Die Norweger Zwischen Eiseskälte und Herzenswärme

Kontaktfreudig sind die Norweger, heimatverbunden und zugleich sehr den modernen Errungenschaften zugetan. Im langen Land an Europas Nordspitze lebt es sich zurzeit besser als irgendwo sonst auf der Welt - statistisch belegt und subjektiv empfunden von Autorin Nina Freydag.

Einmal spazierte ich durch ein kleines Dorf am Eismeer, nicht sehr weit vom Nordkap. Es war durch einen Dokumentarfilm berühmt geworden, der das norwegische Volk zu Tränen gerührt hatte: Er handelte von einem betagten Fischerchor. Kaum war ich angekommen, kam mir schon einer der greisen Sänger auf seinem Klapprad entgegen. Ich winkte ihm vom Wegesrand zu und sprach ihn an: "Du?" Das mag unhöflich klingen, doch in Norwegen duzt man jeden - nur den König nicht.

Der alte Mann hielt etwas zittrig an und stabilisierte den Lenker, von dem eine Plastiktüte hing. Er kam gerade vom Einkaufen. Dann lächelte er mich durch seine dicke Brille an und sagte: "Hei!" "Hei", sagte ich, "ich wollte mich so gerne mal mit dir unterhalten." Bevor ich nachschieben konnte, dass ich nämlich Journalistin sei, antwortete er schon: "Ja, das wird doch wohl möglich sein." Er rutschte wieder auf seinen Fahrradsitz: "Du weißt ja, wo ich wohne", sagte er und trat in die Pedale.

"Wann soll ich denn kommen?", fragte ich ihm verwirrt hinterher. "Wann du willst", sagte er im Davonradeln.

Ein paar Stunden später besuchte ich ihn in seinem gelben Haus, das wirklich nicht schwer zu finden war, und stellte mich eilig vor. Ihn interessierte aber gar nicht, wer ich war. Er hätte mit jedem geplauscht, der ihn darum bat. Er führte mich ins Wohnzimmer und zeigte mir das Bild seiner verstorbenen Frau, die er so sehr vermisse. Dann schenkte er mir in der Küche Kaffee ein und erzählte sein Leben.

Der Dialekt ist Beweis von Identität

Natürlich ist nicht ganz Norwegen so liebenswürdig, dennoch verkörpert der alte Mann in dem Dorf jenseits des Polarkreises für mich, was ich an den Norwegern so mag. Sie sind offen, ohne Misstrauen und helfen nur zu gerne. In diesem Land, das so groß ist wie das alte Westdeutschland, aber nur 4,5 Millionen Einwohner zählt, sind die Menschen einander etwas mehr wert als bei uns. Und sie sind außergewöhnlich kontaktfreudig. Jede neue Begegnung erfordert ein regelrechtes Befragungsritual. Hände schütteln, Namen nennen und schon fragt einer: "Woher kommst du?"

Am Dialekt hat man es meist schon ungefähr erkannt. Gekratztes "r": Südwest-Norweger. Gerolltes "r": Nordost-Norweger. Unmöglich, einen Menschen aus Stavanger für einen aus Trondheim oder Tromsø zu halten. Der erste spült die Sprache weich, der zweite quetscht seine Vokale, der dritte singt seine Worte.

Nun reicht es dem Gegenüber aber nicht, die Region zu erraten. Er will Genaueres wissen: aus welchem Tal, aus welchem Ort? Woraufhin er sofort die Namen aller Menschen hervorkramt, die als gemeinsame Bekannte in Frage kommen: "Kennst du Arild, der an der Tankstelle jobbt, sein Vater hat den ersten Hof auf dem Hügel, wenn du ins Tal fährst? Wir waren zusammen beim Militär." Norweger führen solche Gespräche mit nimmermüder Hartnäckigkeit. Der Spaß des Ausfragens liegt darin, dass die Erfolgschancen so wunderbar hoch sind.

Auch unter den jungen Leuten, die von Studium und Beruf durchs Land gewirbelt werden, ist "Woher kommst du?" liebstes Gesellschaftsspiel. Der Heimatort ist ihnen bei aller Mobilität unglaublich wichtig und der Dialekt deutlichster Beweis von Identität. Verachtung erntet daheim, wer "umlegt": seinen Dialekt abschleift und dem dominanten Oslo-Slang anpasst. Was aber automatisch passiert, wenn etwa jemand aus Setesdalen in die Hauptstadt zieht, denn sonst würde ihn kaum jemand verstehen.

Die Wildnis ist vollkommen durchorganisiert

Oslo ist wie jede andere europäische Stadt, seine Jugend trägt die gleichen Kleider und denkt die gleichen Gedanken wie bei uns. Das Land hat sich zwar viele altmodische Sitten bewahrt, wie wochenlange Abiturfeiern oder die inbrünstige Elchjagd. Doch gleichzeitig ist es eines der modernsten Länder Europas. Die technischen Neuigkeiten der letzten zwei Jahrzehnte habe ich alle zuerst in Norwegen kennen gelernt - teilweise Jahre, bevor sie nach Deutschland kamen. Das kleine Land ist wendig und reagiert schnell.

Urlauber wähnen sich in Norwegen oft in der Wildnis, befreit von den Zwängen der Zivilisation. Doch ist diese Wildnis vollkommen durchorganisiert, jeder Flecken Erde unter Kontrolle. Schon 1990 rettete mich das Handy eines Freundes, als ich im Gebirge einen Unfall hatte. 2002 verlief ich mich im Pasvik-Tal, dem letzten europäischen Urwald nahe der russischen Grenzstadt Nickel. Der Urwald wird nicht von Menschen, sondern von Braunbären bewohnt. Ungläubig und voll Erleichterung sah ich, dass mein Handy sogar dort Empfang hatte.

Hilfe ist in Norwegen immer nah. Wähnen Sie sich nie unbeobachtet! Kaum haben Sie Ihren Campingwagen geparkt, weiß es der Grundbesitzer schon. Dass die deutschen Sportangler heimlich - wie sie glauben - ihre riesigen Kühltruhen mit norwegischem Wildlachs füllen und aus dem Land schmuggeln, ist ewiges Schlagzeilenfutter. Die Selbstbedienung ärgert die Norweger und rührt an Wunden, deren Schorf noch dünn ist: Von 1940 bis 1945 war Norwegen von Nazideutschland besetzt.

Die Besatzungszeit bleibt ein Trauma

Auch mein Großvater war als Gefreiter in Drammen am Oslofjord stationiert - einer von einer halben Million Besatzungssoldaten. Er freute sich, in das Land zurückgeschickt zu werden, wo er sich Ende der zwanziger Jahre in meine Großmutter verliebt hatte. Sie trafen sich auf einem Schiff der Hurtigrute: die reiche Bauerntochter aus Holstein und der arme Jurastudent, der in Paris studierte und sich sein Geld als Hafenarbeiter verdiente. Für beide war eine Reise durch die westnorwegischen Fjorde damals das höchste der Gefühle, hatte doch Kaiser Wilhelm II. persönlich sie in Mode gebracht. Noch heute hängt sein Porträt in einigen der prächtigen Holzhotels, in denen er mit seiner Entourage einkehrte.

Einem deutschen Soldaten wie meinem Großvater konnte im Zweiten Weltkrieg nichts Besseres passieren, als ins ruhige Norwegen geschickt zu werden. Für die Norweger aber ist die Besatzungszeit bis heute ein Trauma. Wie Geschwüre ziehen sich die einstürzenden deutschen Bunker an der gesamten Felsenküste entlang, Mahnmale an das letzte und schlimmste Kapitel in einer Geschichte jahrhundertelanger Fremdherrschaft.

Nach dem Krieg haben dafür vor allem jene norwegischen Kinder büßen müssen, deren Väter deutsche Soldaten waren. Bis in die dritte Generation halten viele Familien ihr deutsches Erbe versteckt. Ein Bekannter erzählte mir, seine Mutter sei ein Deutschenkind - doch sage er mir das nur, weil ich selbst deutsch sei, weitererzählen dürfe ich es niemandem. Er hatte die Familienschande zuvor noch keinem Menschen anvertraut.

"Freiluftleben" als Studienfach

Nicht nur wegen der Vergangenheit würden die Norweger uns wohl gerne das Campen auf freier Wildbahn verbieten. Doch damit schnitten sie sich ins eigene Fleisch. Und das ist gerade dort besonders schmerzempfindlich, wo es um das Leben an der frischen Luft geht. Die Norweger lieben es und haben sogar ein eigenes Wort dafür: friluftsliv, übersetzt "Freiluftleben". So heißt sogar ein Studienfach, das man zum Beispiel an der Hochschule von Bø belegen kann.

Es gibt in der norwegischen Sprache einige solcher Wortschätze zu heben - Wörter, die bei uns einfach nicht existieren. Zum Beispiel vinterføre, eine praktische Sammelbezeichnung für alle Zustände winterlicher Straßen: losen Schnee, festgefahrenen Schnee, Glatteis, Schneematsch und Schnee mit eingegrabenen Fahrspuren (für die es jeweils natürlich auch noch eigene Wörter gibt). Gegenüber Ausländern hegen die Norweger ein grundsätzliches Misstrauen, ob sie auf vinterføre fahren können. Zum Erwerb eines Führerscheins gehört für sie eben unbedingt die Fahrstunde auf der Eisbahn.

Straßen sind der Norweger Nationalhobby und der Tunnelbau ist ihnen eine Herzensangelegenheit. Ihren Reichtum aus dem Nordseeöl pumpen sie mit Vorliebe in die Sprengung irrwitzig langer Bergdurchfahrten und Unterwasserröhren. Natürlich halten sie darin alle Rekorde: Unter dem Oslofjord läuft die längste Unterwasserröhre der Welt; auf der Europastraße 16 nach Bergen liegt der Erde längste Bergdurchfahrt: 24,51 Kilometer Tunnel, auf dem an einer Stelle 1,4 Kilometer Fels lasten. Zwanzig Minuten dauert die Fahrt durch den Lærdalstunnel - während der man selbstverständlich Radio hören und mit dem Handy telefonieren kann. Drei Felshallen tun sich auf, die blau und gelb bestrahlt sind.

Hinter Tromsø gibt es sogar eine unterirdische Kreuzung zweier Tunnel. In der Bauchhöhle des Berges einem anderen Auto die Vorfahrt zu lassen, ist ein einschneidendes Erlebnis. Da wird einem klar, wie sehr es die Norweger drängt, sich ihre widerspenstige Natur gefügig zu machen. Lange genug haben sie unter den senkrecht aufragenden Gebirgen gelitten, die sie mühsam überklettern oder wochenlang umrunden mussten. Kein Wunder, dass sie dabei aggressiv wurden, zurück auf ihre Schiffe flohen und fortan als Wikinger ihr Unwesen trieben.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie Norwegen mit seinem Ölgeld umgeht, warum Rentner in ihren Wohnungen erfrieren und was die Mitternachtssonne mit den Menschen anstellt

Das norwegische Wort viking kommt von vik, die Bucht. Die Wikinger hießen also die "Buchtleute". Moderne Norweger fühlen kaum Verbindung zu ihnen, beim Wort viking denken sie vor allem an den Fußballklub von Stavanger. Ihr Nationalgefühl begründet sich viel mehr darin, ein Bauernvolk zu sein.

Bis heute wird scharf zwischen den Städten und den "Distrikten" getrennt. Die Landbewohner nennen ihre Hauptstadt Oslogryta, was der "Oslo-Kessel" bedeutet und beleidigend sein soll. Ein alter Freund von mir, der sehr an seiner Scholle klebt, behauptet, ein Besuch in Oslo verursache ihm unerträgliche Kopfschmerzen. Er weigerte sich stets, mich dort zu besuchen.

Tatsächlich saugt Oslo das Land aus; bald ein Viertel aller Norweger wohnt in seinem Einzugsbereich. Die Landflucht ist jedoch kleiner als in anderen Ländern, denn die Subventionen für die Landwirtschaft sind hoch. Und es gibt längst eine Rückflucht aufs Land.

Mari, mit der ich auf die Journalistenschule gegangen bin, gab eine sehr erfolgreiche Karriere im Ballungsraum auf, um in ihr winziges Kaff zurückzukehren. Dort mitten im Nadelwald gibt es Wölfe, aber keine Arbeit. Also gründete sie mit ihrem Bruder, der in New York Grafikdesign studiert hatte, eine eigene Lokalzeitung. Seit drei Jahren erscheint dieses Blatt, das die beiden ganz allein schreiben, gestalten, vertreiben, für das sie selbst Fotos schießen und Anzeigen verkaufen - es sichert den Geschwistern ein Einkommen in der Heimat. Norweger sind übrigens viel fleißigere Zeitungsleser als wir. Und der Staat subventioniert die Presse dermaßen, dass mehr Zeitungen gedruckt werden als in jedem anderen Land der Welt - sechshundert Exemplare auf tausend Einwohner.

Ein Land kraftstrotzender Frauen und entspannter Männer

Norwegen ist wirklich ein modernes Land. Ein Land, in dem die Väter Kinderwagen schieben und viele Mütter ein Jahr nach der Geburt wieder Vollzeit arbeiten. Ein Land kraftstrotzender Frauen und entspannter Männer. Vor zwei Generationen waren die Norweger noch bitterarm, jetzt wollen sie mit ihrem Ölgeld dem Überlebenskampf ein für alle Mal ein Ende bereiten. Der norwegische Staat fährt jedes Jahr einen gigantischen Überschuss ein - er kann und will das Geld nicht verbrauchen. 845 Milliarden Kronen hatten die Norweger Anfang 2004 bereits angespart (rund 100 Milliarden Euro).

Die Europäische Union aber hat nichts von den vielen Kronen. Denn die Norweger, seit 1949 Nato-Mitglieder, stimmten 1994 zum zweiten Mal gegen die Mitgliedschaft in der EU. Ihr Erspartes fließt in den so genannten "Ölfonds", der helfen soll, wenn Öl und Gas in einigen Jahrzehnten ausgehen. Bis dahin werden die Milliarden rentabel angelegt, zum Beispiel in der Atomwaffenindustrie. Im Ausland natürlich, denn innerhalb seiner Grenzen will Norwegen nicht einmal Atomkraftwerke sehen.

Der norwegische Strom stammt aus den vielen Wasserkraftwerken. Jahrzehntelang war er so billig, dass das ganze Land mit ihm heizte. Dann kamen 2002 ein trockener Sommer und ein regenarmer Herbst, in den Stauseen sank das Wasser - und im Winter stieg der Strompreis. So hoch, dass einige Rentner sich nicht mehr trauten zu heizen und in ihren Wohnungen erfroren. Wochenlang tobte der Stromskandal durch die Schlagzeilen. Nüchtern betrachtet kostet Strom nun halb so viel wie bei uns. Und sparsam gehen sie noch immer nicht mit ihm um. Denn Licht, Licht ist doch das Schönste auf der Welt! Wo Licht ist, ist ein Norweger glücklich. Ausschalten, wenn man das Zimmer verlässt? Dann wäre es ja dunkel, wenn man wiederkommt!

Lebertran in Monaten mit r

Dabei ist es des Winters nicht etwa im ganzen Land rund um die Uhr finster. Bis hinauf nach Trondheim verhält sich der Winter unauffällig - das Weniger an Licht gleichen die Helligkeit des Schnees und "Møllers Tran" aus: Fischöl, aus vielen Lebern gepresst, gesäubert und abgefüllt in die berüchtigte grüne Flasche. An allen Monaten mit r im Namen - September bis April - sollen Norweger jeden Tag einen ekligen Esslöffel davon schlucken. Eine alte und kluge Tradition: Das Vitamin D im Fischöl ersetzt die Wirkung des Sonnenlichts.

Unter monatelanger Düsterkeit aber leiden vor allem die Menschen auf dem Archipel Svalbard, vom Festland durchs Polarmeer getrennt und von mehr Eisbären als Menschen bewohnt. Vom 14. November bis zum 29. Januar wird es in der Siedlung Longyearbyen gar nicht hell und die Zeit lang. (Übersetzt heißt sie "Langjahr-Stadt", was durchaus passt, aber Zufall ist: Benannt wurde sie nach dem Gründer des ersten Bergwerks, John Longyear.) Wenn die Strahlen der Sonne dann erstmals wieder die alte Krankenhaustreppe von Longyearbyen berühren, feiern die Einwohner ein ausschweifendes Sonnenfest. Am 20. April beginnt für sie dann die Zeit der Mitternachtssonne - bis zum 23. August wird es gar nicht mehr dunkel.

"Du sollst die Sommernacht nicht verschlafen, dafür ist sie zu hell!", lautet eine bekannte Liedzeile. Als sei im nordischen Sommer an Schlaf zu denken! Man wälzt sich im Bett, das Blut ist dünn wie Quecksilber, das Herz flattert. Schwirren, lachen, Unsinn machen, raus, raus, raus! In der Finnmark kleben die Kneipen die Fenster mit schwarzer Pappe zu, damit die Gäste die Ruhe finden, auch mal ein Bier zu heben.

Im langen Land an Europas Nordspitze lebt es sich zur Zeit besser als irgendwo sonst auf der Welt - statistisch belegt und subjektiv empfunden. Sogar schmecken lassen es sich die Norweger endlich: vorbei ist es mit dem tranigen Walsteak und den faden Fischfrikadellen. Im vergangenen Jahrzehnt hat Norwegen dreimal die Kochweltmeisterschaft "Bocuse d'Or" gewonnen - öfter als Frankreich.

Vor allem aber muss man Norwegen gerochen haben: die Süße des Hochmoors, das Salz der Schären, die Würze des Winterwalds. Nirgendwo duftet es köstlicher!

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