Radtour in Irlands Norden Grüner geht's nicht

Viel Natur, viele Schafe, viel Ruhe: Eine Radtour am nördlichsten Zipfel Irlands führt zu abgelegenen Berglandschaften und einsamen Küsten. Touristen kommen wenige - zumindest bisher.

Armin Herb/ srt

Wind und Regen kommen waagerecht von vorne. Die Wolken sind zum Greifen nah. Das Schutzsuchen unter einem kleinen Baum grenzt an Unsinn, aber genauso das Weiterfahren. Eine Rennradgruppe in kurzen Hosen und Trikots und einem Nichts von Windjäckchen hält neben uns. Mit nassen Gesichtern grinsen sie uns an. "Ist gleich wieder vorbei", sagt ihr Anführer und tritt wieder in die Pedale. Schöne Aussichten für unser Vorhaben, etwas weiter südlich eine siebentägige Radtour zu starten.

Der Schauer dauert eine halbe Stunde, aber dann zeigt sich wieder die Sonne zwischen den Wolken. Irlands nördlichste Region auf der Halbinsel Inishowen im County Donegal liegt nördlicher als Nordirland und erweist sich als ziemlich stille Ecke: Lärm machen fast nur der Wind und der Atlantik. Die Schafe stehen stoisch auf der Wiese und mümmeln leise vor sich hin.

An Malin Head, dem geografisch nördlichsten Punkt, stehen ein Wachturm aus dem Zweiten Weltkrieg und eine Hinweistafel. Nur eine Bucht weiter liegt ein wahrer Traumstrand - flach, breit, kilometerlang, weicher Sand, Dünengras wie auf Sylt. Leider handelt es sich um den Atlantik, deshalb locken die Wassertemperaturen selbst im Hochsommer nur die Locals ins Meer.

Cider und Chowder

Da gehen wir doch im winzigen Ort Ballygorman lieber in die Seaview Tavern, das einzige Wirtshaus weit und breit und der nördlichste Pub Irlands. Auf die Frage, was es zum Essen gibt, kommt hier, wie vielerorts in Donegal, meist die Antwort: Seafood Chowder - eine cremige, dicke Suppe mit Fisch, Muscheln und Shrimps. Und natürlich Kartoffeln, die hier bei keinem Gericht fehlen dürfen, ob gekocht, gebraten oder frittiert. Statt Guinness gönnen wir uns zu Mittag lieber einen Cider, den süffigen Apfelmost mit nur einem Hauch von Alkohol. Mike, der stämmige Wirt, nimmt sich die Zeit, um mit jedem Gast ein kleines Schwätzchen zu halten. Schließlich will er ja wissen, wer den Weg an diesen abgelegenen Ort gefunden hat.

70 Kilometer weiter südlich, in Donegal Town, herrscht mehr Betriebsamkeit. Das Provinzstädtchen, das dem County den Namen lieh, ist Startpunkt für unsere große Donegal-Runde mit dem Fahrrad. Ein irischer Bilderbuch-Ort, mit Pubs, Krämerladen, einem alten Schloss und altmodischen Geschäften mit viel Nippes.

In den folgenden Tagen prägen dann wieder einsame Küsten und winzige Dörfer unsere Route gen Westen entlang der Donegal Bay. "Wir sind genügsame Zeitgenossen", sagt Seamus Gallagher, der Fahrräder verleiht und repariert. Eine gewisse Leidensfähigkeit ist wichtig in schwierigen Zeiten: "Früher waren wir durch die politische Situation vom Rest Irlands etwas abgeschnitten. Mittlerweile sind die Grenzen zu Nordirland zwar kaum noch bemerkbar, aber dann überrollte uns die Finanzkrise."

Seamus zeigt uns zwei Tage lang seine Heimat, führt uns auf einer langen, schmalen Halbinsel hinaus zum Leuchtturm von St. John's Point und nach Killybegs, dem wichtigsten Fischereihafen Irlands. Auf den ersten 50 Kilometern fordert nur der Gegenwind etwas Kraftaufwand, denn es geht fast eben dahin. Danach wird die Küste spektakulärer und die Straßen werden immer schmaler und steiler. Verkehrsprobleme entstehen allerdings nur selten - wenn ein Wohnmobil-Chauffeur sich bei Gegenverkehr nicht traut, rückwärts bis zur nächsten Ausweichstelle zurückzufahren.

Torf und Tweed

Auf dem Weg zum Aussichtspunkt auf Slieve League, wo die höchsten Klippen Europas zu sehen sind, kommen wir dann doch außer Atem. Gegenwind und 15 Prozent Steigung fordern vollen Einsatz. Als Belohnung winkt der grandiose Tiefblick und ein gemütliches Zurückrollen Richtung Carrick, wo Seamus lebt.

Der nächste Anstieg lässt nicht lange auf sich warten, hinauf zum Lough Unna und Lough Unshagh. Dort oben wunderte sich schon mancher über die unzähligen kleinen Häufchen neben der Straße und am See. In den Hochmooren trocknet überall das Heizmaterial der Dorfbewohner: gestochener Torf. Auch Seamus besitzt hier ein kleines Torffeld.

Im idyllisch gelegenen Ardara zeigt sich Donegal wieder etwas quirliger. Bekannt ist der Ort nicht nur für die Tweed-Produktion, sondern auch für traditionelle Musik und einen Pub namens Nancy's. In dem kleinen Wirtshaus treffen sich seit Generationen die Dorfbewohner bei Bier und Whiskey und schlürfen die hausgemachte Fischsuppe. Immer samstags treten hier lokale Folkbands auf.

Schafe und Cheddar

Das einfache Leben in Donegal ist für Besucher voller Romantik, für die Bewohner sieht die Perspektive etwas anders aus: Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die soziale Versorgung mangelhaft. Ein bisschen mehr Tourismus in der "Festung der Fremden", wie Donegal übersetzt heißt, könnte nicht schaden.

In Bunbeg, das bis zum Bau einer großen Kaimauer als kleinster Naturhafen im Guinness-Buch der Rekorde stand, nehmen wir erst einmal Abschied vom wilden Atlantik. Unsere Route zielt zum Glenveagh-Nationalpark. Nichts außer Heidekraut, Moos und Ginster scheint im Hinterland zu wachsen. Den Schafen gefällts, auch in dieser kargen Gegend sind sie eindeutig in der Überzahl gegenüber menschlichen Bewohnern.

Entsprechend selbstbewusst geben sich die Vierbeiner. Zum Beispiel am Loch Barra, wo sich ein paar Schafsböcke mitten auf der Straße ihr Ruheplätzchen eingerichtet haben. Nur widerwillig räumen sie das Feld und lassen die fremden Radfahrer passieren.

Schade nur, dass in dieser Bergwelt nicht öfter mal ein Pub am Wegesrand steht für eine gemütliche Pause. Oder, dass die seltenen Gasthäuser erst um 17 Uhr öffnen. So freuen wir uns eben über unsere vorsorglich mit Brot und Cheddar Cheese gut gefüllten Packtaschen und einem Picknick an einem der Hochlandseen. Zwischen Derryveagh und den Glendowan-Bergen rollen wir bei sanftem Gefälle wieder Richtung Süden - zwischen hohen Grasbergen, vorbei an kleinen Seen und durch winzige Dörfer zurück nach Donegal Town. Von schlimmeren Regengüssen bleiben wir verschont, das - und unsere Rückkehr - muss gefeiert werden: natürlich mit Guinness und Fischsuppe bei Livemusik im Pier-1-Pub an der Donegal Bay.

Von Armin Herb, srt/sto



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