Côte d'Azur Die blaue Diva

Betörend schön, elegant und eiskalt teuer: Die französische Riviera ist die Königin der Küstenstriche am Mittelmeer. Ihre Reize betörten einst die Stars aus Hollywood, heute umgarnt die "Côte" reiche Exoten mit Leidenschaft am Luxus.

Von Marc Bielefeld


Irgendwann, wenn die Leichtigkeit der frühen Jahre dahin ist, wenn der wahre Glanz verflogen und der Stolz gebrochen ist, bleibt jeder großen Hure nur noch die nackte Arroganz. Wenn die Hure aber schlau ist und genügend Erfahrung besitzt, wenn sie wirklich schön ist, die halbe Welt ausgenommen hat und sich alles kaufen kann, bevor der letzte aller Träume unerfüllt bleibt, dann wird sie diese Arroganz in Perfektion beherrschen. Sie wird diese Arroganz durch die Straßen tragen und durch die marmornen Hotelhallen, und gelegentlich wird sie diese Arroganz aufblitzen lassen wie ein kaltes, makellos gewetztes Messer.

Die Côte d'Azur ist eine dieser großen Huren. Wahrscheinlich sogar die eleganteste, betörendste, durchtriebenste von allen. Eine Superdiva. Blasiert thront sie unter der Sonne Südfrankreichs, die auf ihr Haupt herabscheinen darf. Die französische Riviera. Die "Côte". Die Königin aller Küstenstriche.

Brasiliens Copacabana? Gegen sie nur ein Früchtchen. Eine ordinär wackelnde Pobacke, die im Sand kriechend Volleyball spielt. Kaliforniens Pazifikküste, Big Sur? Nichts als protzige Natur, die an die kulturlose Wüste der USA brandet. Und Acapulco, Kapstadt, die verschwitzten Strände der Karibik oder so etwas wie Sylt? Nach unwürdigen Konkurrentinnen dreht die Côte nicht mal den Kopf um. Parvenüs.

Unten in Cannes stolziert sie dir entgegen, die betagte Diva, in ihrem Licht und in ihrer Grandezza, vor dem glitzernden Meer und den alten Häusern, den Gassen und den Bistros, in denen die derbgesichtigen alten Männer sitzen, barfuß in blauen Segeltuchschuhen vor ihrem Pastis. Ihre ergebenen Statisten, die niemals von ihr lassen konnten. Und prompt haucht sie dir jenes Leben entgegen, das so viel gelebt hat und das sich um Sorgen niemals scheren würde. Nein, Madame verachtet Sorgen. Sorgen sind für Kretins.

Begrüßungs-Drink für 23 Euro

Erstmal ein Drink. Zum Ankommen, zum Befühlen. Du setzt dich hin, am berühmten Beachclub "Z Plage", unter Palmen und zu perlender Lounge-Musik, und nach zwei Minuten schiebt dir die Diva ihre erste Rechnung unter die Nase. "Un Gin Tonic, Monsieur? Avec Plaisir!" Um schlanke 23 Euro erleichtert sie dich. Eiskalt lächelnd, damit du gleich weißt, woran du bist.

Die Arme. Sie muss gelitten haben in den vielen Jahren. Wie jede Hure leidet, die alt wird und deren größte Gönner, deren Erfinder längst fort sind. Und ja, es waren große Namen, die es hier bunt getrieben haben. Zuerst kamen die Meister und ließen sich nieder. Van Gogh, Cézanne, Gaugin, Chagall, Picasso.

In der Belle Époque kamen die Zaren, die Könige Europas, um sich beim Polo und auf den Rennstrecken bei La Napoule zu tummeln. Es kamen Aga Khan und die Rothschilds, um 1929 das legendäre Casino am Palm Beach zu eröffnen, und sie hielten rauschende Bälle ab, gegen die jede heutige Oscar-Verleihung wie ein Kindergeburtstag bei Burger King anmutet. An den Pools tummelten sich bald Marlene Dietrich, Schriftsteller wie F. Scott Fitzgerald, und in den Dinnersalons stiegen Orgien der Dekadenz.

Für die Filmfestspiele tanzte Hollywood auf einem gecharterten Luxusdampfer aus Amerika an. Gary Cooper, Hitchcock, Orson Welles, Brando: Die Diva rollte ihre puffroten Teppiche aus, auf denen sich fortan die Crème de la Crème drängelte. Im "Eden Roc", in den Prunkhotels auf den Caps, residierten Lady Churchill, die Présidents, die Lenker der Welt. Beim Name-Dropping würde jede andere Küste erblassen.

Die Hure wurde berühmt. Und gierig. Sie nahm die Stones, die Mastrioannis, die Belmondos, die Bardot. In ihren Discos zappelten die "Vogue"-Models, die Côte wurde zum Mythos. Zum grandiosesten Luder aller Ufer der sieben Meere. Doch ihre großen Freier von einst sind längst weiter gezogen. Oder tot. Heute muss sich die Riviera mit dem Gemüse abgeben. Mit den Brad Pitts, Madonnas und George Clooneys. Den jämmerlichen Erben der altehrwürdigen Garde.



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