"Coast to Coast" in Schweden Wie aus Facebook-Friends Wanderfreunde wurden

Ein Blogger und ein Journalist hatten die Idee, über Facebook fanden sich Fans - und dann begann das Wanderabenteuer "Coast to Coast": 400 Kilometer quer durch Schweden, von der Ostsee zum Kattegat, und jeder muss allein den Weg finden.

Fredrik Broman / Jonas Hallen

Von "Norr"-Autorin Johanna Straub


Varberg, im Mai. Es ist warm, fast heiß, ein früher Sommertag. Die Menschen auf der Straße bleiben stehen, als wir vorbeiziehen, sie sehen uns an und lächeln. Die Beine laufen wie von selbst. Wir kommen auf viele Beine, wenn wir alle zählen. 36 bringen wir insgesamt zusammen: zwölf Wandernde, die Hündinnen Wilda und Lycka und Allan, das Pferd. Wie eine Zirkustruppe müssen wir aussehen, denke ich. Wie eine Karawane.

Wenn man einen Weg zu Fuß zurückgelegt hat, entsteht eine besondere Form der Erinnerung. Wenn man nicht bleibt, sondern sich voran bewegt, vermehren sich die Erinnerungsbilder mit der zurückgelegten Strecke.

Es sind nicht nur die Erlebnisse und Begegnungen, die in Erinnerung bleiben, sondern es sind, wie verschiedene Bühnen, auf denen die Eindrücke sich halten, die Bilder der Orte, die man durchquert, der Landschaften, die man gesehen hat. Wenn man dies mit anderen teilen kann, ist es umso schöner.

Wir gehen zu Fuß nach Varberg hinein. Startpunkt der Wanderung, zwölf Tage vorher, ist Kalmar. An einem anderen Meer. Und zu einer anderen Jahreszeit. In diesen zwölf Tagen kommt der Mai nach Schweden und die Bäume schlagen aus. Wir sehen zu, wie alles grün wird.

Eine kurze Presseankündigung verbreitet sich im Winter über die Outdoor-Blogs. Jörgen Johansson, bekannt als Buchautor und Blogger der ultraleichten Wanderszene, und Journalist Jonas Hållén laden 2013 zur Premiere von"Coast to Coast Sweden" ein.

Am ersten Sonntag im Mai soll es losgehen, und etwa 400 Kilometer und zwei Wochen später ist Schluss. Es gibt keine Gruppenstruktur, keine vorgegebene Strecke, keine Startgebühren, keine Auflagen. Es gibt nur diese Einladung. Und bald darauf eine Internetseite, eine Facebook-Gruppe. Die Mitgliederzahl wächst schnell. Ich melde mich an.

Warum, fragt die Journalistin, die mich in Moheda für die örtliche Zeitung interviewt. Warum laufe ich im Frühjahr einmal quer durch Südschweden von Kalmar an der Ostküste bis nach Varberg an der Westküste? Ich habe keine kurze Antwort parat, es gibt viele Antworten darauf.

Die Etappen im Kurztagebuch:

Nybro. Der erste Tag ist lang, aber der Ehrgeiz, den Zielpunkt zu erreichen, wächst. Es ist die letzte Chance, die anderen einzuholen. Doch abends finden sich so viele Wanderer im Naturreservat ein, dass wir ein richtiges Lager haben. Keiner will den Anschluss verlieren, keiner will, dass es aufhört. Der Kern dieser Unternehmung ist, dass man den Weg teilt. Von Anfang an ist das zu spüren.

Ich bin hier, weil ich herausfinden will, wie es ist, gemeinsam zu laufen. Ich bin schon oft alleine gewandert und auch zu zweit, kenne die Extreme des Solo-Hiking und des Wanderns mit einem festen Teampartner. Herauszufinden, wie es sich in einer lockeren Gemeinschaft läuft, in der jeder auf sich selbst gestellt ist und alle zusammen das Ziel teilen, ist neu für mich. Es ist ein Experiment, nicht nur für mich. Dass die Gruppe tatsächlich eine Gruppe werden würde, war nicht abzusehen.

Gullaskruv. Der Eisenbahndamm führt geradeaus, keine Kurve verheißt Gnade, das Ende der Etappe. Wir ziehen das Tempo an. Endlich, zur Rechten das Fußballfeld, wo schon die ersten Zelte stehen.

Es gibt viel Asphalt auf dieser Strecke, und die Füße melden sich nicht erst abends, sondern schon nach den ersten Kilometern. Wir vergleichen Asphalt-Sorten und bewerten die unterschiedlichen Härtegrade. Die Wahrnehmung wird geschärft, wenn man draußen unterwegs ist. Der Humor bleibt. "Concrete to Concrete Sweden" (deutsch von Beton zu Beton), scherzen wir mit schmerzenden Füßen.

Hedasjön. Den Rucksack absetzen, die Kleider von sich werfen und die Schuhe. Ab ins Wasser, es ist warm genug. Einer macht die Runde mit Salami und einem Flachmann mit Whiskey, bietet jedem von uns etwas an. Auf die ersten 100 Kilometer, sagt er.

Växjö. Die Strecke zieht sich, der Asphalt ist unnachgiebig. Warum da laufen, wo Autos fahren? Das Vandrarhem ist ein Lazarett. Wunden werden vorgeführt, Blasen verglichen. Die Wanderung fordert ihren Tribut, die Gruppe wird sich am nächsten Tag deutlich verkleinern.

Moheda. Der gesamte Regen, der insgesamt auf diese zwei Wochen im Mai verteilt fallen könnte, kommt auf einmal herunter. Wir flüchten auf einen Hof unter einen Unterstand aus Wellblech für Landmaschinen. Am Lagerplatz begrüßt uns ein hilfsbereiter Mensch mit Kaffee und "Kanelbulle", echtem schwedischem Kaffeegebäck.

Skuggebo. Der Platz liegt direkt am See. Ein langer Tag liegt hinter uns, mehr als 35 Kilometer. Ich würde am liebsten direkt in den Schlafsack kriechen. Aber die Sauna ist unwiderstehlich und Luxus für die müden Gelenke. Wir trinken Rum und schwimmen im kalten See. Ich stelle fest, dass das Essen draußen viel besser schmeckt. "Fika" (Kaffee trinken) wird zum wichtigsten schwedischen Wort und "Kanelbulle" zum Schlachtruf.

Flahultasjön. Ein langgestreckter Strand. Jeder bekommt einen Zeltplatz in der ersten Reihe. Ein Lagerfeuer am Wasser. Zeitlosigkeit. Als wären wir ewig unterwegs.

Spabo. Ein Holzunterstand zum Schlafen, passend zum Nieselregen. Selbstgebackene Zimtschnecken. Die Hilfsbereitschaft begleitet uns, wo wir auch hinkommen.

Gunnarp. Ein Hügel mitten in einem Feld. Käsekuchen wird über dem Feuer erhitzt. Ein Weinkarton macht die Runde. Es riecht nach Abschied.

Fegen. Ein Restaurant macht für uns auf. Wir haben mehr als genug Proviant für die letzte Etappe. Trotzdem kommt keiner an dem Restaurant vorbei. Wir sitzen in der Sonne, sehen auf den Fegen-See.

Åkulla. Der plötzliche Übergang vom Nadelwald zum Buchenlaub. Die Vorahnung, dass wir tatsächlich ankommen werden und dass dieser Weg am Wasser tatsächlich nicht weitergeht. Die letzte Nacht im Zelt. Und dann Varberg: das Licht über dem Meer und die Stille.

Küste-zu-Küste-Wandern geht weiter

Und die Frage nach dem Warum? Es gibt viele Antworten darauf: Weil man unterwegs lernt, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen. Weil dieser Weg so vielfältig ist. Weil er von Bullerbü-Landschaft über militärisches Sperrgebiet über gerodete Wälder über Gebirge aus Sägespänen über Hochmoore und Buchenwälder bis hin zu acht verschiedenen Asphaltsorten so vieles zu bieten hat. Weil man an Grenzen kommt. Weil es keinen Grund gibt, es nicht zu tun.

In diesem Jahr wird es wieder eine Coast-to-Coast-Wanderung durch Schweden geben. Die Strecke wurde leicht verändert, es wird weniger Asphalt geben, mehr Übernachtungen an Seen. Gerüchte kursieren, dass ein Pferd teilnehmen wird und zwei Kleinkinder in einem Doppelkinderwagen. Vieles ist offen, aber eins steht fest: Es wird anders.

Dies ist ein gekürzter Text aus "NORR - das Skandinavien-Magazin". Lesen Sie die vollständige Reportage in der aktuellen Ausgabe von "NORR" und bestellen Sie hier das Heft.

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Seite 1
Becks0815 01.05.2014
1.
Interessant wie nun die reguläre Presse auf etwas aufspringt welches im Internet eher schon Standard ist: Man lernt sich in Foren (und nicht nur auf FB) kennen in denen man sich über sein Hobby unterhält und früher oder später kommt die Idee auf, sich real irgendwo mal zu treffen. In dem Forum wo ich mich herumtreibe sieht dieser "Wildwuchs" nach etwas mehr als zehn Jahren so aus: Mehrere Treffen pro Jahr in Deutschland mit 20-60 Teilnehmern die von Usern organisiert werden. Sonstige Treffen/Aktion (letztens Wintercamping mit Ski-/Schneeschuhtouren in der Schweiz am Oberalppass, jetzt eine Wanderung in den Alpen, sicher wieder eine Kanutour in Norddeutschland), Rund 10 Stammtische in Deutschland Wenn ich mich nicht verzählt habe: Mindestens 3 Kinder und 5 Hochzeiten haben sich über das Board ergeben. Alles nix Neues also
jujo 01.05.2014
2. ...
Zitat von Becks0815Interessant wie nun die reguläre Presse auf etwas aufspringt welches im Internet eher schon Standard ist: Man lernt sich in Foren (und nicht nur auf FB) kennen in denen man sich über sein Hobby unterhält und früher oder später kommt die Idee auf, sich real irgendwo mal zu treffen. In dem Forum wo ich mich herumtreibe sieht dieser "Wildwuchs" nach etwas mehr als zehn Jahren so aus: Mehrere Treffen pro Jahr in Deutschland mit 20-60 Teilnehmern die von Usern organisiert werden. Sonstige Treffen/Aktion (letztens Wintercamping mit Ski-/Schneeschuhtouren in der Schweiz am Oberalppass, jetzt eine Wanderung in den Alpen, sicher wieder eine Kanutour in Norddeutschland), Rund 10 Stammtische in Deutschland Wenn ich mich nicht verzählt habe: Mindestens 3 Kinder und 5 Hochzeiten haben sich über das Board ergeben. Alles nix Neues also
Es muss doch nicht immer etwas neues sein über das berichtet wird. Es gibt uralt Sachen über die niemand ein Wort verliert, dann macht das Gleiche jemand anderes und berichtet darüber, das ist doch gut so!
marschmensch 01.05.2014
3. Abenteurer kann man auch ohne Extreme erleben
Nicht nur am Mt Everest, in der Wüste oder Grönland kann man das Abenteuer erleben, es kann direkt (oder hier fast direkt) vor der Haustür beginnen. Vermutlicher Kleiner Fehler im Bericht: Die Wanderer werden zuerst im (östlicher liegenden) Fegen und danach im näher an Varberg liegenden Gunnarp gewesen sein!
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