Winterliche Nordseeküste Als Dünen-Doktor in Dänemark

Einsamkeit, kalte Brandung, Spaziergänge gegen den Sturm: Für manche ist die dänische Nordseeküste zur Nebensaison schöner als im Sommer. Dann gibt es dort auch ungewöhnliche Attraktionen - wie Urlauberkurse im Dünenbepflanzen.

Helge Sobik

Von Helge Sobik


An diesem Winternachmittag ist so einiges los an der Nordseeküste: Böen treiben eine vergessene Plastikkuchenform vor sich her, die Wellen versuchen, sich ein Stück Schiffstau zu holen und der Wind hat derweil seinen Spaß mit Hanne Kvist und ihren Helfern: Wann immer sie ein neues Strandhafer-Pflänzchen gesetzt haben, zerrt er schon wieder rastlos an den Halmen.

"Ein Unentschieden im Kampf gegen den Wind reicht uns schon", sagt Hanne Kvist. Sie ist eine von vier Dünenvogten, auf Dänisch Klitfoged, am Ringköbing Fjord. Sie zupft die Kapuze ihres Anoraks zurecht, die der Sturm gerade wieder wie einen Luftballon aufgepustet hat. "Die Pflanzen helfen uns dabei. Jede einzelne fixiert mit ihren Wurzeln den Sand dort, wo er ist. Und alle zusammen halten unsere Dünen fest." Sie verhindern, dass sich die Nordsee das Land holt - und eines fernen Tages bis zu den Ferienhäuser dahinter schwappt.

Über 50 Kilometer lang ist der Dünengürtel am Holmsland Klit entlang des jütländischen Ringköbing-Fjordes und manchmal einen halben Kilometer breit: ein Deich, den die Natur gebaut hat. Ein kleines Gebirge aus Sand mit ein paar Pfaden hindurch, mit Strandhafer, Moosen und flachen Brombeerranken, mit breiten Sandstränden auf der einen und Ferienhäusern auf der anderen Seite.

Endloser Strandspaziergang gegen den Sturm

Hinter den Dünen, in den Urlaubersiedlungen, ist es ruhig. Sehr ruhig. Nur in wenigen Fenstern brennen Teelichter, aus ein paar Schornsteinen qualmt es, ein paar Autos parken vor den Einfahrten - in der Nebensaison steppt nicht gerade der Bär in Holmsland Klit. Manche Touristen kommen gerade wegen dieser Einsamkeit, wegen der Stille und der Weite. Nebensaison-Fans, die es lieben, sich bei endlosen Strandspaziergängen gegen die Stürme zu stemmen.

Neuerdings können sie Hanne Kvist helfen. Denn ab und zu bietet sie Urlauberkurse im Dünenbepflanzen an - und lässt sich bei der Arbeit in dem kleinen Gebirge aus Sand helfen. Seit 15 Jahren ist sie Dünenvogtin - ein Job, der üblicherweise in der Familie bleibt und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Zu ihren Aufgaben gehört es auch, Schwachstellen - und dazu zählt jeder Durchgang, jeder Pfad zum Strand - rechtzeitig vor den Winterstürmen zu schützen, dort Stroh aufzuschichten, geschlagene Tannen aufzutürmen. Und alles im Frühjahr wieder wegzuräumen, bevor die Badeurlauber kommen.

"Letztlich kämpfen wir um jedes Sandkorn, das hier bleiben soll. Alle zehn Jahre kommt ein Sturm, der die Nordsee bis an die Dünen herantreibt. Er ist überfällig, der letzte war 1999." Jetzt zupft sie wieder die Kapuze zurecht. "Wer im Sommer zum Baden herkommt, der ahnt oft gar nicht, was wir alles unternehmen, damit es im nächsten Sommer noch so aussieht wie im Vorjahr."

Schmugglerkisten voller Schnaps, Perserteppiche, Schuhe

Auch Jesper Jensen arbeitet daran, dass alles so schön bleibt. Er fährt mit seinem Traktor den Strand ab, winkt den Spaziergängern zu, kurvt um ihre Hunde - und hält nach Fundsachen Ausschau. "Früher mussten wir während schwerer Stürme Wache halten und bereitstehen, um Besatzungen zu helfen, wenn ihre Schiffe an Land geworfen würden", sagt Jensen. Er ist einer der 22 Strandvogte der Region, ein weitgehend ehrenamtlicher Traditionsjob. "Heute passiert das nicht mehr. Schiffe sind viel sicherer geworden, Wettervorhersagen präziser, und mit GPS-Navigation gerät keiner mehr unwissentlich vom Kurs ab." Bei einem Unwetter sind die fast zwei Dutzend "Sandmänner von Holmsland Klit" auch heute noch in Rufbereitschaft.

Seit vier Jahren ist Jensen hier Strandvogt. Der Bauernhof in den Dünen, den er gekauft hat, ist seit jeher mit den Strandvogt-Pflichten belegt: Hauptsächlich dem Sammeln von angespültem Strandgut.
"Als Kind habe ich ein paar Kilometer weit entfernt im Sand gespielt - und nicht geahnt, dass ich hier mal in offiziellem Auftrag Treibgut einsammeln würde", sagt er und lacht. Ob mal was Wertvolles dabei war? "Die letzten zwei Jahre nicht. Früher gab es Schmugglerkisten voller Schnaps, sogar mal einen Container mit Perserteppichen, heute am ehesten Ausrüstung von Fischkuttern."

"Früher durften wir behalten und verkaufen, was wir an unseren Strandabschnitten fanden - und sei es einen ganzer Schiffscontainer voller Schuhe aus China", sagt Jesper. "Heute versteigern wir es ein- oder zweimal im Jahr, müssen den Erlös aber an den Staat abführen und bekommen nur noch eine Provision."

Tempel oder Statuen: Das Sandskulpturenfestival

Eine Nebelbank greift an diesem Wintertag plötzlich vom Meer aus nach Strand und Dünen, wie ein weißes Handtuch überdeckt sie alles, schluckt die Spaziergänger, die Häuser und auch den Traktor von Jesper Jensen.
Später kommt der Wind zum Randalieren, saugt Sandkörner empor, rüttelt an Ferienhaus-Fenstern, während ein paar glühende Holzscheite in manchem Kamin für wohlige Wärme sorgen. Nachts wird der Wind die Wolken unter dem Sternenhimmel wegschieben und schon mal Platz schaffen für den nächsten Wintersonnentag.

Der Sonnenschein kann Hvide Sande an diesem Morgen nicht aufheitern, er schaut etwas traurig. Ein Schaufelbagger trägt gerade seine Sandburg im Örtchen Söndervig ab. Auch Holm gehört in gewisser Weise zu den Sandmännern von Hvide Sande, er ist einer der Veranstalter von Skandinaviens größtem Sandskulpturenfestival. Künstler aus aller Welt "schnitzen" dafür jedes Jahr im Juni Figuren aus dem Sand, modellieren ganze Arenen, antike Tempel und riesige Statuen.

Bis in den Winter ist die Ausstellung im Sand zu sehen. Dann muss Platz geschaffen werden für die Burgen des nächsten Sommers. Damit die Ferienhausgäste wieder etwas anschauen können - falls sie nicht gerade sonnenbaden, schwimmen, Volleyball spielen oder auf der Ferienhausterrasse Lachs grillen. Oder Jesper Jensen beim Schatzsuchen helfen. Und Hanne Kvist beim Pflanzen zur Hand gehen.

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