Jörg Pfeiffer

Irische Insel Dursey Himmelfahrt für Kalb und Kegel

Siebeneinhalb Minuten dauert die Seilbahnfahrt vom irischen Festland nach Dursey Island. Für viele ist die Gondel eine Zeitmaschine zwischen gestern und heute, neben Personen transportiert sie auch Schafe und Kühe. Jetzt gibt es Streit: Wer hat Vorfahrt - Bauern oder Touristen?

Damit hatte niemand gerechnet. Eigentlich wollten sie auf der Sitzung mit der Frau aus Cork besprechen, ob man die täglichen Fahrzeiten für die Seilbahn verlängern kann, und jetzt das. Man habe ein Gutachten erstellen lassen, verkündete die Dame von der Grafschaftsverwaltung, und die Ingenieure hätten empfohlen, den Transport von Kühen mit der Seilbahn umgehend zu untersagen.

Keine Kühe mehr in der Seilbahn! Schock und Stille. Dann hinten aus dem Raum erste vorsichtige Fragen: "Wir machen das seit fast 40 Jahren so. Was sagen die Gutachter denn? Und wie bringen wir denn jetzt Kühe und Kälber aufs Festland?"

"Jedenfalls nicht mehr mit der Seilbahn", erwidert die Bürokratin ungerührt. "Wir müssen einen anderen Weg finden. Uns sind da die Hände gebunden, es kommen doch dauernd neue Regeln aus Brüssel. Wir haben es hier mit Überschreitungen der maximalen Ladekapazität zu tun und einem Hygieneproblem." Keine Kühe mehr. Punkt. Und die Alternativen dürfen möglichst nichts kosten. "Ihr wisst ja, wie es um die staatlichen Finanzen steht. Irland wird doch praktisch von Insolvenzverwaltern regiert."

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Irland: Zeitmaschine überm Atlantik

Foto: Kiên Hoàng Lê

Neun Bauern haben ihr Vieh auf Dursey Island. Es ist ein schmales, sechs Kilometer langes Eiland vor der irischen Westküste, vom Festland durch einen kleinen Sund getrennt, auf dem tückische Strömungen herrschen. Bei ruhigem Wetter sieht das alles harmlos aus, früher hat man die Rinder einfach neben dem Boot herschwimmen lassen, wenn man sie zu Markte bringen wollte. Wenn jedoch die Stürme vom Atlantik über die Insel heulen, ist es für eine Fähre viel zu gefährlich. Jeder hier in der Versammlung weiß, wie das ist, wenn man für Wochen komplett vom Festland abgeschnitten ist. Sie sind alt genug, um das selbst noch erlebt zu haben.

"Für das Wetter sind wir in Cork nicht zuständig", pariert die Dame entsprechende Einwände und erstickt resolut jeden weiteren Widerspruch. Es gehe nun darum, Fördertöpfe für eventuelle Lösungen zu finden und den eigenen Standpunkt zu präsentieren - sofern man sich auf eine gemeinsame Position einigen könne. Irgendwelche Vorschläge?

Eine Stahlbox, gerade so groß, dass eine Kuh hineinpasst

Die Insulaner hätten 1969 auch eine Brücke haben können, aber die wäre erstens teuer und zweitens ein Hindernis für die Fischer gewesen. Man entschied sich, eine Seilbahn zu bauen, die in 30 Meter Höhe über den Sund surrt und so den Kuttern nicht in die Quere kommt. Die Konstruktion ist einfach: Hüben und drüben ein Gittermast, zwei Trossen tragen die Gondel, ein Stahlseil zieht sie von Ost nach West. Die Gondel selbst ist eine simple Stahlbox, gerade so groß, dass auch eine Kuh hineinpasst. Denn darauf kam es an - es sollte ein Vehikel für die Inselbewohner und ihre Tiere sein. Die Tragfähigkeit war mit 550 Kilogramm entsprechend berechnet, Komfort nicht vorgesehen. Solide ist die Kiste, leicht zu säubern. Durch die Ritzen im Boden sieht man das schäumende Wasser im Sund.

Die Überfahrt dauert siebeneinhalb Minuten. Wenn der Wind es will, kommt die Gondel gelegentlich ins Schaukeln, was Kühe und Schafe gelassen nehmen, bei den übrigen Passagieren aber schon mal die Nerven flattern lässt. Für ernste Notlagen gibt es eine Gegensprechanlage, bei leichteren Anfällen von Panik reichen vielleicht das Fläschchen Weihwasser am Haken neben der Schiebetür und Psalm 91, der mit Reißzwecken an der Stirnwand befestigt ist und allzeit Zuversicht verbreiten soll: "Wer unter dem Schutz des Höchsten wohnt, der kann bei ihm, dem Allmächtigen, Ruhe finden."

Die Luftbrücke machte das beschwerliche Leben auf der Insel schon viel erträglicher und hätte eigentlich verhindern sollen, dass noch mehr Menschen die Insel verlassen. Doch das Gegenteil war der Fall, sie hat den Wandel auf Dursey sogar noch beschleunigt. Früher fiel der Abschied von der Insel schwer, denn er war meist endgültig. Jetzt konnte man auf dem Festland in den Pub gehen, zum Arzt, in die Kirche, einkaufen und zur Arbeit auf die Insel pendeln. Für die Insulaner war die neue Seilbahn wie eine Zeitmaschine, die sie nach Belieben zwischen gestern und heute reisen ließ.

Rosarie O'Neill, geborene Healy, gehört zu diesen Pendlern. Sie ist auf der Insel aufgewachsen, das Haus der Familie ist das erste, das man erreicht, wenn man der einspurigen Straße von der Seilbahnstation folgt. Rosarie lenkt ihren rost- zerfressenen VW Polo nach Westen und zählt unterwegs auf, wer gegangen ist, wer bleibt und wer neu dazugekommen ist. Ihr Nachbar Brendan Finch ist gestorben, Michael Lynch aus dem Haus daneben ist im Krankenhaus und kommt wohl nicht wieder. "Die Hütte auf der anderen Seite der Straße haben Deutsche gekauft, als Ferienhaus. Und das Haus da drüben, das aussieht wie aus dem Baumarktkatalog, haben Leute aus Tipperary renoviert." Aber die sind natürlich nur selten da.

Vorfahrt fürs Vieh

Drei Dörfer gibt es auf Dursey Island, Ballynacallagh, Kilmichael, Tilickafinna. Rosarie und die anderen Leute hier sagen nur "erstes Dorf", "zweites Dorf", "drittes Dorf". Wobei Dorf geprahlt ist: Wo die Topografie Schutz vor dem Wind bietet, stehen Häuser und Ställe zusammen - an der einen Straße aufgereiht. Die meisten sind verlassen, viele verfallen. Die Inselschule im zweiten Dorf wurde 1974 geschlossen, weil nicht mehr genügend Kinder kamen. Im Dach klafft ein Loch.

Wer schon einmal im Westen Irlands war, kennt diesen Anblick: ganze Dörfer, die nur aus Ruinen bestehen, allesamt verlassen während der großen Hungersnot in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Acht Millionen Menschen zählte Irland vor der Katastrophe, mehr als eine Million verhungerten, anderthalb Millionen gelang die Flucht nach Übersee. Zurück blieben nur die Mauern ihrer Hütten.

Auf Dursey liefen sie nicht nur vor dem Hunger davon, das Leben dort war so schon beschwerlich genug. Als ihre Eltern klein waren, sagt Rosarie, lebten noch ein paar hundert Menschen auf der Insel. Als sie selbst zur Schule im zweiten Dorf ging, waren es noch 80. Inzwischen gelten nur noch eine Handvoll Leute als permanente Bewohner der Insel.

Rosaries Vater war Fischer und vieles andere mehr. Wenn die See es erlaubte, fischte er Hummer oder Makrelen. Wenn nicht, half er beim Torfstechen oder arbeitete auf dem Festland im Straßenbau. Es war ein ständiger Kampf, sich durchzuschlagen, irgendwie. Früher waren die Waren von der Insel auf dem Festland begehrt - Fisch, Fleisch, Milch, Wolle, Torf. Aber in einer modernen Weltwirtschaft sind die Insulaner damit nicht konkurrenzfähig.

Rosarie musste nach der Grundschule aufs Festland. Die weiterführende Schule war ein Internat, nur am Wochenende konnte sie nach Hause, sofern das Wetter mitspielte. Sie ist oft wochenlang nicht auf die Insel gekommen, weil der Sund einfach nicht zu überqueren war.

Nach Sturm klebt Seetang an den Fenstern

Später arbeitet sie in einem Hotel, geht dann zur irischen Post, heiratet einen Tischler und macht ein Bed & Breakfast auf. Das Paar baut sich eine Hütte auf Dursey, nur einen Steinwurf von dem Haus entfernt, in dem sie aufgewachsen ist. Rosarie kommt nicht los von der Insel, aber sie ist ihr nicht mehr ausgeliefert.

Derek und Joanna Scott leben im dritten Dorf, das vorletzte Haus vor der äußersten Spitze von Dursey. Sie lieben das raue Klima, das Krachen der Brecher. Wenn das Wetter aus Südwest kommt, sagen sie, weht die Gischt bis zu ihnen hoch. Ihr Haus steht 150 Meter über dem Meer am Berg. Nach einem Sturm klebt Seetang an ihren Fenstern, und die Scheiben sind blind vom Salz.

Die Scotts zählen zu den wenigen Neuzugängen. 1992 haben sie eine Ruine im Westen der Insel gekauft und liebevoll renoviert. Er ist Ornithologe, Stunden sitzt er vor dem Haus, das Fernglas vor den Augen. Seine Leidenschaft gilt den "Irrgästen", Zugvögeln, die sich auf ihren Reisen verflogen haben oder einfach vom Sturm nach Irland gepustet wurden. Der Grasläufer neulich? Wollte vom Norden der USA nach Feuerland. Wahrscheinlich ist er über dem Atlantik auf einem Schiff zwischengelandet und hat sich nach Osten tragen lassen.

Mit dem Blick des Wissenschaftlers für Muster und Gesetzmäßigkeiten hat Scott auch den Wandel auf Dursey registriert. Das Schrumpfen der Dörfer, den Verfall der Häuser und eben auch die neuen Siedler vom Festland, die wie die Scotts ein "home away from home" suchen. Derek und Joanna sind froh, dass sie keinen Fernsehempfang haben, dass ihre Handys nicht funktionieren, dass es keine schnelle Internetverbindung gibt.

Die Nachricht vom Seilbahnbann hat die Scotts allerdings sofort nach der Krisensitzung erreicht. Ihre nüchterne Erklärung: "Früher sind wir den ganzen Tag über die Insel gelaufen und haben kaum einen Menschen getroffen", sagt er. "Heute begegnen wir bestimmt 30 Touristen, die zum Wandern herkommen." Die Politiker hätten längst verstanden, dass die Zukunft der Insel nicht in der Viehzucht liegt. Hat nicht die "Irish Times" gerade erst einen großen Artikel über den Wanderweg gebracht, der über die Gipfel der Insel zu den Klippen an der Westspitze führt? Die Seilbahn bringt die Menschen nach Dursey und damit Umsatz in die Region. Bis jetzt hatten die Bauern und ihr Vieh Vorfahrt auf der Seilbahn. "Das Privileg", sagt Derek, "ist jetzt in Gefahr."

Martin Sheehan wird es jedenfalls nicht kampflos aufgeben. Er hat sich auch einen Tag nach der Sitzung nicht abgeregt. Die Behörden entzögen ihm die Geschäftsgrundlage, sie kappten die Verbindung zwischen seinen beiden Leben. "Und das, ohne irgendwelche Fakten auf den Tisch zu legen", schimpft er. "Sie haben einen Gutachter bestellt, ohne uns in Kenntnis zu setzen. Und jetzt zeigen sie uns seinen Bericht nicht." Die Sorge um zu große Lasten hält er für einen Vorwand. "Sie wollen kein Vieh mehr auf der Seilbahn, sie wollen eine saubere Sänfte für Touristen."

"Die Touristen bringen zu viel Gewicht auf die Waage"

Der Konflikt steht für ein größeres Dilemma: Die Iren wollen einerseits die traditionelle Lebensweise der Fischer und Bauern im Westen bewahren, aber andererseits auch die wilden Landschaften für Touristen erschließen. Denn Irlands Westen ist nicht einfach Landschaft, er ist Mythos. "Zur Hölle oder nach Connaught", war im 17. Jahrhundert das finale Angebot des englischen Eroberers Cromwell an die Iren, und viele flohen in die Westprovinz und besiedelten noch die entlegendsten Kaps und Inseln an der Atlantikküste. Als Irland im 20. Jahrhundert seine Unabhängigkeit erkämpfte, galt der Westen den Revolutionären als Heimstatt der wahren irischen Identität. Nur hier sprachen die Menschen Gälisch, nur hier hatte ihre Lebensweise der Anglisierung des Landes widerstanden.

Eine Reise nach West Cork oder Kerry, Connemara oder auf die Aran-Inseln hat für Iren auch heute noch etwas von einer Pilgerfahrt. In seinem Roman "Der irische Freund" schickt der Schriftsteller Hugo Hamilton den serbischen Einwanderer Vid Cosic nach Dursey. Dort, hat man ihm in Dublin versprochen, würde er die Seele seiner neuen Heimat verstehen. Aber Vid, der Fremde, sieht nur kahle Hügel und schiere Klippen, ihre Symbolik erschließt sich ihm nicht. "Dann fuhr ich in einer schwankenden Seilbahngondel nach Dursey Island, hoch über dem Wasser und mit dem Herz in der Hose, wie man so schön sagt. Als ich ausstieg, fragte ich mich, was an dieser Insel so besonders sein sollte. Sie war zwar wunderschön und auch geschichtsträchtig, aber ich wusste nicht recht, was ich hier zu suchen hatte. … Ein heftiger Wind zerrte an meiner Jacke, und ich glaubte kurz, jemand würde hinter mir stehen. Aber da war niemand, und ich kam mir vor wie der letzte Mensch auf Erden."

Auch für Martin Sheehan ist Dursey nicht der Themenpark einer gälischen Identität. Die karge Insel ist für ihn das echte Leben. Wenn er nicht mit seinem Kutter rausfährt und Garnelen oder Plattfische fängt, kümmert er sich um sein Vieh. Er hat einen Bullen, 16 Kühe und Kälber und 50 Schafe. Die mit dem blauen Klecks auf der Schulter sind seine.

Auf der Krisensitzung hat er sich gemeldet, als Freiwillige gesucht wurden, die nach Alternativen zum Betrieb der Seilbahn suchen. Aber eigentlich hegt er einen anderen Plan. "Ich will doch mal sehen, was passiert, wenn ich mit einer Kuh an der Seilbahn aufkreuze", grummelt er. "Noch steht da nur was von einem Maximalgewicht. Solange ich mich daran halte, können die mir gar nichts."

Paddy Sheehan, ein Cousin von Martin, ist auf der anderen Seite vom Sund aufgewachsen. Seit 19 Jahren ist er für den Betrieb der Seilbahn zuständig. Dreimal am Tag macht der 50-Jährige sein kleines Kassenhäuschen auf und schmeißt die Anlage an. Morgens zwei Stunden, mittags zweieinhalb Stunden und dann noch eine Stunde abends. Acht Euro kostet die Fahrt für Touristen, die Bewohner der Insel und ihre Tiere fahren gratis.

"Bei Seitenwind schaukelt es eben ein bisschen"

Auf der Schalttafel hinter seinem Tresen sind nur zwei Knöpfe wichtig. Für die Hinreise drückt er "Richtung Insel", retour die Taste "Richtung Festland". Die Gondel ist mit einem Sensor ausgestattet und hält automatisch, wenn sie die Laderampe erreicht. Gelegentlich wollen ihn Kamerateams bei der Arbeit filmen, dann nimmt er sie mit in den Generatorenraum und pinselt Fett auf die Trosse. Aber eigentlich läuft die Anlage wartungsfrei.

In den Anfangsjahren ist der Motor manchmal ausgefallen, die Gondel blieb über dem Sund hängen. Da musste Paddy sie per Hand ans Festland kurbeln. Zwar kein Kraftakt, aber es dauerte fünf Stunden, bis die Passagiere wieder festen Grund unter den Füßen hatten. Heute hilft im Notfall ein Ersatzgenerator.

Machtlos ist Sheehan erst, wenn sein Windmessgerät mehr als acht Beaufort anzeigt. Dann macht er die Bahn aus Sicherheitsgründen dicht. "Seitenwind ist eigentlich kein Problem, dann schaukelt es eben ein bisschen. Wenn die Böen aber direkt aus West kommen, dann fegen sie so von den Hügeln herunter, dass sie die Gondel von unten anheben. Dann besteht Gefahr, dass sie von der Trosse springt."

Und Kühe? Ist das Vieh wirklich eine Belastung für die Bahn? Paddy Sheehan bleibt im Ton freundlich, aber sein Gesicht bekommt einen trotzigen Zug. "Tatsächlich sind es eher die Touristen, die zu viel Gewicht auf die Waage bringen. Kurz vor der letzten Fahrt des Tages werden sie immer ganz hektisch. Aus Angst, nicht mehr mitzukommen, quetschen sich dann auch mal zu viele Leute in die Gondel."

Paddy versteht sich als Fährmann der Insulaner, da ist er ganz auf ihrer Seite. "Die Seilbahn fährt für die Insel, nicht für Touristen." Grundsätzlich, meint er natürlich, auch in seiner Statistik sind Urlauber in der Überzahl. An die 9000 surrten im letzten Jahr mit der Gondel über den Sund. Die paar Einheimischen zählt er nicht, bei Schafen und Kühen führt er auch kein Buch, es sind geschätzt 500 Schafe und vielleicht 100 Kühe und Kälber.

Und jetzt? "Mein Verständnis haben sie, wenn sich die Leute von der Insel querstellen. Wenn sie zum Beispiel einfach keinen Touristen mehr auf die Insel lassen. Ist ja immerhin ihr Land, und die Wanderwege führen über Privatbesitz. Sie dürfen sich das nicht gefallen lassen." Er selbst plant einen Dienst nach Vorschrift. "Offiziell weiß ich nichts von einem Bann für Kühe auf der Seilbahn, mir hat niemand etwas gesagt. Wenn jetzt einer mit einer Kuh ankommt, dann hat die Vorfahrt, ist doch klar."

Der Text stammt aus dem Magazin "Mare" , Heft Nummer 90, Februar/März 2012

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