Vulkanausbruch in der Cumbre Vieja: Seit Sonntagnachmittag strömt Lava gen Meer
Vulkanausbruch in der Cumbre Vieja: Seit Sonntagnachmittag strömt Lava gen Meer
Foto: CARLOS DE SAA / EPA

Vulkanausbruch auf La Palma »Explosionen lassen ständig Türen und Fenster klappern«

Die Eruptionen des Vulkans auf La Palma könnten noch Wochen andauern. Bereits jetzt hat der Lavastrom Hunderte Gebäude unter sich begraben. Auch Besitzer von Ferienimmobilien fürchten um ihre Häuser auf der Insel.
Von Antje Blinda und Claus Hecking

Mathias Siebold wohnt etwa fünf Kilometer nördlich von Todoque, dem Ort, in dem die bis zu zwölf Meter hohe und tausend Grad heiße Lavawand vor der Stadtkirche vorerst zum Halten kam.

»In der Nacht konnten wir kaum schlafen, dauernde Explosionen ließen ständig Türen und Fenster klappern, und es ist einfach auch sehr laut«, schreibt er am Donnerstagmorgen in seinem Blog . »Allerdings sind diese Explosionen nicht mit den Beben zu verwechseln, welche uns ja sehr viel größere Sorgen bereiten, da wir nach wie vor die Öffnung neuer Schlote fürchten.«

DER SPIEGEL

50 Jahre lang hielten die Vulkane der Cumbre Vieja auf La Palma still. Dann erschütterten gut eine Woche vor der Eruption mehr als tausend Beben die Insel im Nordwesten der Kanaren, die Behörden bereiteten die Bewohner auf den Katastrophenfall vor. Seit dem Ausbruch am Sonntagnachmittag strömt die Lava vom Montaña Rajada über die Westhänge des vulkanischen Rückens hinab und begräbt auf ihrem Weg Richtung Meer Häuser, Schulen, Bananenplantagen.

Tag für Tag spuckt die Cumbre Vieja zwischen 6000 und 11.500 Tonnen Schwefeloxid aus. Die Wolke erreichte die Küste Marokkos und sollte am Mittwoch über das spanische Festland gen Balearen und Südfrankreich ziehen.

Mehr als 6000 der rund 83.000 Insulaner mussten ihre Häuser verlassen, etwa 400 Touristen wurden nach Teneriffa gebracht. Die Lava zerstörte laut dem europäischen Erdbeobachtungsdienst Copernicus 350 Gebäude und 166 Hektar Land:

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»Noch sind wir nicht in der Falllinie der Lavaströme, sollte sich aber ein neuer Schlot oberhalb des Ortskerns El Paso öffnen, dann sind auch wir dran«, schreibt Siebold. »Aber so weit sind wir nicht, und so fühlen wir uns an unserem Standort trotz der Nähe von knapp drei Kilometern zum Eruptionszentrum relativ sicher.« Der Blogger wohnt mit seiner Frau auf der kanarischen Atlantikinsel und vermietet zwei Ferienhäuser.

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Vulkanausbruch auf La Palma: Flucht vor der Lava

Foto: Ramon de la Rocha / EPA

Buchautor und Reiseleiter Manfred Betzwieser, 68, lebt seit mehr als 20 Jahren auf La Palma, zurzeit auf der sichereren Ostseite der Insel. Das Grollen und die Eruptionen hört er noch in zehn Kilometer Entfernung, in der Nacht begannen Lavapartikel auf seine Terrasse zu rieseln.

Der gebürtige Franke beschreibt auf seinem Blog , wie der Lavastrom in der Nacht zum Mittwoch den alten Ortskern von Todoque zerstörte: »Alles, was im Wege stand, wurde verbrannt und unter der glühend tausend Grad heißen Lava begraben. Häuser, Straßen und Gärten sind verschwunden. Die Feuerwehr von Gran Canaria, die für diesen Abschnitt zuständig ist, hatte noch mit Raupen und Baggern versucht, einen Seitenkanal zu schaffen – vergebens.« Die Stadtkirche blieb bisher stehen.

»Unser Herz hängt daran«

Wolfgang Bauer-Schneider fürchtet jede Stunde, dass seine Ferienhäuser niedergewalzt werden. Der Darmstädter, der seit 30 Jahren immer wieder nach La Palma reist, ist Vorsitzender eines Vereins von Langzeiturlaubern, die »ein gemeinschaftliches Urlaubs-Wohn-Projekt auf La Palma« betreiben. Die Mitglieder konnten sich mit Finanzierungsbeiträgen am Kauf der Bungalows beteiligen – und dann zwei bis sechs Monate im Jahr dort leben. Durchschnittlich vier teilen sich ein Häuschen. Per Kalender wird geregelt, wer wann seine Auszeit dort verbringen kann; gibt es Lücken, werden die Casitas über Buchungsplattformen vermietet.

»Erst vergangene Woche wurde eine Fotovoltaikanlage zur eigenen Stromerzeugung – auch für eine Warmwasseranlage – auf dem Dach installiert. Wir wollten die ganze Anlage ökologisch modernisieren«, sagt Bauer-Schneider. Fünf Bungalows stehen in der Anlage Casitas BuenVivir, ganz in der Nähe von Todoque.

»Wir waren erst optimistisch, dass wir verschont bleiben«, sagt er. »Nach und nach aber kamen wir zu der Erkenntnis, dass wir warten müssen, bis der Vulkanausbruch zu Ende ist: Sollte die Lava über die Casitas hinwegströmen, wäre das Projekt gestorben. Unser Herz hängt daran, aber wir versuchen, realistisch damit umzugehen: Andere Menschen haben Hab und Gut verloren, ihr Dach über dem Kopf.« Die Bungalows des Vereins »Das gute Leben teilen« seien dagegen nur ein Urlaubsobjekt.

Zurzeit ist das Objekt gesperrt, nur die Polizei dürfe sich den Häusern nähern, sagt der Vereinsvorsitzende. Die Anlage ist versichert, anders als etwa in Deutschland ist in der Gebäudeversicherung auch eine obligatorische Abgabe an einen staatlichen Katastrophenfonds eingeschlossen. Es habe geheißen, der werde dann für die Schäden aufkommen, erzählt Bauer-Schneider. »Wir hoffen, dass das auch so stimmt.«

Vor allem Einwohner von Todoque und der nächstgelegenen Städte Los Llanos de Aridane und El Paso mussten ihre Häuser verlassen. »Die Menschen hier sind in einer Krise. Wenn sie nicht deprimiert sind, stehen sie am Rande des Abgrunds«, sagt Jonay Pérez der spanischen Zeitung »El País«. Er ist Sicherheitsbeauftragter der Gemeinde El Paso. Seiner Mutter gehörte eines der Gebäude in der Siedlung El Paraíso, die am Montag von einer Lavazunge mitgerissen wurden.

»Sie hat in zwei Tagen fünf Kilo abgenommen«, sagt er, ihr Geschäft sei von der Lava begraben worden. Pérez' Mutter hat allein Waren im Wert von 30.000 Euro verloren. Aber das sei nur das Geld: »Die meisten von uns sind dort geboren. Wir haben unser ganzes Leben verloren.«

Die finanziellen Schäden schätzte Regionalregierungschef Ángel Víctor Torres einschließlich zerstörter Pflanzungen und Infrastruktur auf »sicher mehr als 400 Millionen Euro«. Laut dem kanarischen Vulkanforschungsinstitut Involcan können die Eruptionen noch drei bis zwölf Wochen andauern.

Neuer Lavastrom im Süden

Experten hatten damit gerechnet, dass der Lavastrom schon am Montagabend das Meer erreichen würde. Solch ein Zusammentreffen von Lava und Meerwasser verglich Involcan-Forscher David Calvo mit einem »Kampf der Titanen«. Er befürchtete, dass sich dabei giftige Gase bilden könnten.

Auch Explosionen glühender Lavabrocken und kochend heiße Flutwellen sind nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS möglich; ein Sperrgebiet mit einem Umkreis von zwei Seemeilen wurde verhängt. Inzwischen vermutet der technische Leiter der Taskforce, Miguel Angel Morcuende, dass die Lava das Meer möglicherweise nicht erreichen werde – die Fließgeschwindigkeit hat sich stark verlangsamt.

Den Menschen, deren Häuser in Fallrichtung des Lavastroms liegen, gebe dies »mehr Zeit, viele Dinge aus ihren Häusern zu bergen«, schreibt Ferienhausvermieter Mathias Siebold. In Begleitung des Zivilschutzes konnten die Bewohner von Todoque am Mittwoch Kleinlaster, die sonst Bananen transportieren, noch mit Möbeln, Gemälden, Lampen und Sofas beladen. Sorgen bereitete Siebold nun eine neue, südlicher gelegene Lavazunge. Sie könnte auf ihrem Weg eine weitere Schneise der Zerstörung in das besiedelte Gebiet schlagen.

Mit Material von AFP