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22. Dezember 2008, 14:46 Uhr

Deftige Krippenkunst in Neapel

"Kommt zu mir, Schwestern!"

Von Bärbel Schwertfeger

In Neapel ist die Krippe wichtiger als der Tannenbaum - doch wird sie nicht nur mit biblischen Figuren geschmückt. Auch Politiker, Prominente und Priester finden hier ihren Platz, oftmals allerdings in recht deftiger Darstellung.

Der abgeschlagene Kopf von Lega-Nord-Chef Umberto Bossi liegt auf dem Hackbrett. Daneben steht Berlusconi mit goldener Krone und einem Besen in der Hand. Rechts davon lüpft ein Mönch seine Kutte und frohlockt: "Kommt zu mir, Schwestern!"

Am Krippenstand in der Via San Gregorio Armeno in der Altstadt von Neapel geht es deftig zu. "Qui in visione pastori dalle mani pullite"- "Hier sieht man Schäfer mit sauberen Händen" steht über der Auslage – eine Anspielung auf Mafia-Untersuchungen der neunziger Jahre. Prominente und Politiker stehen bereit für ihren Einsatz in der Weihnachtskrippe.

Gegenüber wartet ein doppelköpfige Fußballer auf Käufer. Auch Nicolas Sarkozy und Barack Obama haben es bereits bis in die berühmte Straße der Krippenbauer geschafft. Und ein paar Meter weiter gibt eine überdimensionale Puppenstube Einblick in das Alltagsleben der Neapolitaner im 18. Jahrhundert. Bäcker schieben ihre Pizza in den Ofen, Marktfrauen bieten ihr Gemüse an, und eine Bäuerin pumpt Wasser aus dem Brunnen.

Die Krippe hat in Neapel einen wichtigeren Stellenwert als der Weihnachtsbaum. Schließlich sehen sich die Neapolitaner als Erfinder der "Krippenfiguren". Ging es ursprünglich um die Darstellung der Heiligen Familie, kamen später immer mehr bemalte Terrakotta-Figuren von Eseln, Ziegen und Schafen dazu. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden dann die ersten Gliederpuppen aus Holz, deren bewegliche Arme und Beine es ermöglichten, die Figuren in vielfältige Positionen zu bringen.

Ihre Blütezeit erlebte die Krippenkunst unter dem Bourbonenkönig Karl III. im 18. Jahrhundert. Seine Krippen sollen mehrere Palastzimmer gefüllt haben. Nun wurden auch Alltagsszenen dargestellt und mit Landschaftsbildern ergänzt. Der Krippenbau wurde zum beliebten Hobby der Adligen. "Die Prinzessinnen nähten die teils prächtigen Kleider, der König bestimmt die Aufstellung", erklärt Stadtführerin Laura Vigilante.

Rohlinge für Hobbybastler

Noch heute ist die Weihnachtskrippe bei den Neapolitanern das, was bei uns die Modelleisenbahn ist. Jedes Jahr werden neue Szenerien aufgebaut und neue Figuren angeschafft. In der Vorweihnachtszeit herrscht daher in der engen Krippengasse dichtes Gedränge. In den winzigen Läden gibt es alles, was das Herz der Krippen-Liebhaber begehrt: Figuren aller Couleur vom Jesuskind bis zum Mafiaboss, detailgetreue Nachbildungen von Haushaltsgegenständen und gastronomischer Spezialitäten bis zu exotischen Tierfiguren. Hobbybastler können hier mit Hanfgarn überzogenen Drahtgeflechte erwerben und daraus je nach Geschmack und Geschick die Figuren ihrer Wahl gestalten.

Auch die roten Cornetti – kleine rote Hörnchen in allen Größen und Formen – fehlen dabei in keinem Geschäft. Galt das Hörnchen ursprünglich als Symbol für Potenz und Fruchtbarkeit, so dient es heute dem Schutz vor dem bösen Blick. Ob aus Plastik, Koralle oder Gold, als Schlüssel- oder Kettenanhänger oder über der Haustür – ein Corno findet überall seinen Platz. Nur für sich selbst kaufen darf man den Talisman nicht. Denn seine Wirkung zeigt er angeblich nur, wenn er als Geschenk überreicht wurde.

In Italiens drittgrößter Stadt ist der Aberglaube noch immer allgegenwärtig. Bestseller ist noch immer ein Buch, das Hilfe dabei verspricht, anhand seiner Träume die richtigen Lottozahlen entschlüsseln zu können. Früher adoptierte man dazu einen Schädel. Auswahl dafür gab es genug. Weil die Armen kein Geld für eine Beerdigung hatten, stapelten sich auf den Friedhöfen die Skelette. Also suchte man sich einen Schädel aus, nahm ihn mit nach Hause und betete für ihn, um ihn vor dem Fegefeuer zu bewahren. Dafür sollte der Verstorbene seinem Retter dann im Traum die Lottozahlen einflüstern.

Düsteres Labyrinth im Untergrund

In den dunklen Wintertagen entfaltet die morbide Altstadt Neapels ihren besonderen Reiz. Die flackernden Opferkerzen der zahlreichen Hausaltare tauchen die Gassen in ein gespenstisches Licht. Wie dunkle Schatten huschen die Roller-Fahrer an den Passanten vorbei, und aus den schmalen Stehbars strömt der Duft von heißem Espresso. In den Kirchen sind bereits die prächtigen Krippen zu bewundern. Nur das Jesuskind fehlt noch. Das wird erst in der Mitternachtsmesse am Heiligen Abend aufs Stroh gelegt.

An Heiligen herrscht in Neapel kein Mangel. In der Barockkapelle des Duomo San Gennaro werden die Blutreste des Stadtpatrons San Gennaro aufbewahrt. Zweimal im Jahr verflüssigt sich – nach den tagelangen Gebeten gläubiger Frauen - das Blut auf wundersame Weise. Fällt das Mirakel aus, ist das ein schlechtes Omen für die Stadt. Als dies einmal der Fall war, erschütterte ein Erdbeben die Stadt. Das ging nur deshalb relativ glimpflich ab, weil Neapel Untergrund durchlöchert ist wie ein Schweizer Käse.

Denn unter dem Gewirr der Altstadtgassen verbirgt sich ein über 100 Kilometer langes Labyrinth aus Höhlen, Kanälen und Tunneln. Ein Teil davon entstand bereits aus der Zeit der Stadtgründung durch die Griechen. Sie nutzten den weichen Tuffstein als Baumaterial und die entstandenen unterirdischen Höhlen als Wasserzisternen. Die Römer erweiterten das System und leiteten Wasser aus der Umgebung über Aquädukte in die unterirdischen Kammern zur Wasserversorgung der Bevölkerung.

Nach der großen Choleraepidemie 1885 wurde das Zisternensystem nicht mehr genutzt. Dann erinnerte man sich im Zweiten Weltkrieg wieder an das unterirdische Labyrinth und nutzte es als Luftschutzbunker. Nach dem Krieg wurden die Höhlen als Mülldeponie benutzt, und Neapels Unterwelt geriet langsam in Vergessenheit. Erst dank des 1989 gegründeten Vereins Napoli Sotterranea wurde das Höhlenlabyrinth wieder zugänglich gemacht und gehört heute zu einer der interessantesten Touristenattraktionen.

Unheimliche Erkundung in engen Tunneln

Der Abstieg in den Untergrund liegt an der kleinen Piazza San Gaetano im Herzen der Altstadt. Doch bevor Nadja vom Vereins Napoli Sotterranea ihre Gäste auf die unterirdische Entdeckungstour mitnimmt, führt die Studentin sie durch die Gassen zu einer Erdgeschosswohnung. Dort schiebt sie im Schlafzimmer ein Bett zur Seite und öffnet eine Geheimtür in den Keller. Über eine Treppe erreichen sie einen gemauerten Gang.

"Wir befinden uns jetzt in den Ankleideräumen unter der Bühne des Theaters von Kaiser Nero", erzählt Nadja. "Das war vor 2000 Jahren das größte Gebäude Neapels". Erst vor sechs Jahren hat man die Reste des Theaters entdeckt, und der Verein hat die Wohnung gekauft. Mehr lässt sich nicht ausgraben, weil darüber Häuser stehen.

Am Eingang in die Unterwelt führen flache Stufen rund 30 Meter hinab in die feuchte Tiefe. Bis zu 2000 Menschen sollen hier im Zweiten Weltkrieg Schutz vor den Bombenangriffen gesucht haben. Graffiti und Fotocollagen an den Wänden erzählen noch von den schlimmen Tagen. Dann drückt Nadja jedem eine Kerze in die Hand und kriecht gebückt durch einen schulterbreiten Tunnel bis zu einer alten Zisterne. Das dunkle Gewölbe hallt unter den Schritten, Wasser tropft von der Decke. Es ist unheimlich – wie vieles in der 2500 Jahre alten Metropole.

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