Einsame Orte in Europa 27 Kilometer zu Fuß in die Kneipe

Auf der schottischen Halbinsel Knoydart gibt es nur eine Kneipe, das Old Forge in Inverie. Wer sich hier für ein Bier auf den Weg macht, kann schon mal im Schlamm stecken bleiben.

Oliver Lück

Von Oliver Lück


Wer im Old Forge ein Bier trinken möchte, kann den einfachen oder den schwierigen Weg wählen. Entweder nimmt man die Fähre, die gut eine Stunde braucht, oder man besorgt sich feste Schuhe, eine gute Wanderkarte und einen Kompass.

Über Land ist es ein strammer Tagesmarsch in den Pub, der als entlegenste Kneipe des britischen Festlandes gilt. 27 Kilometer stapft man durch sumpfiges Gebiet entlang der Küste auf die Halbinsel Knoydart - eine Straße führt nicht hierher. Wer unachtsam ist, versinkt bis über die Knie im Schlamm.

Es geht durch einen menschenleeren Landstrich, der mit seinen sattgrünen Tälern und den schroffen Bergen wie eine Traumwelt wirkt. Und irgendwann hört man auf, die Wasserfälle zu zählen, die in weißen, schäumenden Bändern von den Hügeln hinabrauschen.

Karg ist das schottische Hochland. Hier wächst nicht mehr als Gras und Heidekraut, einige Disteln, Moose und Farne. Manchmal, wenn ein Sonnenstrahl durch die düstergraue Wolkendecke bricht, sieht es aus, als hätte jemand den Strahler einer riesigen Bühne angestellt.

Knoydart im schottischen Nordwesten ist die am dünnsten besiedelte Region Großbritanniens. Obwohl es keine Insel ist, fühlt man sich wie auf einer. Sprechen die Schotten von "der letzten großen Wildnis" meinen sie die in den Atlantik ragende Halbinsel gegenüber der Isle of Skye. Auf 85 Quadratkilometern leben 120 Menschen, die durch die Natur von der Welt abgeschottet sind.

"Weil wir es wollen, nicht weil wir müssen"

Manch einer schafft den Fußmarsch nach Inverie, dem winzigen Hauptort, in sieben Stunden. Dann aber muss er sofort das Old Forge - die alte Schmiede - aufsuchen, um all die Gelüste zu befriedigen, die ihm unterwegs in den Sinn gekommen sind. Und hinter dem Tresen steht Ian Robertson. "Probier' den Hirsch, der ist gut. Und nimm ein Bier", sagt der Wirt. Es sind keine Fragen, es sind Befehle.

Inverie liegt in einer weiten Bucht. Im Rücken ragen die Berge bis auf über tausend Meter in den Himmel. Der Ortskern der Siedlung besteht aus einem Dutzend Häusern mit schneeweißer Fassade und grauen Dächern. Eine Schule, ein Postamt, drei Münzfernsprecher. Mobiltelefone haben hier keinen Empfang. Einen Arzt oder Polizei gibt es auch nicht. In Inverie schließt niemand sein Haus ab.

"Robust und aufrichtig" nennt der Wirt die Menschen hier. Es ist eine enge Gemeinschaft, da sich viele Probleme in dieser Abgeschiedenheit nur in Zusammenarbeit lösen lassen. "Und die Menschen von Knoydart verbindet vor allem eines", sagen die Menschen von Knoydart: "Wir alle leben hier, weil wir es wollen, nicht weil wir müssen."

Mit GPS ins Old Forge: 57.036992, -5.682262

Einsame Orte, Teil 1: Lyr in Schweden
Einsame Orte, Teil 2: Doel in Belgien
Im nächsten Teil: Das Mera-Tal in Spanien

Zum Autor
  • Oliver Lück
    Seit 20 Jahren ist Oliver Lück im VW-Bus in Europa unterwegs. In rund 30 Ländern ist der Journalist und Fotograf gewesen. Und überall hat er "geheime Orte" entdeckt, die man eigentlich für sich behalten sollte. In dieser Serie verrät er einige.
  • Mehr auch unter www.lueckundlocke.de



insgesamt 12 Beiträge
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rumpel84 27.03.2015
1.
Immerhin dürfte man Durst wenn man dort angekommen ist.
Ontologix II 27.03.2015
2. Schottische Idyllen
In Schottland gibt es schon menschenverlassene Gegenden. Da fährt man eine Stunde auf einspurigen Straßen, und nie begegnet einem ein Auto an einer Ausweichstelle. Dafür sieht man plötzlich ein Rudel mit 50 Hirschen. Adlige Großgrundbesitzer und englische Millionäre vertrieben Dorfbewohner, wenn die die Jagdgründe störten. Die Dörfer und Häuser verfielen. Nur ein paar Ansiedlungen überlebten, meistens in der Nähe des Meeres oder an malerischen Seen.
dasbeau 27.03.2015
3. Highlands
Es gibt kaum etwas Erhebenderes, als eine Wanderung durch die Schottischen Highlands. Gerade abseits der Wege.
rudi.waurich 27.03.2015
4. rumpel,
Sie haben meinen Kommentar geklaut! :)))
HaioForler 27.03.2015
5. Schottland
Die ganze Landschaft dort ist kaum zu ertragen, wenn man im strengen Winter mit strammem Marsch nach endlich 5 Stunden den Pub erreicht und das Schild "Wegen Überfüllung geschlossen" lesen muß. Die Stimmen von innen werden einen Jahre verfolgen.
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