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Dartmoor: Gruselstunden im Hochmoor

Foto: Dartmoor Partnership/ Richard Knights

Dartmoor Auf der Spur des Höllenhundes

Das Dartmoor im Südwesten Englands ist bekannt als Schauplatz finsterer Gruselgeschichten. Hier ließ Sir Arthur Conan Doyle den Hund der Baskervilles seine Opfer zu Tode hetzen. Doch bei Sonnenschein zeigen die Originalschauplätze im Hochmoor ihre ganze herbe Schönheit.

Der Golden Retriever ist außer sich vor Freude. Schwanzwedelnd hechelt er um die Picknicktische und um die ausgestreckten Beine der spätsommerlichen Wanderer. Seine Schnauze schießt vor Begeisterung zitternd von Schafsdung-Haufen zu Schafsdung-Haufen. Ein scheuer Blick zu Frauchen - guckt sie zu? Nein - welch' ein Glück! - und schwupps, beißt er in den nächsten Haufen und kaut genüsslich die Verdauungsreste des Moorschafes.

Das Dartmoor ist ein Paradies für Hunde: weites Heideland, gesprenkelt mit frei laufenden Schafen, Rindern und Pferden. Berühmt wurde die raue Landschaft im Südwesten Englands allerdings nicht durch verspielte Golden Retriever. Sondern durch eine der berühmtesten Bestien der Literatur. "Es war wirklich ein Bluthund, ein riesiger, rabenschwarzer Bluthund (...). Feuer schlug aus seinem offenen Maul, die Augen glühten in einem verhaltenen Lodern, Schnauze, Nacken und Wamme waren von flackernden Flammen gezackt": der Hund der Baskervilles.

Das unheimliche Vieh entsprang der Phantasie Sir Arthur Conan Doyles, inspiriert durch die Legenden, die sein Bekannter Fletcher Robinson aus seiner Heimat, dem Dartmoor, erzählte. Ein Geisterhund, der eine Familie zu Tode hetzt - der schottische Arzt und Schriftsteller wusste sofort, dass sich diese Story gut verkaufen würde. Er reiste in das Moor in Devon, um sich vor Ort einen Eindruck von der kargen Landschaft zu verschaffen. Die neblige Atmosphäre des einsamen Hochmoors beeindruckte Conan Doyle tief. Tatsächlich ist kaum einer seiner Romane so voller düsterer Naturbeschreibungen wie der ab 1901 erscheinende "Hund der Baskervilles".

Feuchtes Moos und gierige Hirschzungen

In England ändert sich wenig, und wenn doch, dann nur sehr langsam. Was Conan Doyle seinen Doktor Watson im sechsten Kapitel auf der Fahrt nach Baskerville Hall beschreiben lässt, sieht auch heute noch genau so aus: "Jenseits der grünen Gevierte der Felder und der sanften Biegung eines Waldes erhob sich in der Ferne ein grauer, melancholischer Hügel mit einer seltsam gezackten Kuppe, verschwommen und vage in der Entfernung wie eine phantastische Traumlandschaft. (...)

Wir fuhren nun bergauf, durch tiefe, von den Rädern in Jahrhunderten ausgehöhlte Wege, mit steilen Böschungen auf beiden Seiten, die von feuchtem Moos und üppigen Hirschzungen überwuchert waren." Lediglich die Kutschen sind Land Rovern gewichen. Wollen auf den engen Wegen zwei davon aneinander vorbei, müssen sie so weit in die Böschung hineinfahren, dass die Hirschzungen gierig am Autolack lecken.

Watsons Ziel war das Herrenhaus der Baskervilles. Eine hochherrschaftliche Familie diesen Namens hat es allerdings nie gegeben. Vielmehr war Harry Baskerville der Name des Kutschers, der Conan Doyle damals durch das Moor chauffierte. Er machte aus Harry kurzerhand Henry und geboren war die verfluchte Dartmoor-Dynastie. Auch der Familiensitz, Baskerville Hall, war also nur eine Erfindung. An adäquaten Herrenhäusern mangelt es jedoch im Moor keinesfalls.

Und so erhielt Bovey Castle die Ehre, bei der Verfilmung des Romans im Jahr 1939 als Kulisse zu dienen. "Plötzlich sahen wir in eine schalenförmige Mulde hinab, wie mit Flicken übersäht von verkümmerten und durch viele Jahre wütender Stürme verbogenen Eichen und Tannen. Zwei hohe, schmale Türme erhoben sich über die Bäume. Der Kutscher deutete mit der Peitsche. "Baskerville Hall", sagte er." Im Buch treten Watson und der Baskerville-Erbe Henry nun in ein zugiges, düsteres Gemäuer. Doch 70 Jahre nach dem Dreh prasselt im Kamin von Bovey Castle für späte Gäste stets ein munteres Willkommensfeuer.

Inbegriff allen Gruselns ist im "Hund der Baskervilles" der Grimpen-Sumpf. Im Roman führt der nur scheinbar harmlose Schmetterlingsforscher Stapleton die tückische Niederung Watson mit einem trockenen Lachen vor: "Ein falscher Tritt bedeutet den Tod für Mensch oder Tier." Die beiden beobachten, wie eines der wildlebenden Ponys hilflos im Morast versinkt. "Ein grauenhafter Schrei gellte über das Moor. (...) "Da geht es hin!" sagte er. "Der Sumpf hat es verschlungen. (...) Ein schlimmer Ort, der große Grimpen-Sumpf."

Heute müssen die wilden Ponys und auch die Menschen den Grimpen-Sumpf nicht mehr fürchten. "Ja, ich bin auch schon mal im Morast eingesackt", gibt Ian Durrant, Ranger des Dartmoor National Park, zu. Sein Lachen aber ist nicht hämisch und böse, sondern hell und ansteckend. "Aber nur bis zur Hüfte - tiefer geht's nicht."

"Wigwams" aus prähistorischen Zeiten

Im Roman steigt Holmes nicht in Baskerville Hall ab, sondern zieht weiter - nach Grimspound. Was von weitem aussieht wie eine ganz gewöhnliche britische Feldmauer, ist in Wirklichkeit über 3000 Jahre alt. Es ist die Umrandung eines bronzezeitlichen Dorfes. An genau dieser Stelle stand auch Watson. "Der ganze steile Abhang war von wenigstens einem Dutzend kreisrunder grauer Steinringe bedeckt. 'Was ist das? Schafhürden?' 'Nein, das sind die Heimstätten unserer werten Vorfahren. Das Moor war dicht von prähistorischen Menschen besiedelt (...). Dies hier sind ihre abgedeckten Wigwams. Sie können ihre Herde und Ruhelager sehen, wenn Sie neugierig genug sind, hineinzugehen.'"

Wen die Neugier treibt, der kann heute immer noch in der Ecke die Feuerstelle entdecken. Und das flache Steinbett könnte ein Sofa sein. Nur sechs Jahre vor Conan Doyles Besuch im Dartmoor fand eine große Ausgrabung in Grimspound statt. Die Archäologen haben dabei recht freimütig auch einige Hütten wieder nach ihren eigenen Vorstellungen aufgebaut.

Im schrägen Licht der untergehenden Sonne parkt Ian das Auto vor dem schweren Eisentor des Friedhofs von Buckfastleigh. Hier liegt Richard Cabell - das Vorbild für den Wüterich und Urahn Henrys: Hugo Baskerville. Cabell trieb im 17. Jahrhundert in Buckfastleigh sein Unwesen und war kein angenehmer Zeitgenosse. Gerüchte gingen im Moor um, dass er seine Frau vergiftet und einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben soll.

Als Cabell am 5. Juli 1677 starb, ging ein Aufatmen durch die Gemeinde. Doch die braven Bürger wähnten sich zu früh in Sicherheit. Kaum lag sein Leichnam im Grab, erschien des Nachts ein Pack schwarzer Hunde und strich heulend um die Gruft. Um dem Spuk ein Ende zu setzen, bauten die Bürger von Buckfastleigh einen schweren Steinmantel um den Sarkophag. Sie leisteten gründliche Arbeit. Noch heute hält der steinerne Deckel Richard Cabell sicher in seinem Grab. Im Abendlicht des freundlichen Septembertages freilich liegt der kleine Friedhof friedlich da.

Mit der Dämmerung kriecht langsam die Kälte hoch. Hügel um Hügel wird von Schatten zugedeckt. Conan Doyle war regelrecht verzaubert von der Magie dieses Ortes. Er legte seine Liebeserklärung an das Dartmoor dem Bösewicht Stapleton in den Mund: "'Dieses Moor ist eine wunderbare Gegend', sagte er; er schaute über die Dünung der Hügel, lange grüne Wogen mit Kämmen von zerklüftetem Granit, die zu phantastischen Brandungen aufschäumten. 'Man wird des Moors nie überdrüssig. Sie können sich nicht vorstellen, welche wunderbaren Geheimnisse es birgt. Es ist so weitläufig und so öde und so rätselhaft.'"

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