Auf Kriegspfaden in den Dolomiten "Sieg oder Tod im Alpenrot"

Cortina d'Ampezzo war die "Perle der Dolomiten", lockte reiche Urlauber - dann kam der Erste Weltkrieg und verwandelte den Ort in eine Kaserne. Noch hundert Jahre später stoßen Wanderer in den Bergen auf Schrapnellkugeln und Patronenhülsen.

Johannes Schweikle

Von Johannes Schweikle


Bevor Sebastian Franzò seinen neuen Job in den Dolomiten antrat, ging er zum Schneider und ließ sich eine Uniform der Tiroler Kaiserschützen anfertigen. Feldgraues Tuch, Kniebundhosen, Edelweiß am Kragenspiegel. Nur die Knöpfe gefielen Franzò nicht. Die waren aus Plastik und passten nicht zum Ersten Weltkrieg.

Aber dieses Problem löste er schnell. Er machte einen Spaziergang in den Dolomiten und fand an einem Punkt genügend originale Blechknöpfe, die seit hundert Jahren auf dem Fels der bleichen Berge rosteten. Jetzt stimmt an seiner Uniform auch dieses Detail.

Sebastian Franzò ist 22 Jahre alt, er bietet historische Führungen zu Kriegsschauplätzen an. Sein weiches Gesicht und seine ernsthaften Augen passen beklemmend zu dem Klischee des jungen Soldaten, der einst mit naiver Begeisterung für seinen Kaiser in die Schlacht zog. An der Feldkappe prangt unter der Auerhahnfeder das martialische Motto der Tiroler Gebirgstruppe: "Sieg oder Tod im Alpenrot".

Die Uniform ist österreichisch, doch ihr Träger ist Italiener: Aufgewachsen ist Franzò in Gorizia, an der Grenze zu Slowenien. Vor hundert Jahren jedoch hieß der Ort noch Görz, gehörte zum Reich der Habsburger, und Franzòs Urgroßvater kämpfte für Österreich. Davon aber, von der Weltkriegsfront in den Alpen, wurde in seiner Familie nie gesprochen. Denn damals hieß der Feind: Italien.

Vom mondänen Urlaubsort zur Kaserne

"Italien hat den Sieg gefeiert, aber drei Jahre Krieg aus dem Gedächtnis gestrichen", sagt Franzò. Damit wollte er sich nicht abfinden. Als Jugendlicher engagierte er sich in einem historischen Verein, und nach Ende seiner Schulzeit ging er in die Dolomiten. Wer ihm nun auf eine seiner Touren folgt, findet in den Bergen der Alpen Spuren der Kämpfe, die am 23. Mai 1915 begannen.

Damals gab Italien seine Neutralität auf und erklärte Österreich-Ungarn den Krieg. Fünf Tage später besetzten italienische Truppen Cortina. "Die hatten dort nichts verloren", sagt Sebastian, "sie fielen in eine friedliche Gegend ein." Eine Katastrophe für den Ferienort, der im gerade beginnenden Alpentourismus aufgeblüht war und als "Perle der Dolomiten" auch reiche Urlauber anzog. Cortina wurde zur großen Kaserne.

Die touristische Erschließung der Alpen machten sich die Generäle sogar zunutze. Über die 1909 zwischen Bozen und Cortina angelegte Große Dolomitenstraße rollte bald der Nachschub. Am 5. Juli 1915 bombardierte Italien das Fort, das Österreich ein paar Kilometer weiter am Valparolapass errichtet hatte. In diesem gedrungenen Bau ist heute das sehenswerte Museo della Grande Guerra untergebracht, das über den Dolomitenkrieg informiert - Franzò in seiner österreichischer Uniform ist hier als Führer engagiert.

Den Geschichtsbüchern seiner Schulzeit stellt der 22-Jährige ein schlechtes Zeugnis aus: "Die Taten der Römer wurden groß und breit dargestellt, als ob sie bis gestern geherrscht hätten. Der Erste Weltkrieg, la Grande Guerra, bekam nur eine Seite." Diese Lücke will er mit Informationen füllen.

"In der italienischen Armee wurden die Maultiere besser behandelt als die Soldaten, weil sie wertvoller waren", erzählt Franzò zum Beispiel. Und dass die Truppen mit der Ausrüstung aus den Kolonialkriegen in Afrika ins Gebirge geschickt wurden. "Sie hatten nicht mal Handschuhe. Und Ende September fielen schon drei Meter Schnee."

Im Freilichtgelände des Museums deutet Franzò auf eine angerostete Rüstung. Man könnte sie für einen Scherz halten, aus einem Film von Monty Python - aber italienische Soldaten wurden tatsächlich von ihren Offizieren mit diesen Blechpanzern in den Kampf getrieben. Sie hatten weder Helm noch Waffe. In den Händen hielten sie große Bolzenschneider, mit denen sie Drahtverhaue der Österreicher öffnen sollten.

Krater statt Gipfel

Auf einem schmalen Pfad geht Franzò voraus. Kiefern duften, das helle Gestein leuchtet in der Sonne. Neben einer Lärche bückt er sich und hebt ein paar Schrapnellkugeln auf. Ein paar Schritte weiter liegt eine Patronenhülse. Hier hat er auch die Uniformknöpfe gefunden.

Der Doppelgipfel am Horizont, der Col di Lana, erzählt eine weitere Geschichte des Dolomitenkrieges. Lange konnte Österreich den Gipfel besetzt halten. Ein halbes Jahr lang rannte die italienische Armee in 97 Angriffen gegen den Berg an - ohne Erfolg. Dann änderten die Offiziere ihre Taktik. Sie ließen Stollen in den Fels treiben und mit Sprengstoff füllen. Am 18. April 1916 jagten sie den Gipfel mitsamt der österreichischen Stellung in die Luft.

Der Col di Lana wurde zum Vorbild für beide Seiten. Am benachbarten Monte Sief ist das Ergebnis noch mit bloßem Auge zu sehen. Wo normale Berge einen Gipfel haben, klafft hier ein Krater. Und das Geröll am Fuß der Felsen ist nicht das Ergebnis natürlicher Verwitterung. Die Steinbrocken liegen seit der Sprengung dort.

Heute wird in den Dolomiten der Grande Guerra als touristische Besonderheit vermarktet, ähnlich wie die Olympischen Winterspiele von 1956 in Cortina. Neulich führte Sebastian Franzò eine Gruppe US-amerikanischer Soldaten, und auch die englische Agentur Trafalgar bucht regelmäßig die Gebirgskriegstour.

Im August kommen Hunderte von Italienern. Ihnen erzählt Sebastian besonders gern von Luigi Cadorna (1850 bis 1928). Dieser General war nicht nur der oberste Heerführer Italiens im Ersten Weltkrieg. "Er war auch mit 40 Prozent an einer Waffenfabrik beteiligt." Jede Patrone und jede Granate, die verschossen wurde, spülte ihm Geld in die private Kasse. "Manche Gäste sagen: 'In Italien hat sich bis heute nichts geändert. So, wie früher der General war, sind heute unsere Politiker'", sagt Franzò.

Er widerspricht dann nicht. Sondern setzt noch einen drauf: "Berlusconi ist der geistige Enkel dieser Generäle", sagt der junge Mann in der feldgrauen Uniform.

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insgesamt 30 Beiträge
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docker 23.05.2015
1. Seltsam geschichtsloser Kerl
Wir (Künstler und Archaeologen) haben bereits vor 20 Jahren über Kriegsschauplätze in den Alpen gearbeitet und ich weiß, dass es noch weit frühere Dokumentationen aus der Bergsteigerszene gibt. So tun, als wüßte man nichts über qualifizierte Arbeiten zum Thema Alpenfront macht einen noch lange nicht zum Erstbegeher. Sie bringen hier einen Artikel über einen uniformierten Gockel,der offensichtlich historisch nichts über das Gebiet weiß, das er an Touristen verkaufen möchte. Niveau halten wäre auch für den Spiegel Thema.
gandhiforever 23.05.2015
2. Sebastian oder Sebastiano?
Als Italiener muesste der junge Mann eigentlich Sebastiano heissen. Als solcher ist er auch beim Museum aufgefuehrt. http://www.cortinamuseoguerra.it/index.php/en/news Oder ist der aus Goerz/Gorizia/Gorica stammende Mann slowenischer Herkunft?
gandhiforever 23.05.2015
3. Luis Trenker
Zitat von dockerWir (Künstler und Archaeologen) haben bereits vor 20 Jahren über Kriegsschauplätze in den Alpen gearbeitet und ich weiß, dass es noch weit frühere Dokumentationen aus der Bergsteigerszene gibt. So tun, als wüßte man nichts über qualifizierte Arbeiten zum Thema Alpenfront macht einen noch lange nicht zum Erstbegeher. Sie bringen hier einen Artikel über einen uniformierten Gockel,der offensichtlich historisch nichts über das Gebiet weiß, das er an Touristen verkaufen möchte. Niveau halten wäre auch für den Spiegel Thema.
spielte in "Bergen in Flammen" vor ueber 50 Jahren. Der junge Mann ist weder Historiker noch Archaeologe. Er sucht wohl nach einem sinn in seinem Leben. Immmerhin bewertet er auch Restaurants.
Vittorio Ferretti 23.05.2015
4. Biertischniveau
Der Fronteinbruch, der Cadorna den Posten kostete, wurde durch den völkerrechtswidrigen Einsatz von Giftgas erzielt, gegen den seine Soldaten natürlich nicht gewappnet waren. Cadorna mit Berlusconi zu vergleichen ist nicht haltbar.
Badischer Revoluzzer 23.05.2015
5. Politisch unkoreekt
aber faktisch wahr ist, daß uns die Italiener 2 mal in den Rücken gefallen sind. Sorry.
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