Donauradweg Geschichtsstunde im Sattel

Spektakel gab es immer an der Donau: Wo einst Kaiser Barbarossa Zehntausende Soldaten versammelte, sind heute Heerscharen von Radfahrern unterwegs. Die Helme sind bunter, und ihre Feinde sind andere - am Ufer warten riesige Mückenschwärme auf Beute.

Von Roland Benn


Zwischen Schlögen und Aschach liegen die dunkelsten Stellen der Donau, die geheimnisvollsten Tiefen und die düstersten Hänge. Wer hier aus dem Sattel steigt, den kühlrippenbesetzten Helm abnimmt und die ständig über Aktien und Krankheiten redende Radlergruppe weiterziehen lässt, wer sich für ein paar Minuten im Unterholz versteckt und stille ist, dem werden sich die Geheimnisse des alten, wilden Flusses offenbaren.

Steht nicht dort, ein paar Meter weiter an einen Baum gelehnt, ein Schütze? Er hält den Bogen gespannt, den Atem an und einen jungen Hirsch im Blick. Hinter ihm rauscht der Strom, aus der Ferne sind Stimmen zu hören, aber das Tier lässt sich nicht stören. Der Schütze löst den Griff, der Pfeil sirrt davon, der Hirsch verschwindet im Gehölz. Damit steht fest: Heute gibt es wieder Fisch.

Fisch ist reichlich im Fluss, aber wenn einer der Jäger ein edles Tier erlegt, dann bleibt auch für ihn oft ein gutes Stück übrig, Kutteln oder Hirn. Der Kaiser kann ja nicht alles essen. Der Kaiser? Welcher Kaiser? Nehmen Sie irgendeinen. Fast alle Konrads, alle Karls und alle Heinrichs kamen hier entlang, die Großen und die Kleinen.

Auch heute kommen Konrads, Karls und Heinrichs hier entlang, aber auch Elsbeths und Hannelores. Fast alle tragen Kleidung, so bunt, wie sie eines Kaisers würdig wäre und auf dem Haupte Helme wie zum Kampf. Auch sie reisen nicht allein, manche sind in Gruppen von 50 oder mehr an den Ufern der Donau unterwegs. Radfahrer, Radwanderer und Radsportler, die meisten von ihnen gehören der eher erfahrenen Generation an.

Das liegt an zweierlei: Einerseits ist der Abschnitt der Donau zwischen Passau und Linz die schönste, wildeste, überraschendste Flussstrecke in unseren Breiten, andererseits geht es immer bergab. Und auch wer zurück will, hat es leicht: Auf der gesamten Strecke von 100 Kilometern gibt es gerade mal 50 Meter Höhenunterschied.

Insekten als Quälgeister

In einer stillen Kehre der Donau, wo das Wasser ruhig in großen Strudeln fließt, schnappen auch heute die Fische, zum Greifen nah, nach Mücken, wie sie es immer taten. In Massen schweben die Quälgeister als graue Wolken über der spätsommerlichen Donau. An dieser stillen Stelle in der Nähe der Schlögener Schlinge, wo der Fluss auf seinem Weg nach Osten eine Pirouette dreht, kann man ein wenig den Zeiten nachspüren, als dies die Schlagader Europas war, Straße der Händler und der Krieger, der Könige und Kaiser.

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Schon als Roms Trümmer noch rauchten und Mitteleuropa so finster war wie Hagens Bart, kam die furchtbar stolze Kriemhild hier entlang auf dem Weg, Frau Etzel zu werden und dann zur Mörderin. 1400 Jahre später nahm Franz Joseph an der Donau bei Linz seine Sisi in Empfang und führte sie heim. Auch das endete blutig. Und dazwischen? Außer Waffenklirren auch Mädchenlachen. Wie mag es hier geklungen haben, als 1719 Karl Alexander von Württemberg ein "Moidle-Schiff" auf den Balkan schickte mit 150 jungen Frauen, die seine im Banat verbliebenen, dort siedelnden Unteroffiziere heiraten sollten? (Nachfahren leben noch heute in Rumänien und Ungarn.) Ihr Lachen der Vorfreude und Klagen über die unsichere Zukunft sind in den Flusssedimenten gefangen.

Ernst Neweklowsky, der Linzer Ingenieur, hat das alles vermerkt in seinem Lebenswerk über die obere Donau, ein gigantisches Kompendium all dessen, was an Schiffen, Frachten, Fahrten vorkam, dazu alle Sagen und Flüche der Schiffer, die Zollrechte und die Lieder, die den Fluss umgeben; in seinem Streben nach Vollständigkeit vergaß Neweklowsky aber auch nicht, Dichtung und Prosa rund um den Fluss auf wasser- und schifffahrtstechnische Korrektheit zu überprüfen.



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