EM-Stadtporträt Züri macht nass

Von

2. Teil: Wo Sofas um Benutzung betteln


Will man etwas mit Wasser zu tun haben, muss man sich fragen, in welcher Form. Hunderte von Bädern an See und Fluss (mit Trinkwasserqualität) gibt es. Auf dem See liegen Pontons mit Tagesbetten unter Baldachinen, kleine, gut gekleidete Enten schwimmen vorüber. Das wäre die Seevariante für junge Paare. Es gibt ferner die reizendsten Plätze für Familien, Pubertierende, für Nackte, Homosexuelle, es gibt Inseln und wilde Stromschnellen, alternative Bars und aufgetakelte, Sandstrände und Kiesel, Restaurants mit Wasseranstoß, Restaurants auf Booten, Restaurants auf Wiesen, und selbst völlig einsame Plätze kann man finden.

Zürich gleicht einem überladenen Supermarkt. Überall in der Stadt lungern Sofas herum, die um Benutzung betteln, überall gäbe es die Möglichkeit, Dinge zu essen, zu trinken, wer soll da nicht verrückt werden und das Gefühl haben, alles zu verpassen? Nach einem Tag an den Gewässern oder im Gebirge, auf dem Bauernhof oder im See, nach frischen Säften, mit Sushi im Bauch oder Sonnenbrand, mit einem Kopf, der zu voll ist mit Schönheit, mit Alpen im Hintergrund und perfekt aussehenden Menschen um einen, bringt die Nacht im Sommer noch mehr Unmöglichkeit, sich zu entscheiden. Kinoleinwände an Fluss und See, Freiluftkonzerte, Restaurants mit aufwendig gestalteten Gärten. Doch all das lässt einen so merkwürdig unberührt, greift die Seele nicht an, erzeugt keine Gefühle außer dem, etwas nicht zu verstehen. Nicht dazuzugehören. Warum gibt es keine schmutzigen Ecken in der Stadt? Warum sind alle so übertrieben höflich?

Ich entgehe der Konfusion der Überangebote durch Verweigerung. Ich kann das, denn ich muss die Stadt nicht verlassen nach einem kurzen Besuch. Zu den Zeiten größter hormoneller Sommeraufladung bleibe ich zu Hause. In Kissen geschmiegt, schaue ich Fernsehen, das ist das Beste, um ein Land oder eine Stadt wirklich zu verstehen. Oder wenigstens eine Ahnung von der Mentalität der Einwohner zu bekommen. Das Schweizer Fernsehprogramm bietet Befremdliches. Man kann Schweizern stundenlang beim Kartenspielen zuschauen. Mit sorgfältige Ruhe werden Volksfeste übertragen, und der Höhepunkt ekstatischen Rausches ist die Sendung, in der nichts passiert, außer dass ein Helikopter über die Schweiz fliegt, eine Stunde lang. Ein Straßenfeger, diese Sendung, die einem einiges klar macht: Ein Land, das es sich zu Hauptsendezeiten erlauben kann, unkommentiert Bilder aus einem Hubschrauber auszustrahlen, sucht seinesgleichen.

Neutrales Land, vorbildliche Menschen

An der Ruhe, die man selbst in Zürich spürt, hat sich in unserer schnellen Zeit nichts geändert, obwohl die Schweizer sich mittlerweile nicht mehr auf ihrer oft an Feigheit grenzenden Neutralität ausruhen, sie wachsen. Und wie jedes Wachstum hat es auch unangenehme Begleiterscheinungen. Eine Orientierungslosigkeit, eine Verwirrung ist da, wenn die alte Größe verlassen wird und eine neue noch nicht etabliert ist.

Immer noch ist die Schweiz ein extrem vorbildliches und kultiviertes Land. Sicher: Es kümmert sich um seine Schwachen. Das könnte mehr sein, doch es ist immer noch mehr als in den meisten Ländern dieser Welt. Die Schweizer sind kein Volk, das permanent auf Tischen tanzt und das lebenslustig mit den Händen wackelt beim Reden. So sorgsam sie sich ihr Fernsehprogramm ansehen, zusehen, wie Hubschrauber fliegen oder wie andere Schweizer Karten spielen, genauso ist das Leben hier. Man hilft Leuten noch auf die Füße, die umgefallen sind, weil sich das so gehört und nicht weil die Menschen hier außerordentlich anteilnehmend wären. Ist der Keller voll Wasser, kommt die Feuerwehr und pumpt ihn leer. Auch das war im Fernsehen zu betrachten. Schweizer, die aus überschwemmten Häusern gerettet wurden. Und dann die Achseln zuckten und sagten: Naja, dann müssen wir halt warten, bis es wieder trocken ist.

Hauptsache: Geld

Der Schweizer ist durch Jahrhunderte harter Bergbauernarbeit geprägt. Das hat die Menschen stoisch werden lassen, nicht leicht zu beeindrucken und erst recht durch wenig aus der Ruhe zu bringen. Was die meisten wirklich interessiert, ist Geld, zu dem die Menschen hier eine sinnlichere Beziehung haben als zum Essen. Die Höflichkeit basiert auf dem Mangel an Weltgewandtheit – besser nichts falsch machen – und der Angst, ein Geschäft zu verpassen. Kultur interessiert nur, wenn damit Profit zu machen ist.

Schaut man jedoch genauer hin, sieht man, dass Zürich voll ist mit Menschen, die aus dem System gefallen sind. Aber sie bestimmen nicht das Bild: Andersartigkeit? Dazu ist jeder Quadratmeter zu teuer.

Wie ein einsamer Planet scheint die Schweiz in Europa zu schweben. Alles ist hier ein bisschen unverständlich für den Besucher. Wenn Sie Glück haben, ist der Sommer in Zürich trocken. Dann werden Sie, durch das Fernsehprogramm geschult, durch die absurd perfekte Stadt gehen. Bleiben Sie einfach irgendwo sitzen, denn bei dem Versuch, viel zu sehen, können Sie nur scheitern. Doch bevor Sie ihren Urlaub planen, schauen Sie nach, wie schnell der Böögg verbrannt ist.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.