff auf dem Rückweg nach Bornholm oder mit Nordkurs hinauf nach Simrishamn in Südschweden hinter dem Horizont verschwunden ist. Dann, nach halb fünf Uhr nachmittags, ist es plötzlich unfassbar still.

Dann sind die Tagesbesucher auf dem Nachhauseweg und die Insulaner wieder unter sich. Sie schließen die Tür zur Eisdiele ab, sperren den Souvenirshop zu, dösen im Liegestuhl unterm Feigenbaum, gießen die Weinstöcke an der Hauswand oder treffen sich zum Schachspielen im Windschatten der alten Schule auf dem höchsten Punkt von Christiansø gleich neben der Kirche.

Mediterrane Flora, südländische Entspanntheit

Die beiden Granithöcker in der Ostsee sind die Hauptinseln des Archipels Ertholmene, auf Deutsch auch Erbseninseln genannt. Sie sind Dänemarks östlichste Inseln, näher an Stettin gelegen als an der Hauptstadt Kopenhagen. Christiansø und Frederiksø sind zusammengenommen nur 26 Hektar groß - und nur 30 Meter voneinander entfernt. Eine Brücke überspannt diese Meerenge, und ein Schildchen warnt, dass das Konstrukt maximal zehn Menschen zugleich trage und man im Zweifel lieber einen Moment warten möge.

Bornholm ist 30 Fahrtminuten mit dem Express-Ausflugsboot entfernt. Oder gut anderthalb Stunden mit dem alten Postschiff "Peter", mit dem alles herantransportiert wird, was auf den beiden Inseln gegessen, getrunken, gepflanzt oder gelesen wird. Auch das neue Pfannenset für Gastwirtin Charlotte Hallberg Andersen oder das Spezialfernglas für Hafenmeister John Anker Nielsen - alles kommt mit dem alten, weißen Transportschiff im Fischkutter-Look.

Die Ertholmene sind die sonnenreichsten und zugleich regenärmsten Flecken Dänemarks. Sie gelten als klimabegünstigt, und fast immer während des Sommerhalbjahrs ist es hier ein paar Grad wärmer als auf dem Festland. Deshalb gedeihen hier Feigen- und Maulbeerbäume, deshalb wirkt die Flora mit der Vielzahl blühender Gräser so mediterran. Und wahrscheinlich auch deswegen ist das Lebensgefühl so südländisch relaxt.

Während er die Festmacherleinen überprüft, begrüßt Hafenarbeiter Finn Hansen jedes Mal die letzten paar Passagiere mit Handschlag, die vom Schiff "Bornholm Express" steigen, "Das gehört sich doch so", sagt er und erzählt im Handumdrehen seine Lebensgeschichte. Dass er hier vor über einem Dreivierteljahrhundert zur Welt gekommen sei, als alles drumherum düsterer ausgesehen habe.

Dass er sein Leben lang auf Frachtern zur See gefahren und dann hierher zurückgekehrt sei und nun nie mehr einen Fuß woandershin setzen und eines fernen Tages hier bestattet werden möchte: "Mein Mittelmeer ist hier", sagt er - allen Winterstürmen, aller Januar-Stille zum Trotz. Insulaner sind heimatverbundener als Menschen vom Festland. Und das gilt offenbar umso mehr, je kleiner das Eiland ist.

Sechs Hotelzimmer für Urlauber

Eine Schule gibt es, wo die Kinder bis zur siebten Klasse unterrichtet werden, eine Bibliothek, einen Kaufmannsladen, eine Feuerwehrwache - keinen Arzt, keinen Friseur, keine Apotheke. Und keinen Schornsteinfeger - von zwei Tagen im Juli oder August abgesehen.

Im Sommer riecht es hier nach Meer und nach Weite, nach Seetang und eingelegtem Hering und irgendwie auch nach Honig. Und so unüberschaubar die Tagesbesucherschar am Hafen kurz nach dem Festmachen wirkt, so sehr verläuft sich jeden Vormittag alles. Den rund 40.000 Sommergästen, von denen die meisten nur vier Stunden bleiben, gelingt es dennoch nicht, hier Unruhe hereinzutragen.

Eher im Gegenteil. Denn die Entspanntheit der Insulaner färbt ab. Manche der Fremden hocken deshalb schon bald im Schatten der alten Festungs- oder auf den Kaimauern und träumen mit oder ohne Ostseeblick vor sich hin. Sie beobachten Trottellummen, Heringsmöwen und Eiderenten, während andere im Gras liegen und schlafen. Wieder andere helfen derweil mit Zurufen und Handzeichen dem Kapitän einer russischen Urlauberjacht mit Heimathafen Moskau beim komplizierten Einparken zwischen Fischkutter und Postschiff, noch ehe Finn Hansen angeschlendert kommt.

Dass die Inseln mal eine große, auf Geheiß von Dänenkönig Christian V. vor fast 350 Jahren errichtete Festung auf Granitplateaus mit Kaianlagen, Kanonentürmen und Kasernen waren und hier manche Schlacht tobte, daran denkt keiner mehr. Doch noch heute stehen die Erbseninseln unter der Verwaltung des Militärs, das mit einem gewählten Insulanerrat zusammenarbeitet.

"Das dänische Verteidigungsministerium heißt Sie herzlich willkommen", steht dann auch auf einer Tafel am Hafen, an der jeder Neuankömmling vorbeikommt. Die Wohnungen in den einstigen Kasernengebäuden ebenso wie die freistehenden kleinen Häuschen mit den gepflegten Gärten und den granitenen Umfassungsmauern werden alle von der Behörde vermietet oder verpachtet - manche an die 92 Dauer-Insulaner, andere als Zweitwohnsitz für Dänen von anderswo. Eine lange Warteliste gibt es für diese Objekte.

Und auch wer in der Saison eines der nur sechs Hotelzimmer ergattern will, muss rechtzeitig reservieren. Wegen des Blicks über die paar Häuser und die Felsen auf die Ostsee. Wegen des Lichts, der Luft, der abendlichen Stille. Und wegen des eingelegten Herings.


Information

Anreise: Mit Schiffen der Redderei Faergen vom norddeutschen Hafen Sassnitz auf Rügen aus nach Rønne auf Bornholm. Tickets für Pkws mit bis zu fünf Personen außerhalb des Hochsommers 109 Euro pro Strecke. Von Allinge oder Gudjem auf Bornholm aus mit reinen Personenschiffen der Reederei Christiansøfarten weiter auf die 18 Kilometer entfernte Insel Christiansø; Tickets umgerechnet rd. 31 Euro.
Übernachtung auf Christiansø im kleinen Hotel (Doppelzimmer ab 154€/Nacht) oder auf dem Campingplatz.
Buchtipp: Der auf Bornholm ansässige Autor Uli Wohlers schreibt Krimis, die dort angesiedelt sind - zuletzt "Die Spur der Schweine"; BasteiLübbe, 8,90 Euro.



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Großbär 09.07.2014
1. Ruth's Kryddersill ...
... verdient durchaus Erwähnung. Eingelegten Hering gibt es schließlich überall. Auch das Inselmuseum (auf Frederiksoe) ist sehr interessant. Ich bin mal als Segler auf Christiansoe "eingeweht" worden, da die Passage durch die enge Hafeneinfahrt bei 7-8 Bft alles andere als empfehlenswert ist (Neerströme!). Die Ruhe und Abgeschiedenheit der Insel ist wirklich unvergleichlich.
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