Edelsteinsuche in den Alpen Der Schatz vom Zillertal

Jede Reiseerfahrung, sagt man, mache den Menschen reicher. Im Zillertal können Wanderer das wörtlich nehmen: Mit ein bisschen Glück finden sie dort Edelsteine.

Johanna Stöckl

Von Johanna Stöckl


Ist das steil hier! Der feuchte Boden ist rutschig, von Pflanzen überwuchert. Haltsuchend krallen sich meine Hände immer wieder an Farnbüscheln fest. Hinter mir flucht Astrid keuchend: "Sollte es noch steiler werden, kehre ich um!"

Schritt für Schritt hangeln wir uns schwitzend weiter die steile Flanke hoch. Erst als ich anhalte, um etwas zu trinken, erblicke ich, was sich inzwischen um uns aufgebaut hat. Erhaben thront die Kasseler Hütte auf 2177 Metern über dem Talschluss. Dahinter türmen sich die Berggipfel der Zillertaler Alpen auf. Ein paar Restschneefelder haben sich in ihren Senken gehalten.

Schön ist das, eigentlich, aber wir sind ja nicht zum Spaß hier: Unser Ziel ist heute kein Aussichtsgipfel, und wir steuern auch keine gemütliche Hütte an. Für uns geht es querfeldein, seit Stunden folgen wir ihm durchs Gestrüpp. Denn er weiß, wo man findet, wonach unsere sechsköpfige Gruppe heute sucht: Edelsteine, genauer Granate.

Er, das ist selbst eine Art Zillertaler Urgestein: Seit über 50 Jahren zieht Walter Ungerank als Steinsucher ins Gebirge. Auf seinen Streifzügen hat der 68-Jährige an die 3000 Fundstücke gesammelt: wertvolle Bergkristalle, violette Amethyste, dunkelgrün schimmernde Smaragde oder Rauchquarze.

Seine Schätze lagert er daheim in Aschau, einem kleinen Dorf im Zillertal. "Zum Leidwesen meiner Frau. Sie kann die Steine nicht mehr sehen", gibt Ungerank zu. Er ist dem Edelstein-Fieber schon seit Kinderzeit verfallen. "Als mich mein Vater zu einem befreundeten Steinsucher mit nach Hause nahm, war es um mich geschehen." Die funkelnden Steine und die abenteuerlichen Erzählungen lockten ihn auf seine erste Schatzsuche. Zehn Jahre alt war er damals.

Er sucht und sammelt noch immer. "Jetzt, wo ich in Pension bin, habe ich noch mehr Zeit dafür." Und wenn der Tourismusverband Mayrhofen eine Gruppe Interessierte zusammenbekommt, nimmt er die auch gern mit ins Gelände.

Felsenleser: Wer finden will, muss die Geologie kennen

Womit wir wieder am Hang wären: Ungerank sucht Gesteinsadern. Er lese den Fels, sagt er. "Hat ein Stein etwa eine grüne Ader, deutet das auf einen Malachit hin." Entdeckt man hingegen eine Quarzader, an deren Ende sich ein Loch befindet, hat man gute Chancen, einen schönen Bergkristall zu finden. Uns will er heute zu einer alten Granatfundstelle lotsen.

Vor über 250 Jahren hat man im Stilluptal, einem landschaftlich zauberhaften Seitenarm des Zillertals, erstmals rote Granate gefunden. In mühevoller Arbeit wurden die Halbedelsteine, die über Jahrmillionen in weichem Schiefergestein eingelagert waren, abgebaut und später zu rot funkelnden Schmuckstücken verarbeitet. Eigens dafür wurde nahe der Hauptfundstelle auf der Stapfenalm eine so genannte Granatmühle errichtet, in der die Edelsteine vom Mutterstein getrommelt wurden.

"Das heißt, die murmelgroßen Granate wurden hier aus dem Schiefer herausgeschlagen und später in die Edelsteinschleifereien in Böhmen und im Schwarzwald gebracht", erläutert er, als wir an den Ruinen der Mühle einen ersten Halt einlegen. Dort finden wir sogar Reste von Trommelsteinen. Wertlose Splitter zwar, aber rot funkelnd. Die Stimmung in der Gruppe hellt sich auf.

Das Steigen fällt dem fitten Rentner leichter als der weit jüngeren Gruppe, die er führt. Während wir laut schnaufen, referiert er beim Gehen über die Entstehung von Granaten: Edelsteine entstünden tief im Erdinneren unter Einwirkung von Druck und Hitze, was dazu führe, dass sich bestimmte Moleküle vereinten und Kristalle mit symmetrischer Struktur bildeten. Die Zillertaler Granate seien rund 50 Millionen Jahre alt und bei einer Temperatur von 500 Grad Celsius und einem Druck von 10.000 Bar entstanden.

Aber wie kommt eine Gesteinsader schlussendlich an die Erdoberfläche? "Vor rund 120 Millionen Jahren driftete Afrika auf Europa und faltete die Alpen auf", sagt Ungerank, "seither heben sich Gebirge langsam an und geben so Mineralien frei."

"Frei" ist dabei natürlich relativ: Als Steinsucher muss man leidensfähig und konditionell gut drauf sein. Einmal, erzählt Ungerank, habe er sogar einen Winter lang Diät gehalten, um sich im darauffolgenden Sommer in eine vielversprechende Felsspalte hineinzwängen zu können.

Mitunter sucht man Minerale und findet Archäologisches

Einen ganz besonderen Fund machte er vor zwölf Jahren auf dem Schlegeiskees nahe der Berliner Hütte. Dort fand er eine Vielzahl von Bergkristallsplittern mit messerscharfen Kanten. "Mir war sofort klar, dass es sich nicht um Schmuckstücke, sondern um Werkzeuge handelte." Tatsächlich ergaben archäologische Untersuchungen: Die Werkzeuge stammen aus der Steinzeit.

Irgendwann bleibt er endlich stehen und deutet mit seinem Stock auf eine Art Höhle: "Hier ist sie, die ehemalige Fundstelle!" Die Kluft, die sich vor uns auftut, haben Steinsucher aus der Felswand herausgesprengt. Unmittelbar daneben rauscht mit lautem Getöse der Löffelkarbach als Wasserfall in die Tiefe. An den nassen Felsen seilen wir uns ab und stehen schließlich in der feuchten Höhle, deren Wände mit dickem, grünen Moos bewachsen sind.

Mit etwas Glück kann man hier noch Granate finden. Während Ungerank mit Hammer und Meißel zu Werke geht, wühlen wir mit den Händen suchend im Schlick. Plötzlich jubelt Teilnehmer Felix laut auf. Er trägt eine kleine Schieferplatte mit eingebackenen Granatquadern zum Meister: Das sieht ein bisschen so aus, als würde man einzelne Granatapfelkerne auf einem Steintablett servieren. "Die Bezeichnung Granat hat lateinischen Ursprung", klärt uns Ungerank auf, "Granum bedeutet Korn."

Dagmar hält später einen vorerst unscheinbar dunklen, golfballgroßen Gesteinsbrocken in der Hand. Er ist an einer Stelle ungewöhnlich geometrisch, seltsam ebenmäßig und kantig geformt. Und tatsächlich: Nach einer ersten groben Wäsche im eiskalten Bach beginnt der Stein tatsächlich rötlich zu schimmern!

Als der Fachmann den Fund in der Hand hält, strahlt er und gratuliert: "Diesen formschönen Granat würde sogar ich noch für meine Sammlung mitnehmen. Du musst ihn zu Hause unter fließendem Wasser mit Taschenmesser und Bürste bearbeiten und so vom Muttergestein befreien!" Dies könne Stunden, wenn nicht sogar Tage dauern.

Tags darauf schlendern wir durch Mayrhofen, wo man in jedem Souvenirshop kleine, geschliffene Granate für ein paar Euro kaufen kann. Hübsch, und dennoch: Meinen bescheidenen Fund, einen angeschlagenen, völlig wertlosen Trommelstein, hüte ich zu Hause auf dem Schreibtisch. Auch Wert ist relativ.



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