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15. Mai 2015, 09:15 Uhr

Trekking in der Mammuthöhle

Glück tief

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Auf 2000 Meter Höhe liegen die Höhlen des Dachsteingebirges - und tief hinein in den Fels führen ihre verzweigten Gänge. Eine Trekkingtour mit Forscher und Science-Fiction-Autor Herbert W. Franke in eine der längsten Höhlen Europas.

Wir gehen in die Berge - ganz wörtlich: Mitten am Tag befinden wir uns in stockfinsterer Nacht, Hunderte von Metern unter der Erdoberfläche und doch 2000 Meter über dem Meer. Gleichzeitig unten und hoch oben.

Der Forscher und Science-Fiction-Autor Herbert W. Franke hat uns mitgenommen zum Höhlentrekking in die österreichische Dachstein-Mammuthöhle, in den Felsen über dem Ort Hallstatt, der sich zäh ans steile Seeufer zu krallen scheint.

Hallstatt liegt im Salzkammergut, viel touristischer geht es nicht: Ski, Wandern, Klettersteige, Almdudler, das volle Programm. Aber ausgerechnet hier oben auf 1350 Metern, nur eine kleine Wanderung von der überlaufenen Krippenstein-Seilbahn entfernt, tauchen wir in eine fremde Welt ein.

Die Riesen-Eishöhle, eine Schauhöhle an der anderen Talseite, bietet das Rundumprogramm für Einsteiger: Beleuchtung, Treppen, Geländer inmitten einer geheimnisvoll mit versteckten Lampen in Szene gesetzten Eiswelt. Wir dagegen sind unterwegs in der Mammuthöhle. Auch sie bietet sichere Wege für Anfänger: Einen Kilometer lang führt ein beleuchteter Rundkurs in den Berg.

Rechts und links laden zudem Seitengänge zu Erkundungen in wilderes Gelände ein. Mit einem Höhenunterschied von über tausend Metern ist dieses eines der mächtigsten Höhlensysteme Europas. Über 65 Kilometer an unterirdischem Neuland wurden bislang erkundet - das ist die Spezialität des Wieners Herbert W. Franke.

Der drahtige, weißbärtige Mann klettert mit Rucksack, Helm, Wanderstiefeln und einem schlammverschmierten Overall an diesem Sommertag im Jahr 2010 vor uns durch einen engen Canyon. Dies ist sein Revier, seit er die Höhlenforschung als Student in den Fünfzigerjahren für sich entdeckte. Die Leidenschaft für die Untergrundkultur hat ihn jung gehalten - am Himmelfahrtstag ist er 88 Jahre alt geworden.

Der Untergrund lebt - aber nach ganz eigenen Regeln

Wir sind hier, um Tonaufnahmen zu machen für ein Hörbuch zum Thema Höhlenforschung. Die Dachstein-Mammuthöhle ist der perfekte Einstieg ins Thema: Sie ist nicht nur Abenteuerspielplatz, sondern gleichzeitig Labor, Prüfstein und Zankapfel der Höhlenforschung, und das seit ihrer Entdeckung vor hundert Jahren.

Mit dampfendem Atem sitzen wir im Licht der Stirnlampen in einer haushohen, länglich mäandrierenden Höhle, die wie ein steinernes Flussbett wirkt: die Paläo-Traun. Die Temperatur liegt permanent um die drei Grad Celsius. Stimmen hallen, kein Vogelsang, keine Sonne. Sollten die Lampe verlöschen, ist das Dunkel in der Mammuthöhle weitaus schwärzer als jede Nacht. Fast schmerzt die Reizlosigkeit uns, das Augentier, den Mensch. Glück tief, so grüßen sich Speläologen.

Doch nach und nach setzt ein Sinneswandel ein. Hier ein Rieseln, dort ein Tröpfeln, drüben ein Krabbeln, dann das Flattern einer Fledermaus. Die Forschung erkannte erst spät: Der Untergrund lebt - aber nach ganz eigenen Regeln. Moose gedeihen auch ohne Licht, Tiere verlieren Augen und Pigmente, Kalksteinfelsen werden ausgespült und wachsen andernorts neu als Stalagmiten.

Diese urtümliche Unterwelt erlaubt tiefe Einblicke in fundamentale Prozesse: das Rinnen von Grundwasser, das Werden und Vergehen von Gebirgen, das Leben und Sterben der Menschen in vorgeschichtlicher Urzeit, die Stärken und Schwächen von Methoden modernster Forschung.

Höhlen sind Un-Orte, auf die Utopien und Ängste projiziert werden. Uralte Mythen besingen Zwerge, Könige und Drachen im Berginnern. Selbst die Aufklärung stocherte lange im Dunkeln. Verwesende Meerestiere hätten die Hohlräume durch ihre Faulgase geschaffen, hieß es noch im Barock; die Sintflut habe die Gesteinsbrocken im Erdinnern verstreut; unterirdische Quellen würden aus dem Erdinnern gespeist.

Die Mammuthöhle als Modell

Noch zur Kaiserzeit lautete eine weit verbreitete Hypothese, dass die riesige Dachstein-Mammuthöhle in den Alpen durch abfließendes Wasser schmelzender Gletscher nach der Eiszeit ausgewaschen worden sei, erzählt uns Günter Stummer, ein bärtiger, kräftiger Mann. Er ist Vizepräsident des Verbandes Österreichischer Höhlenforscher und seit Jahrzehnten mit Franke befreundet.

Als 1910 die Erkundung der Mammuthöhle begann, bedeutete das "einen Urknall in der Höhlenforschung, da man nicht dachte, dass es so riesige Höhlensysteme im alpinen Bereich gibt", sagt Stummer. "Die Leute dachten: 'Wir können ganze Berge durchwandern, das hört nie auf!'"

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erkannten Forscher wie Herbert W. Franke, dass riesige Hohlräume nicht durch große Wassermassen ausgewaschen werden, sondern meist eher durch chemische Prozesse wie die "Mischungskorrosion", welche den Kalk auch tief im Erdinnern auflösen kann. Dafür braucht es keine tobende Flut, ein dünnes Rinnsal reicht.

Franke malt uns dazu handschriftlich eine Skizze, er hat immer Stift und Papier mit dabei. Jedes Höhlentrekking ist für ihn auch Forschung. Mithilfe seiner neuen Einsichten gelang ihm die Datierung von Tropfsteinen. Heute versucht man, sie als eine Art steinerne Klimachronik zu lesen: Feuchtwarmes Klima beschleunigt die Höhlenbildung, eine Eiszeit lässt sie erstarren, weil das Wasser gefriert.

Tourismus und Forschung bilden hier am Dachstein eine Symbiose, sagt Stummer: "Die Dachsteinhöhlen sind deshalb so bekannt und berühmt geworden, weil sie mit dem Bau der Seilbahn 1951 leicht erreichbar waren. Deswegen waren so viele Forscher und Wissenschaftler hier, und dadurch ist die Mammuthöhle ein Modellfall geworden, wo man die verschiedenen Theorien abklären konnte."

Mond versus Mammuthöhle

Über die Oberfläche des Mars wissen wir heute in vielerlei Hinsicht mehr als über einige Landschaften unter unseren Füßen. Denn dort unten muss fast jeder Meter an Neuland noch mit dem eigenen Körper erforscht werden, hängend im Nichts an dünnen Seilen, kriechend auf allen Vieren durch glitschige Gänge, auf dem Bauch robbend in lehmigen Engstellen, Schluff genannt. Roboter, Sonden oder Drohnen haben sich in Höhlen bislang kaum bewährt.

Während die Astronauten bei der Mondlandung wenigstens per Funk mit der Heimat in Houston verbunden blieben, sind Höhlenforscher wie Herbert Franke oft tage- oder sogar wochenlang völlig abgeschnitten von der Außenwelt, denn Funkwellen durchdringen zwar das All, nicht aber den Fels.

Frankes Science-Fiction-Romane mögen zwar in den Weiten des Alls spielen, aber sie speisen sich immer wieder aus seinen Erfahrungen in der Unterwelt, sagt er: "Einmal haben wir nach einer Woche großer Entdeckungen eine Ansichtskarte an die amerikanischen Astronauten geschrieben, die zur selben Zeit, als wir in der Höhle waren, zum Mond unterwegs waren."

Er empfand die Abgeschiedenheit am Grund seines eisigen Funklochs nicht als Entbehrung, sondern als Privileg: "Wir kleinen bescheidenen Leute, die in den Kalkgebirgen herumliefen, waren Astronauten überlegen, was die Freiheit der Entscheidungen betraf." Nicht schneller, höher, weiter. Sondern geduldiger, näher, tiefer. Glück tief.

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