Mein Lieblingswinterziel Pitztal, Hotspot für Eiskletterer

Markus Hofmann

Von Cinthia Briseño


Minus 25 Grad und es wird noch kälter: Kurz nach der Einfahrt ins Pitztal fällt die Anzeige im Auto auf minus 29,5. Eisklettern bei diesen Temperaturen? So deppert ist doch kein Mensch! Doch Hofi, Bergführer der sechsköpfigen Kursgruppe an diesem Wochenende, übergeht unser ängstliches Zaudern.

"Beste Bedingungen für glashartes Eis", sagt er trocken. "Eisklettern ist halt kein Hausfrauen-Alpinismus." Dass er sich in Wahrheit selbst vor dieser "abartigen Kälte" fürchtet, wird er erst später in seinem Blog zugeben.

Das Pitztal ist, so wie viele andere Täler Tirols, ein Paradies - nicht nur für geübte Eiskletterer, sondern auch für jene, die ihre Hände bisher nur am Fels oder an bunten Griffen in der Halle hatten und mal ein Element der anderen Art ausprobieren wollen. Dutzende Eisfälle blitzen links und rechts der Straße aus den Bergwänden hervor.

Jeden Winter gefriert dort das Wasser zu beeindruckenden Vorhängen und Säulen aus Eis, die Routen in jedem Schwierigkeitsgrad bieten und Namen wie "Softy" oder "Spiel mit dem Feuer" tragen. Sowohl Anfänger wie ich als auch Profis wie Hofi finden im Pitztal Abenteuer. Zahlreiche Alpinschulen und Bergsportvereine halten dort im Winter ihre Eiskletterkurse ab.

Saunagang nach klirrender Kälte

Die Sonne kommt zum Vorschein, und die Bergkulisse protzt mit allem, was sie zu bieten hat: Schneebedeckte Gipfel reihen sich aneinander, dahinter blitzt ein stahlblauer Himmel. Wärmer als minus 25 Grad wird es an diesem Samstag im Februar trotzdem nicht. Immerhin: Die teure Daunenjacke, deren Kosten-Nutzen-Verhältnis zuvor mehr als fragwürdig schien, hat sich in der Kälte binnen Sekunden amortisiert. Wer unten steht und seinen Seilpartner sichert, ist froh um jede wärmende Textilschicht.

Beim Klettern aber kommen die Schweißperlen schneller als gedacht: Zielsicher und mit voller Wucht müssen die Vorderzacken der Steigeisen ins Eis gerammt werden, ebenso wie die Spitzen der beiden Eisgeräte, die man in den Händen hält, durch die das Blut nur mühsam fließen will. Kann ich mich sicher am Pickel hochziehen? Hält der Tritt oder bricht das Eis weg?

Bei diesen niedrigen Temperaturen ist das Eis oft bildschön glasklar - dafür aber steinhart und spröde. Es kostet Kraft und Konzentration, sich durch den gefrorenen Wasserfall zu "axten" und die Eisschrauben für die Seilsicherung ins Eis zu bohren. Ein kleiner Schuss Adrenalin ist bei jedem Schritt inklusive. Die Belohnung am Ende der Route: Glück und Zufriedenheit pur. Die abartige Kälte: vergessen.

Abends winken zwei, drei wärmende Saunagänge und deftige Tiroler Küche. Die Pensionen im Pitztal sind meistens einfach und schlicht, aber urgemütlich. Und nach einem Tag im Eis bekommt "Wellness" ohnehin eine andere Bedeutung.

Wer einmal die Faszination Eisklettern erlebt hat, kommt schwer wieder davon weg. Dezember bis Februar ist Hochsaison für diesen Wintersport, der einem etwas für immer nimmt: die Furcht vor klirrender Kälte.

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