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Mehr als 200 Infizierte Coronavirus in Italien - Was Urlauber jetzt wissen müssen

Italien ist ein beliebtes Reiseziel im Frühling. Doch das Coronavirus versetzt das Land in Alarmbereitschaft - und damit auch Touristen. Worauf müssen sie sich einstellen?

Mehr als 200 Menschen haben sich angesteckt, sechs sind bereits gestorben, ganze Gemeinden im Norden des Landes wurden abgeriegelt: Italien meldet die meisten Covid-19-Kranken in ganz Europa - und greift zu drastischen Maßnahmen in den Regionen Lombardei und Venetien. Diese bekommen nicht nur die Bewohner zu spüren, sondern auch Touristen.

In Venedig endete der Karneval vorzeitig, Sehenswürdigkeiten wie der Markusdom und auch der Mailänder Dom wurden für Besucher geschlossen. Auch Museen und andere Kulturinstitutionen seien nicht mehr geöffnet, schreibt der "Corriere della Sera".

Sollte nun schleunigst die Heimreise antreten, wer sich derzeit im Urlaub zwischen Südtirol und Sizilien aufhält? Und was ist mit jenen, die eine Reise nach Italien geplant haben - zum Beispiel an Ostern, einer bei Deutschen beliebten Zeit für einen Trip nach Rom oder Florenz? Hier sind Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie erleben Touristen derzeit die Situation in Italien?

Da gibt es keine einheitlichen Aussagen. Fest steht: Die Zahl der Fälle ist in den vergangenen Tagen stark angestiegen. Besonders betroffen sind die wirtschaftsstarken nördlichen Regionen Lombardei und Venetien.

Eine deutsche Touristin hat die Lage in Venedig trotz des abrupten Karnevalsendes und der Angst vor einer Ausbreitung des Coronavirus als "entspannt" bezeichnet. "Erst waren wir verunsichert", sagte Regina Stronk aus Hamburg, die mit einer Reisegruppe unterwegs ist. Die 56-Jährige fragte sich: "Oh Gott, müssen wir jetzt hier bleiben, kriegen wir jetzt Quarantäne?" Aber nachdem sich die "erste Schockstarre" gelegt habe, sei die Reisegruppe nun ganz ruhig. "Das Leben geht weiter. Wir werden nicht in Panik verfallen und sofort den Koffer packen und nach Hause fahren", sagte Stronk der Deutschen Presse-Agentur. "Man sieht und merkt hier wirklich gar nichts, außer, dass die Welt verrückt spielt um uns herum." Es seien weniger Touristen in Venedig als in den vergangenen Jahren, viele seien mit Mundschutz unterwegs, darunter auch die Sicherheitskräfte, die die Menschenströme in Venedig leiten.

Gibt es Reisebeschränkungen?

Die EU hat trotz des Coronavirus-Ausbruchs in Italien bisher keine Reisebeschränkungen angekündigt. Man wolle die Reisefreiheit nach dem Schengenabkommen derzeit nicht einschränken, sagte der EU-Krisenbeauftragte Janez Lenarcic in Brüssel. Allerdings arbeite man an verschiedenen Plänen zur Eindämmung der Epidemie. 230 Millionen Euro will die EU für den Kampf gegen das Virus aufbringen.

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides sagte, Beschränkungen im Reiseverkehr müssten koordiniert, angemessen sowie wissenschaftlich begründet sein. "Derzeit hat die Weltgesundheitsorganisation weder Beschränkungen für Fracht noch Passagiere empfohlen", sagte sie. Eine Abordnung der Behörde werde am Dienstag nach Italien reisen, um die Lage zu analysieren.

Was tun, wenn eine Italien-Reise ansteht?

Da es von deutscher Seite aus keine Reisewarnung für Italien gibt, kann nicht jede Art von Reise ohne weiteres kostenlos storniert werden. Das Auswärtige Amt schreibt in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen  nur: "Erkundigen Sie sich ggf. bei der für Sie zuständigen italienischen Auslandsvertretung vor Reiseantritt." Ausgehend von der aktuellen Krankheitswelle mit Covid-19 seien italienische Flughäfen bis auf Weiteres für Direktflüge aus China gesperrt. Flughäfen, Häfen und Bahnhöfe seien regulär in Betrieb.

Allerdings lassen sich nach Ansicht der Reiserechtsexperten Paul Degott aus Hannover Pauschalreisen in die vom Covid-19-Ausbruch betroffenen Gebiete in Norditalien ohne Gebühren stornieren: Betroffene hätten ein kostenloses Rücktrittsrecht wegen der außerordentlichen Umstände, erklärt Degott. Der Veranstalter zahle dann den Reisepreis zurück.

Norditalien ist nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) aber eher kein Ziel für Pauschalreiseveranstalter. Stattdessen wird das Land verstärkt von Reisenden besucht, die Leistungen wie Anreise und Hotel individuell buchen. Gleichwohl seien auch die Veranstalter über den DRV in engem Kontakt mit dem Auswärtigen Amt und mit dem Robert Koch-Institut, sagte eine Sprecherin: "Wir schauen uns die Situation sehr genau an." Wer seine Italien-Reise über einen Veranstalter gebucht habe, sollte sich im Zweifel mit diesem in Verbindung setzen.

Wer dagegen einen Flug nach Norditalien und ein Hotel einzeln gebucht hat, hat es nicht so leicht mit der Erstattung: "Dann werde ich in der Tat das Problem haben, dass mir die Fluggesellschaft allenfalls noch die Steuern und Gebühren zurückzahlt, die dann nicht anfallen, wenn ich nicht fliege", sagt Degott. Aber: "Erfahrungsgemäß sind die Fluggesellschaften nicht furchtbar zahlungswillig." Man müsse sicher Briefe schreiben und streiten, um das Geld zurückzubekommen.

Was die Stornierung von Unterkünften in der von Covid-19 betroffenen Region angeht, so gilt italienisches Recht. Ob man da das Geld wiedersieht, könne man nicht absehen, so Degott. Im Zweifel müssen Individualurlauber, anders als Pauschalreisende, auf Kulanz hoffen.

Kann ich über den Brenner nach Italien reisen - per Zug oder Auto?

Etwa vier Stunden lang war die Zugverbindung zwischen Österreich und Italien über die Brenner-Grenze am Wochenende unterbrochen - in beide Richtungen. Grund waren zwei Coronavirus-Verdachtsfälle. Der Personenverkehr ist inzwischen wieder freigegeben. Die Deutsche Bahn meldete am Montagvormittag keine Einschränkungen im Passagier- und Frachtverkehr.

"Wir können Entwarnung geben. Die beiden coronaverdächtigen Personen wurden negativ getestet", sagte Österreichs Innenminister Karl Nehammer am Sonntagabend. "Bei allen Passagieren, die in Österreich aussteigen, werden Identitätsfeststellungen vorgenommen." Alle Behörden hätten in diesem Fall rasch und mit hoher Vorsicht gehandelt, und die Meldekette habe unverzüglich funktioniert.

Zugtickets in Italien werden derzeit kostenlos erstattet, wenn Reisende ihre Fahrt wegen des Covid-19-Ausbruchs nicht antreten wollen. Das teilten die italienischen Bahnunternehmen mit. Trenitalia wird nach eigenen Angaben Zugfahrten unabhängig vom Tarif komplett erstatten, wenn Reisen wegen des neuartigen Coronavirus abgesagt werden. Wer ein Ticket für einen Hochgeschwindigkeits- oder Fernzug gebucht hat, erhalte ein Voucher mit einem Jahr Gültigkeit. Wer einen Regionalzug gebucht hat, bekommt eine Erstattung in bar. Der Schnellzug-Anbieter Italo bietet laut eigener Aussage Vouchers für alle Reisen aus den und in die betroffenen Regionen im Norden Italiens an. Sie haben eine Gültigkeit bis Ende Juli.

Für den Verkehr auf der Straße sind keine Einschränkungen bekannt.

Was unternehmen Airlines und Flughäfen?

Die Ausbreitung des Coronavirus in Italien hat zunächst keine Auswirkungen auf den Flugplan der Lufthansa. "Wir beobachten die Lage sehr genau", sagte ein Sprecher der Airline. Aber bislang gebe es keine Änderungen oder Streichungen. Auch an Deutschlands größtem Flughafen in Frankfurt war bislang nichts bekannt über eingestellte Flüge von und nach Italien, wie ein Sprecher der Betreibergesellschaft Fraport mitteilte. Die Entscheidung darüber liege aber bei den Behörden oder direkt bei den Fluggesellschaften.

"Der Betrieb in Malpensa und Linate läuft regulär", heißt es auf den beiden Websites der Mailänder Flughäfen. Auch die Airports in Italiens Nordosten - Venedig, Treviso, Verona und Brescia - vermelden keine Abweichungen.

Am Flughafen der sizilianischen Hauptstadt Palermo habe man jedoch am Sonntagabend damit begonnen, auch bei allen Menschen Fieber zu messen, die aus Mailand oder Bergamo ankommen. Bisher waren die Temperaturmessungen  in Palermo laut dem Nachrichtenportal "La Sicilia" nur bei international Reisenden vorgeschrieben und bei Gästen, die aus Rom-Fiumicino kommen.

Wie verändert das Virus den Alltag in Italien?

Elf Städte im Norden sind abgeriegelt, 52.000 Menschen stehen praktisch unter Quarantäne: In der Lombardei wurden zehn Gemeinden in der Provinz Lodi, die südlich der Millionenmetropole Mailand liegt, zu Sperrzonen erklärt. Dort kontrollieren Sicherheitskräfte die Ein- und Ausreise. Zudem ist eine Gemeinde in Venetien betroffen.

"Norditalien geschlossen wegen des Coronavirus", schrieb am Sonntag "Corriere della Sera" in einem "Guide zur Ausgangssperre" . Es gebe nun gelbe und rote Zonen mit unterschiedlichen Maßnahmen. In der gelben Zone sei das Ziel, eine Ansammlung von zu vielen Menschen zu vermeiden, schreibt die italienische Tageszeitung mit Hauptsitz in Mailand. In der roten Zone, wo Infektionsherde bestätigt wurden, gibt es seitens der Polizei Straßenkontrollen, Züge und Busse dürfen nicht halten, alle Schulen sind geschlossen. 

Bars, Nachtlokale und andere Unterhaltungsbetriebe in den Gebieten müssen zwischen 18 Uhr und sechs Uhr schließen. Doch auch tagsüber machen bereits einige Kaffeebars nicht mehr auf - etwa am Mailänder Hauptbahnhof, wie der "Corriere" schreibt. Dieser sei am Montagmorgen halbleer gewesen, genau wie die U-Bahnen und Pendlerzüge .

Wie reagieren die Nachbarländer?

Frankreich hält eine Schließung seiner Grenze zu Italien nicht für nötig, wie Verkehrsminister Jean-Baptiste Djebbari sagte. Das Virus mache an Grenzen ohnehin nicht halt. Allerdings kommen laut der Zeitung "La Repubblica" alle Menschen in Quarantäne, die in der Lombardei und in Venetien unterwegs waren und nach Frankreich zurückkommen.

Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit schreibt auf seiner Website : "Wie für alle vom Coronavirus betroffenen Länder und Regionen gilt auch für Italien: Reisende sollen sich über die lokale Situation informieren."

Die Regierung in Österreich hat vor einer Hysterie gewarnt. "Wir sind nach wie vor in einer sicheren, stabilen Situation", sagte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) am Montag vor der Tagung von Fachgruppen und dem Einsatzstab. Es bestehe kein Grund zur Panik, bekräftigte auch Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). Alle 189 Tests auf das Coronavirus, die bisher in Österreich durchgeführt wurden, seien negativ. Die Behörden seien international in engem Kontakt.

Für die Beobachtung der neuen Lungenkrankheit ist es laut Anschober günstig, dass die klassische Grippewelle ihren Höhepunkt überschritten habe. Als Vorsichtsmaßnahme hatte der Landeschef von Kärnten, Peter Kaiser (SPÖ), am Sonntag vor Reisen ins nahe Norditalien abgeraten.

In Kroatien rät das Außenministerium den Bürgern, Reisen nach Venetien und in die Lombardei zu vermeiden, wie die "Repubblica" schreibt.

Griechenland hat erste Maßnahmen getroffen. Unter anderem werden seit Montagmorgen die Besatzungen von Fähren, die zwischen Italien und Griechenland pendeln, informiert, welche vorbeugenden Maßnahmen getroffen werden müssen, damit mögliche Verdachtsfälle rasch isoliert werden. Dies berichtete am Montag der griechische Staatsrundfunk. Außerdem hat Athen alle geplanten Klassenfahrten nach Italien verboten. Die Schüler von zehn Schulen, die sich zurzeit in Italien befinden, sollten zurück nach Griechenland kommen, teilte das Ministerium mit. "Wir treffen alle diese Maßnahmen vorbeugend. Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung", erklärte die griechische Bildungsministerin Niki Kerameos im griechischen TV-Sender Open am Montagmorgen. In Griechenland sind bislang keine Coronavirusfälle erfasst.

Auch Staaten in weiterer Distanz zu Italien haben sich bereits zu Reisen in das südeuropäische Land geäußert: "Wir empfehlen den Israelis nicht nach Italien zu reisen", sagte Israels Gesundheitsminister Yaacov Litzman laut der "Times of Israel" . Eventuell wolle man Reisende, die aus Italien nach Israel zurückkehren, unter Quarantäne stellen. Irland beschränkt seinen Aufruf zum Nicht-Reisen nach Italien auf die Regionen Piemont, Lombardei, Venetien, Emilia-Romagna und Latium.

Mit Blick auf mögliche Grenzkontrollen zur Eindämmung der Krankheit im Schengenraum sagte EU-Kommissar Janez Lenarcic, dies liege in der Kompetenz und Entscheidung der einzelnen Mitgliedstaaten. Er forderte die Regierungen aber auf, alle Entscheidungen zum Kampf gegen das Virus auf Grundlage "einer glaubwürdigen Risikobewertung" zu treffen sowie verhältnismäßig und abgestimmt zu handeln.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

jus/dpa/AFP
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