Eisbrecher auf der finnischen Ostsee Auf Crash-Kurs

Die Maschinen wummern in Disco-Lautstärke, krachend birst das Eis: Vor der Küste Finnlands sorgen neun Eisbrecher dafür, dass der Seehandel im Winter nicht einfriert. Die "Sisu", 22.000 PS, fünf Motoren, ist einer von ihnen. Logbuch einer schlagkräftigen Woche an Bord.

Von Peter Münch


Timo lässt es krachen. Das Eis zerbirst am Bug, wird zur Seite geschleudert, und was eben noch fest miteinander verzahnt war, wirbelt gehäckselt um die Bordwand. Bis sich die Stücke im Kielwasser wieder vereinen, können andere Schiffe folgen – wenn sie sich beeilen, denn die "Sisu" pflügt gerade mit 17 Knoten, das sind gut 30 Stundenkilometer, durch die zugefrorene Ostsee. Am Ruder freut sich Timo über reichlich Action nach ruhigen Tagen.

Landgang mitten auf der Ostsee. Den Mann trägt eine 30 Zentimeter dicke Eisschicht. Um sie zu durchbrechen, bräuchte die Sisu nicht mal ihre halbe Kraft
Walter Schmitz

Landgang mitten auf der Ostsee. Den Mann trägt eine 30 Zentimeter dicke Eisschicht. Um sie zu durchbrechen, bräuchte die Sisu nicht mal ihre halbe Kraft

Vor einer Woche sind wir uns erstmals begegnet. Die "Sisu" hatte an der Eisbrecher-Pier in Helsinki-Katajanokka festgemacht, die Hälfte der Mannschaft war von Bord gegangen, dafür waren andere gekommen. Ebenfalls neu war das MERIAN-Team: Fotograf Walter Schmitz und ich, der sich gleich nach dem Bezug der Kajüte seebärig aufs Oberdeck stellte, gegen zehn Grad minus und den frostigen Wind beschützt von Winterjacke, Mütze, Schal. „Auf zum Pol!“, riefen Scott und Amundsen in mir, „Leinen los!“

Da ging die Tür auf und mir trat ein Mensch entgegen, der bis auf ein lächerliches Handtuch um die Lenden völlig nackt war. Nicht mal Latschen trug der Kerl. Er streckte dem Weichei seine Hand entgegen und stellte sich vor: „Timo Aaltonen, Chief Officer“. Kein Zweifel, dies war ein finnisches Schiff, und wir sollten es in den nächsten Tagen mit Leuten zu tun haben, die einen guten Teil ihres Lebens im Dampfbad verbringen.

Schwimmende Zeitbomben auf der Ostsee

Die "Sisu" hat zwei Saunen an Bord, einen Pool und einen Fitnessraum. Für den Geist gibt es eine Bibliothek, für den Magen eine Küche, die jeden Kantinentest mit Bravour besteht, und für die Ohren fünf Maschinen mit zusammen 22.000 PS. Das Kraftpaket könnte einer Kleinstadt über den Ausfall ihres E-Werks hinweghelfen, treibt zwei Schrauben hinten und zwei vorne an und säuft im Normalbetrieb durchschnittlich 80 Tonnen Diesel. Täglich.

Nicht ganz so viel an jenem 21. März, als wir am späten Nachmittag endlich ablegen und Kurs Süd nehmen, einen Tag nach Frühlingsanfang. Dem nordischen Winter sind kalendarische Eckdaten egal, das Eis vor der Küste hält sich meist bis Ende Mai. Finnland ist das einzige Land der Welt, dem selbst in milden Wintern sämtliche Häfen zufrieren. Da der Außenhandel zu mehr als 80 Prozent über See abgewickelt wird, sind die neun finnischen Eisbrecher die Herzschrittmacher der Wirtschaft.

Hinzu kommt, dass gleich vor der Haustür die Hauptschlagader des russischen Ölexports verläuft: Von Primorsk bei St. Petersburg, dem Endpunkt von Pipelines aus ganz Russland, fahren Supertanker westwärts, die meisten mit Ziel Rotterdam. Manche haben mehr als 100.000 Tonnen Schweröl geladen und sind nach internationalen Maßstäben wenig eistauglich. Die Havarie eines solchen Riesen wäre gleichbedeutend mit dem ökologischen Infarkt der finnischen und estnischen Küste und hätte unabsehbare Folgen für die gesamte Ostsee.

Die schwimmenden Zeitbomben ziehen ihre Bahnen in der eisfreien Hauptfahrrinne, als die "Sisu" nach zweistündiger Fahrt in leichtem Eis in Stand-by-Stellung geht, mitten im Finnischen Meerbusen. Ein Eisbrecher ankert nicht, er lässt sich zufrieren. Die Nacht ist sternenklar, voraus sieht man den Lichterschein von Tallinn, achtern den von Helsinki. In der Kabine sind es 22 Grad plus, an Deck 15 minus.

Am nächsten Tag gibt es keinen Einsatz, eine gute Gelegenheit, sich gründlich umzusehen. Die Brücke des 1976 gebauten Eisbrechers wurde in den letzten Jahren technisch aufs höchste gerüstet. Monitore mit Radarbildern – ein Laie kommt damit nicht klar. Da sind die Bildschirme mit den Seekarten viel aufschlussreicher. Kleine Kegel zeigen die aktuelle Position der Schiffe in der Umgebung. Ein Mausklick verrät Namen, Typ, Maße, Ziel der Reise und, ganz wichtig, die Geschwindigkeit. Bei weniger als acht Knoten hat das Schiff in der Regel ein Problem – entweder einen Maschinenschaden, oder, viel wahrscheinlicher, es droht im Eis stecken zu bleiben. Dann fragt die "Sisu" über Funk nach und eilt, wenn nötig, zur Hilfe. In normalen Fällen bedeutet das Freibrechen, in ernsteren auch schon mal Abschleppen. Den Eignern der betroffenen Schiffe entstehen dafür keine Kosten, die trägt die staatliche Reederei Finstaship.

Maschinen wummern in Disco-Lautstärke

Das Kommando an Bord hat Bo-Henrik Ingo. Der 64-Jährige ist ein knorrig-bedächtiger Finnlandschwede, der neben seiner Muttersprache Schwedisch natürlich Finnisch und Englisch spricht, mit Walter und mir auf Deutsch parliert und sich mit seiner japanischen Frau auch in deren Sprache unterhalten kann. Zu Hause sind die beiden auf der Insel Bergö bei Vaasa. Nach dieser Eis-Saison will sich der Käptn dort zur Ruhe setzen.

Von der Brücke, 20 Meter über der Wasserlinie, hat Offizier Björn „Nalle“ Lindberg das Meer im Blick. Die Eisformationen wechseln ständig, Langeweile kommt nicht auf
Walter Schmitz

Von der Brücke, 20 Meter über der Wasserlinie, hat Offizier Björn „Nalle“ Lindberg das Meer im Blick. Die Eisformationen wechseln ständig, Langeweile kommt nicht auf

Am nächsten Vormittag nehmen wir Kurs auf Hanko. Unser Auftrag: Rinnen zu kleineren Häfen brechen. Drei Maschinen werden angeworfen, der Autopilot aktiviert. Offizier Björn „Nalle“ Lindberg, der zweite Finnlandschwede an Bord, korrigiert den Kurs an seinem Fahrstand. Dabei bewegt er einen Schalthebel, der mich an den meiner Modell-Eisenbahn erinnert. Nur war das, was mich vor Jahrzehnten zum Dienstherren über drei Mini-Züge machte, viel größer als jenes Hebelchen, mit dem Nalle den 105 Meter langen Eisbrecher lenkt. Das gute alte Steuerrad gibt’s auch noch. Es steht mitten auf der Brücke und ist so funktionstüchtig wie das Lenkrad der Feuerwehr auf dem Kinderkarussell. Manchmal setzt sich ein Matrose dahinter und spielt den Steuermann.

Nach fünf Stunden sind wir vor Ort und pflügen dem Frachter Merweborg den Weg nach Lappohja frei. Dann fahren wir einige Meilen zurück und warten neben der eigenen Rinne. Diesmal parkt die "Sisu" in einer verschneiten Eiswüste mit Schären und Festland in Sichtweite. Schneeweiß unter stahlblauem Himmel – Ton in Ton mit der finnischen Flagge des Eisbrechers, der in der Abendsonne seinen Schatten aufs Eis wirft.

Von Winterromantik ist unter Deck nichts zu spüren. Die Maschinen wummern in Disco-Lautstärke, nur um das stehende Schiff mit Energie zu versorgen. Nicht auszudenken die Dröhnung bei voller Fahrt. Chefingenieur Timo Raunela liebt diesen Sound. Voller Stolz zeigt er seine fünf Motoren. Da das Schiff während der Eissaison nur auf See instand gehalten werden kann, kommt unter der Wasserlinie keine Langeweile auf. In ihrer kleinen Werkstatt löten die Elektriker Malin und Alakoski, weiter hinten dengeln die Mechaniker Kautonen und Leinonen eine überdimensionale Dichtung zurecht, zwei vierschrötige Typen von der Sorte, die einen Hafenkneipen-Bummel schon mal im Krankenhaus oder in der Zelle beendet.

Den Dank an die Küche vergisst keiner

An Bord gibt es in dieser Hinsicht keinen Ärger. Alkohol ist kein Tabu, aber auch kein Thema. Exzesse kann sich keiner leisten, die meisten der 28-köpfigen Crew, bei unserem Törn sämtlich Finnen, arbeiten zweimal täglich sechs Stunden, jeweils 20 Tage lang, dann haben sie zehn Tage frei. Der Schichtdienst schlaucht, sechs Stunden Pause sind nicht gerade üppig. Ausschlafen kann man nur an Land oder im Sommer, wenn man dann nicht, wie fast alle, einen anderen Job hat. Die Mahlzeiten verlaufen entsprechend wortkarg. Geredet wird nur das Allernötigste, nordic talking, wir sind hier nicht bei den Caprifischern. Immerhin geht ein kiitos auch dem Maulfaulsten über die Lippen, wenn er sein Geschirr in den Abwaschkorb stellt. Den Dank an die Küche, und sei er noch so knapp, vergisst keiner.

Auf der Brücke wird auch am Tag darauf nicht geschwatzt. Die Wetterlage ist stabil, die Eissituation unverändert. Nalle späht durch sein Glas in die weiße Ferne, kein Schiff in Sicht. Meine Bemerkung „Überhaupt kein Verkehr heute?“, kommentiert er mit: „Nein.“ – lange Pause – „Und jetzt kommt das Wochenende.“ – Pause – „Dann wird’s ruhiger“. Schöne Aussichten!



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