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El Hierro: Zackenbarsche am Vulkan

Foto: exclusivedivingcanarias.com/ Arturo Telle

Tauchen vor El Hierro Schweben nach dem Beben

El Hierro ist schon länger als Paradies für Wanderer und Taucher bekannt. Doch erst ein Vulkanausbruch sorgte 2011 dafür, dass die dortige Unterwasserlandschaft zum wohl spektakulärsten Tauchplatz Spaniens wurde. Heute tummeln sich dort Barrakudas, Zackenbarsche - und auch mal ein Walhai.
Von Linus Geschke

Das Monument beginnt in knapp hundert Metern Tiefe und reckt sich dann bis auf 15 Meter steil der Wasseroberfläche entgegen. Ringsherum gibt es nur Blau. Ein Blau, das fast schon transparent wirkt. Makrelen streifen hindurch, man sieht silbrig glänzende Barrakudaschwärme, und in den großen Durchbrüchen warten fette Zackenbarsche, deren Bäuche prall gefüllt sind.

El Bajón nennt sich dieses Bauwerk der Natur, frei übersetzt "der Sturz". Der erloschene Unterwasservulkan ist der vielleicht spektakulärste Tauchplatz Spaniens. Unmittelbar vor der Hafenausfahrt des 500-Seelen-Örtchens La Restinga gelegen, wirkt er wie ein Magnet auf Fische und Taucher, die sich hier in die Tiefe stürzen. Wer heute am Bajón abtaucht, mag kaum glauben, dass dieser Teil El Hierros vor anderthalb Jahren noch ein Notstandsgebiet war.

Im Juli 2011 begann dort die Erde zu zittern. Viele kleine Beben, die am 10. Oktober im ersten großen mündeten - sechs Kilometer von der Küste entfernt; in tausend Metern Tiefe. Einen Tag später wurde La Restinga evakuiert. Am 12. Oktober kam es Hunderte Meter unter der Wasseroberfläche zu weiteren starken Beben.

Fontänen schossen zwanzig Meter über den Meeresspiegel hinaus, es stank nach Schwefel. Bald bedeckte ein braun-grüner Teppich aus Gasen und Sediment, doppelt so groß wie die Insel selbst, das Meer. Tausende Fische trieben darin, alle mit den Bäuchen nach oben. Auch in den Folgemonaten gingen die Beben in schwächerer Form weiter, bis am 6. März 2012 offiziell das Ende der Eruptionen erklärt wurde.

Am Ende war auch La Restinga. Der Ort, der einzig vom Fischfang und vom Tauchsport lebte, wurde zur Geisterstadt. Beide Aktivitäten wurden für ein Jahr verboten.

Phönix aus der Asche

Doch El Hierro wurde auch zum Sinnbild dessen, wie gut sich die Erde regeneriert, wenn der Mensch ihr nicht ins Drehbuch pfuscht. Heute sitzen wieder Möwen auf rostroten Felsen in der Sonne und baden in der Gischt. Weit draußen bläst ein Finnwal seine Fontäne in die Luft. Und um El Bajón tobt wieder die Fischwelt.

Nach den Vulkanausbrüchen sorgten die nährstoffreichen Ablagerungen vor der Küste zuerst für einen starken Algenbewuchs, der dann Kleinstlebewesen, Krebsen, Schnecken und jungen Fischen als Nahrung diente. Mit der zunehmenden Masse an Fisch kamen auch die Räuber wieder: Zackenbarsche, Makrelen, Tunfische. "Auch Adlerrochen sehen wir jetzt häufiger als vor dem Vulkanausbruch", sagt Kathrin Gohle, die Leiterin einer örtlichen Tauchbasis. Und wenn Taucher ganz viel Glück haben, können sie an El Bajón auch auf den König aller Fische stoßen: den bis zu zwölf Meter langen Walhai.

Dem Leben unter Wasser steht die Ruhe über Wasser entgegen. Anders als so manch andere spanische Insel ist El Hierro nichts für Jürgen-Drews-Beklatscher oder Menschen, die Sangria bevorzugt aus Eimern trinken. Wäre da nicht das gut ausgebaute Straßennetz, würde die westlichste Kanareninsel im Landesinneren mancherorts wie ein unbewohntes Eiland am Ende der Welt wirken.

Bis zu den Reisen von Christoph Kolumbus war El Hierro das auch: das Ende der Welt - zumindest der westlichen. An ihrer äußersten Ecke, nahe dem Leuchtturm von Faro, verlief bis 1884 der Nullmeridian, bevor er dann nach Greenwich verlegt wurde.

Der Herr der Steilwände

Weitere touristische Sehenswürdigkeiten gibt es nicht: Auf El Hierro ist die Landschaft die Attraktion. In den weiten Pinien- und Kiefernwäldern und an den schroffen Küsten fühlt man sich wie in der Drehkulisse eines kommenden "Herr der Ringe"-Streifens: Und sollte dieser jemals Unterwasserszenen beinhalten, wäre El Bajón der perfekte Austragungsort für die Entscheidungsschlacht.

Es gibt auf der Welt nur eine Handvoll Tauchplätze, die mit der Topografie von El Bajón mithalten können. Mit seinen wie von Menschenhand geschlagenen Steinterrassen, seinen kleinen Höhlen, den Ein- und Durchbrüchen. Blutige Anfänger können sich hier schnell überfordert fühlen - der Atlantik ist generell ein raues Tauchgebiet, in dem man die Dünung zeitweise auch in mehreren Metern Tiefe spürt und in dem es immer wieder Strömungen geben kann. Aber er ist auch äußerst spannend: Kein Abstieg gleicht dem anderen, und auch Kenner können nur schwer vorhersagen, was der nächste Tauchgang an Überraschungen bringt.

Mit seinen Steilwänden, den großen Tiefen und den herrschenden Meeresbedingungen ist der erloschene Vulkan vor allem ein wilder Tauchspot. Einer, an dem erfahrene Taucher sich ebenso wohlfühlen wie die mächtigen Zackenbarsche, die die obersten Wächter des "Sturzes" darstellen - hier, am Ende der alten Welt.