Dolomiten Seiltanz im Felsenmeer

Kokettieren heißt auf Italienisch "civettare". Das gleichnamige Felsmassiv in den Dolomiten kann das gut: Es lockt mit unvergleichlicher Schönheit, doch seine Klettersteige erfordern höchste Konzentration. Und mittendrin ragt die Wand der Wände in den Alpenhimmel.

Von Sabine Holzknecht


"Der Costantini-Steig ist ein Klettersteig, der alle Attribute der obersten Kategorie verdient: technisch sehr schwierig und kraftraubend, exponiert und spannend, sehr lang, mehrfach überraschender Szenenwechsel …", schreibt der nicht eben überschwänglich gehaltene Führer. Hm, klingt ganz und gar nicht übel. "… Die weithin fast ohne Tritthilfe angelegte Seilführung kreuz und quer durch das felsige Labyrinth ist für Schwindelfreie ein Genuss ohnegleichen, in dichter Erlebnisfolge gespickt mit Überraschungsmomenten …" Das wird ja immer besser.

"… Von unerhörter Eleganz ist der Abstecher auf die Cima Sud – ein geradezu erregender Seiltanz über schmale Gratschneiden, enge Scharten und bizarre Türmchen …" Jetzt hat’s mich vollends gepackt. Diesen erregenden Seiltanz möchte ich erleben.

Axel brauche ich nicht lange zu überreden. Der ist bei so was immer dabei. "Aber vielleicht sollten wir vorher einen Aufwärm-Klettersteig gehen", meint er. Und hat natürlich recht. Zumal sich hier so ein Eisenweg anbietet, der sich auf geradezu ideale Weise mit dem Costantini-Steig kombinieren lässt – die Via Ferrata degli Alleghesi.

Er führt von Nordosten auf den gewaltigen, den berüchtigten, den beeindruckenden Civetta-Hauptgipfel; der Costantini- Steig führt von Südosten auf die Cima Moiazza. Zusammen ergeben die beiden Gipfel den sechs Kilometer breiten Koloss Civetta-Moiazza, ein gigantisches Felsmonstrum erster Güte.

Der tiefe Schlaf glücklicher Menschen

Jetzt müssen wir nur noch auf stabile Wetterverhältnisse warten, denn beide Felsabenteuer sind äußerst lange Touren. Der heilige Petrus lässt uns nicht lange zappeln. Am Freitag Nachmittag brausen wir los. Wie gut es tut, nach einem halben Tag im Büro und vierstündiger Fahrt auszusteigen und in diese herrlich kühle Bergluft zu treten, in diesen Duft von Latschen, von Wald und von ungemähten Bergwiesen, in dieses dunkle Grün einzutauchen im Wissen, dass einen morgen den ganzen Tag lang weißer Dolomitenfels erwartet.

Vom winzigen, verträumten Dorf Pecol aus steigen wir in einer Stunde zum Rifugio Coldai auf, während der Abendhimmel im letzten Licht strahlt und ein junger Mond dem Monte Pelmo einen fröhlichen Akzent aufsetzt. Wir schlafen den tiefen Schlaf glücklicher Menschen.

Der nächste Morgen ist vom Feinsten. Der Weg zum Einstieg führt uns am Lago Coldai vorbei. Und hier ist sie. Die Wand der Wände. Die 1200 Meter mächtige Felsmauer, mit der die Civetta nach Nordwesten hin abbricht, für Kletterer Alptraum und Paradies zugleich. Und als wäre sie nicht schon prächtig genug, spiegelt sich ihre ganze Eleganz noch einmal im See wieder.

Ein Stündchen später sind wir am Einstieg. Das Seil führt uns in einem kurzweiligen Zick-Zack-Manöver ein paar Vorstufen hinauf. Dann geht es luftig zur Sache. Die Eisenbügel und Eisenstifte wurden hier nicht gerade inflationär gesetzt. Spreizen, strecken, dehnen, und am besten nicht nach unten sehen.

Oben ist der Fels glatt und rund wie die Flanke eines alten Elefanten, eines Elfenbein- Elefanten möchte man meinen, so hell ist der Stein. In bester Dolomitenmanier schwingt sich der Klettersteig nun von Terrasse zu Terrasse, überwindet einen Abgrund, eine Steilstufe, einen Buckel, und verschwindet wieder hinter einer Kurve, läuft in einem Band, schlängelt sich eine Rinne hinauf. Immer spannend, immer fordernd, immer lohnend. Das gegenüber liegende Panorama des eigenbrödlerischen Monte Pelmo lässt nichts zu wünschen übrig.

Es ist kurz vor elf und bereits bullenheiß. Kein Lüftchen regt sich. Unter dem Helm bildet sich eine tropische Dunstglocke. Die Eisenseile glühen. Unbeirrt fröhlich klimpern die Karabiner, klick klack. Unbeirrt fröhlich steigen wir weiter, ruck zuck. Denn wenn wir stehen bleiben, sticht die Sonne und flimmert die Luft.

Oben auf dem Gipfel dann ist Rimini. Drei junge Italiener, welche die Ferrata Tissi von Süden hochgekommen sind, sitzen in knappen Shorts unterm Gipfelkreuz und bräunen sich in der Höhensonne. 3200 Meter hoch ist der formgewaltige Civetta-Hauptgipfel und es ist heiß wie am Meer.

  • 1. Teil: Seiltanz im Felsenmeer
  • 2. Teil


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