Dolomiten-Höhenweg Alta Via - Mamma mia!

Trotz unsicheren Wetters und geschlossener Hütten: Wer auf dem Alta Via Nummer 1 in den Dolomiten den Massen entgehen will, wandert im Herbst. Vor einer atemberaubenden Naturkulisse herrschte hier einst Krieg - heute trifft man Soldaten nur noch beim Pilzesammeln.


Was tun, wenn man die Dolomiten für sich haben will? Angesichts der Hunderttausende, die des Sommers auf den klassischen Höhenwegen über den schönsten Teil der Alpen pilgern, entscheiden wir uns für eine Herbsttour Ende September. Da sind Regenscheue schon wieder im Tal, und mit ein bisschen Glück schenkt uns die Alpensüdseite doch noch klares Wetter. Das Zelt nehmen wir sicherheitshalber mit, um gegen Wetter und überfüllte Hütten gefeit zu sein.

Eingangs unserer Fünftagestour von Niederdorf (Villabassa) nach Cortina d’Ampezzo sehen wir noch Kolonnen von Ausflüglern rund um den Pragser Wildsee schlendern. Ökologisch korrekt waren wir mit der Bahn angereist und liefen uns von Niederdorf bis zum Pragser Wildsee ein. Zwischen Parkplatz und Hotel am See steppt der Bär, so beschließen wir außerhalb des Nationalparks, der am Wildsee beginnt, rechts des Wegs zur Kaserhütte das Zelt aufzuschlagen. Im Naturschutzgebiet ist das verboten.

Die ruhige Zeltnacht endet in kühlen sieben Grad. Im Morgengrauen rödeln wir rasch das Zelt ab und setzen die Rucksäcke auf. Wieder am See liegt vor uns ein türkises Winnetou-Wasser unterhalb der grandiosen Steilwand des Seekofel. Die ragt im fahlen Weißgrau des Dolomit, des Gesteins, das dem Gebirgszug den Namen gab, über 1000 Meter steil auf.

Mittags wollen wir auf der 2810 Meter hohen Spitze stehen. Also fix um das Ostufer unterhalb des Großen Apostel herumgelaufen. Wir erreichen nach 30 Minuten in dem engen Tal die Südspitze des Sees und damit den Einstieg in den "Dolomiten-Höhenweg 1".

Der Klassiker beginnt zwar laut Karte an der Nordspitze, aber für uns sind Spazierwege eben keine Wanderwege. Südlich des Sees steigt der Weg jetzt mäßig steil und gut ausgebaut an. Es geht durch duftende Latschenflächen, ein wenig höher mogeln sich Lärchen und Birken ins ewige Nadelgrün. Denen hat der Herbst schon gelbe Flammen aufgesetzt. Wir atmen tief durch und das Sommerende ein. Linker Hand kollern Steine eine Halde herunter. Drei, vier Gämsen schauen kauend (was eigentlich?) herab. Scheu sind die hier nicht. Wir sind in der waffenfreien Zone des Parks.

Von der Baumgrenze zur Ofenscharte

Kurz unterhalb des "Nabigen Lochs" nimmt die Steigung deutlich zu. Wir serpentinen uns in die Höhe. Exzellente Markierungen, eine Seilsicherung zeigen aber klar, dass dieser Aufweg zu den leichten, viel begangenen gehört. Bei zirka 2050 Meter gabelt sich der Weg.

Wir halten uns rechts und zweigen durch Lärchenhochwald und das große Kar des "Ofen" auf teils anspruchsvollem Weg zur Seekofelhütte ab. Die Baumgrenze liegt jetzt unter uns und damit der satte schwere Geruch des Herbstes. Hier oben kümmern zwischen den Felsen nur einige Disteln in der reinen Luft dem Winter entgegen.

Wir queren die "Ofenscharte" (2388 m) und sehen schon die Natursteinhütte am Hang liegen. Hier auf dem kleinen Sattel an der Gabelung zwischen Seekofel-"Rifugio" und -Gipfel zeigen die Dolomiten uns im klaren Licht des Vormittags ihre ganze Schönheit. Hinter uns der Berg mit seinem hellen Dolomit, der mit der Sonne in so vielen Farben spielen kann. Unter uns die weiten Täler, die sich nur zu senken scheinen, um die wild gezackten Berge dahinter zu heben.

Doch auch die Schönheit lässt den Druck nicht vergessen, mit dem die schweren Rucksäcke die Rücken beugen. Wir steigen zur gemütlichen Hütte ab, werfen das Gepäck schon mal ins Zimmer und streben dem Kreuz auf dem Seekofel zu. Jetzt sind wir wirklich in den Dolomiten angekommen.

Der Aufstieg von der Hütte zum Gipfel entpuppt sich als erstaunlich leicht – vergleicht man die geringe Mühe mit dem grandiosen Panorama. Nur das erste Drittel geht steil aufwärts. An einigen Stellen ist der Fels von Stiefeln so abgeschliffen wie die Stufen einer mittelalterlichen Kirche. Im oberen Drittel hilft eine Seilsicherung auf dem plattenglatten Bergrücken jedem über die kniffeligen Stellen.

Ganz oben schwelgen schon zwei "Überholer" in der Aussicht. Unter den Füßen geht es lotrecht Hunderte von Metern in die Tiefe, in der unergründlich der See schweigt. Gen Westen, Süden, Osten sehen wir die Drei Zinnen, die Hohe Gaisl, die Tofana-Gruppe und die Gipfel der Sennesalm und der Kreuzkofelgruppe. Schroffer Fels, gezackte Spitzen, steile Wände. Wir bleiben sitzen, genießen im kühlen Gipfelwind die Aussicht, schlendern wieder zur Hütte und beratschlagen beim Dohlenfüttern, wie wir das Wetter und die West-Reiseroute zusammenbringen werden. Noch ein schöner Tag, dann drohen laut Wetterbericht "schlechte Zeiten".

Soldaten sammeln Pilze

Also genießen wir den schönen Morgen, der uns längs des Höhenwanderwegs 1 von der Seekofelhütte über eine Tundrafläche zunächst zur Senneshütte führt. Unterwegs erspähen wir italienisches Militär im offenen Buschland. Was nach hartem Herbsttraining ausschaut, entpuppt sich durch den Feldstecher eher als Pilze sammeln im Holzkistchen unter dem gewaltigen Panzerrücken der Seekofel-Südwand.

swiss-image.ch
Haben Sie schon von Frau Montblanc oder vom Sennentuntschi gehört? Die Alpen liegen zwar vor unserer Haustür, doch sie stecken voller Geheimnisse. Testen Sie Ihr Berg-Wissen im Reise-Quiz von SPIEGEL ONLINE!
Die Landschaft voraus erinnert an die Highlands. Spät im Jahr hat sich schon Grau unters Grün gemischt, der Wind zerrt an den weißen Büscheln des Wollgrases. An der Senneshütte ist Schluss mit Idylle. Die Hütte ist eher ein Hotel. Eine "Naturstraße" führt herauf, auf der sich Jogger, Biker, Schulklassen tummeln. Wir verlassen diesen "Rennsteig" 15 Minuten unterhalb der Hütte und zweigen links auf einen schmalen Pfad Richtung Fodara-Vedla-Hütte ab.

Auch diese Hütte ist – wohlwollend gesagt – touristisch erschlossen und war den alten Katen nach zu schließen wohl mal ein Weiler. Jetzt ist das wilde Dolomitenleben hier gezähmt. Wild wird’s gleich hinter der Hütte, jenseits des Wiesenbachs. Denn hinter Bach und Hütte führt ein steiler Steig hinauf durch Lärchendickicht und lockeren Kiefernbestand zum Sentiero Bancdalsè, einem wilden Kar, dessen Geröll unter den steilen tropfenden Wänden teils schon völlig zu Sand zermahlen ist.

Wer nicht glauben wollte, dass die Dolomiten ihren Ursprung im Meer haben, spürt es hier unter den Sohlen. Direkt jenseits der schmalen Scharte im Bergwald, der uns mit südlichen Aromen verwöhnte, bekommen wir das lose Geröll unter die Füße. So nämlich muss das Wandern sein: abwechslungsreich, anspruchsvoll, einsam. Und unten rauscht der Bach.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.