Donaudelta in Rumänien Bullerbü auf Hartz IV

Abgelegener geht's kaum in Europa: Touristen erleben auf einer Bootstour im Donaudelta die Einsamkeit und Schönheit der rumänischen Wildnis. Doch für die Bevölkerung der wenigen Dörfer ist das Leben ein Kampf - gegen Arbeitslosigkeit und Naturgewalten.

Von Françoise Hauser


Mit einer schnellen Handbewegung verdeckt der Wirt der Pension Delia gut ein Viertel des Donaudeltas auf der Landkarte. "Da oben geht nichts, das ist die Ukraine. Na ja, eigentlich gehört das uns, aber die Gauner haben uns Bessarabien ja gestohlen. Verbrecher, alle", murmelt er. Der Rest: kein Problem, politisch wie organisatorisch. "Was wollt ihr – fischen? Vögel beobachten? Pelikane? Kann ich alles ab Crisan organisieren." Und damit hat er erst einmal recht: Der Weiler liegt mitten in der 5000 Quadratkilometer großen Wasserfläche des Donaudeltas, rund drei Bootsstunden von der nächsten Stadt Tulcea entfernt.

Straßen gibt es keine. Wie auch, steht doch Crisan auf einem der wenigen "Grinduri", den festen Landmassen, die überhaupt bebaubar sind. Drumherum: Wildnis. Kurz hinter Tulcea teilt sich die Donau in drei große Arme, die durch zahllose Seitenarme und Seen verbunden sind. Wäre der Titel "letzter Urwald" Europas nicht schon an Dutzende andere Lokalitäten vergeben, hier würde er passen. Denn das Donaudelta sammelt Auszeichnungen und Superlative wie ein Spitzensportler. Das größte Feuchtgebiet Europas, das größte zusammenhängende Schilfgebiet der Welt, seit 1991 Unesco-Weltnaturerbe und Biosphärenreservat – und natürlich das zweitgrößte Delta Europas. Nur die Wolga kann der Donau sprichwörtlich das Wasser reichen. Wer diese Welt entdecken will, braucht ein Boot. Das hat der Wirt selbstverständlich parat.

Kein festes Land in Sicht

Wenig später tuckert der kleine Außenborder samt ortskundigem Bootsführer Florin durch die Lianen-verhangenen Kanäle, über mäandernden Flüsschen, durch Schilfgestrüpp und über den Altarm des Donauhauptkanals Braul Sulina. Die Passagiere haben immer die spannend-schöne Gewissheit: So abgelegen ist die Route, fiele der Bootsmann ins Wasser, die Rückkehr wäre ungewiss.

Denn mit dem simplen Wort "Feuchtgebiet" lässt sich das Donaudelta kaum in Worte fassen. Hier gibt es Seen bis zum Horizont und Bootstouren, auf denen der Reisende über Stunden, ja manchmal sogar Tage keiner Menschenseele begegnet. In der Hochsaison wohlgemerkt.

Selbst die Einheimischen müssen sich im Labyrinth des Schilfs immer wieder überraschen lassen: War da nicht gestern noch ein kleiner Kanal zum See? Eine Insel? Was auf den ersten Blick wie Festland erscheint, ist meist nur eine schwimmende Verbindung aus Farnen, Schilf und Modermasse, die sich mit jeder Bugwelle hebt und senkt. Durch die Gärung des Untergrunds entstehen enorme Massen von Faulgas, die Hektar-große Dickichtflächen abreißen und an die Wasseroberfläche tragen.

Keine andere Region Europas hat eine so niedrige Bevölkerungsdichte wie die schwimmende Welt des Deltas. Um die 15.000 Zähe, Unermüdliche sind es, die sich von eisigen, feuchten Wintern mit klirrend kalten Steppenwinden, der totalen Einsamkeit und den nicht existierenden Ablenkungsmöglichkeiten nicht abschrecken lassen. Und der Arbeitslosigkeit. Wer nicht Fischer wird oder einen der raren Verwaltungsposten erwischt, hat kaum eine Chance auf ein geregeltes Auskommen im Delta. Auch für den Fremdenführer Florin ist das ein echtes Problem. Was er außerhalb der Saison macht? Schulterzucken – Gelegenheitsjobs eben. Wenn er trotzdem bleibt, dann weil ihn die Weite des Deltas nicht loslässt.

In dieser Wildnis erscheint das Dorf Mila 23 (der Name bedeutet schlicht, dass die Siedlung an der 23. Donau-Meile ab Mündung liegt) fast schon urban. Ernst, ja fast ein wenig traurig blickt Lady Di von einem Poster über die leeren Tische der Bar an der Anlegestelle. Rumänische Schlager plärren in der Mittagshitze, ein Deckenventilator quirlt die warme Luft.

Die Kundschaft will freilich nicht so recht ins Rumänien-Klischee passen: Die Männer sind blauäugig und nicht selten rothaarig, auf den Stufen der Terrasse spielen strohblonde Mädchen mit Zöpfen. Wie überall im Delta sind viele Bewohner von Mila 23 nicht rumänischen, sondern russischen Ursprungs.

Sie stammen von den Lipowanern ab, einer Volksgruppe orthodoxer Christen, die als Anhänger des "wahren alten Glaubens" Ende des 17. Jahrhunderts nach einer Kirchenreform aus Russland ins Delta geflohen. Viele leben dort auch heute noch nach den alten Regeln, in den gleichen blauen Holzhäusern, in der gleichen Armut - Bullerbü auf Hartz IV.



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