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17. Juni 2008, 06:09 Uhr

EM-Stadtporträt

Züri macht nass

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Zürich ist anders. Hier werden Schneemänner verbrannt, hier bestechen Insekten durch ihre Freundlichkeit, und hier strahlt sogar das Fernsehprogramm Ruhe aus. Eine Hommage an die größte Schweizer Stadt.

Lehrreiche Sommergeschichten müssen, wollen sie ein wenig über Tourismuswerbung hinausgehen, zwingend im Winter beginnen. Sommer kann jeder. So wie man einen Menschen am besten in Krisensituationen kennen lernt, zeigt sich im Winter, ob die Beziehung zu einer Stadt eine Liebesgeschichte werden kann. Zürich im Winter ist ein Dorf in Grau und Feucht. Zu viel Wasser, dass die Luft schwer wird davon, der Nebel darüber, der in den Bergen hängt. Wäre Zürich eine Person, dann vermutlich eine Dame, wie Katharine Hepburn sie darstellte. Ein bisschen spröde, wenig einnehmend, sehr stur.

Einen Großteil seiner Schönheit verdankt Zürich seinen Bäumen, der Sicht auf die Berge und dem Reichtum. Nur Autisten kämen auf die Idee, im Winter diesem Ort zu verfallen. Und doch ist die öde Jahreszeit maßgeblich an der Entwicklung des folgenden Sommers beteiligt.

Seit 1902 wird zu jedem Winterende auf der Freifläche vor Udo Jürgens’ Wohnung am See, dem Sechseläutenplatz, der Böögg verbrannt. Ein 3,40 Meter großer Schneemann aus Ersatzmaterial, und jeder Schweizer weiß: Je kürzer die Brennzeit des Wattegesellen ausfällt, desto schöner wird der kommende Sommer. Das Ereignis wird übrigens landesweit im Fernsehen übertragen. Live. Drei Stunden lang. Doch dazu später. Brennt der Böögg also unter zehn Minuten ab, steht einer Sommeraffäre mit Zürich nichts mehr im Weg. Es fällt leicht, die Stadt bei ausreichender Ausleuchtung zu bewundern, denn sie gleicht von Mai bis Oktober einer eleganten Yacht auf dem Mittelmeer. Ohne Mittelmeer. Und ohne Yacht.

Kulturschock für deutsche Touristen

Etwas Abweisendes geht selbst in ihrer schönsten Jahreszeit von dieser Stadt aus, deren Wohlstand einem körperlich durch die absurde Ruhe in ihr klar wird. Als hätten alle Verkehrsmittel kleine Kaschmirpolster unter den Rädern, als wüssten die Menschen, dass der Sommer zu kurz ist, um ihm mit Aufregung die Schönheit zu rauben, scheint alles seltsam gedämpft.

Ein Sommer in Stresa ist sicher romantischer, in Barcelona aufregender, doch Zürich hat etwas, das rar geworden ist in der Welt: die Ausstrahlung von unendlicher Perfektion.

Im vergangenen Jahr schaffte Zürich es wieder auf den ersten Platz des weltweiten Lebensqualitäts-Rankings. Sie ist die größte Stadt der Schweiz und zugleich die einzige, die trotz ihrer geringen Einwohnerzahl (im Innenbereich unter 400.000) weltstädtisch wirkt. Das liegt an den 30 Prozent Ausländern, die hier leben, an der Vielsprachigkeit und natürlich an der Finanzkraft, die das Kulturangebot so international macht. Allein das Tempo ist überschaubar geblieben und die Gelassenheit der Einwohner sucht ihresgleichen.

Obgleich man die Sprache der Zürcher Ureinwohner rudimentär verstehen kann und Teile der Schweiz zum deutschen Sprachraum gerechnet werden, erwartet den deutschen Touristen oder gar Neueinwanderer ein Kulturschock, den er sich nicht genau erklären kann. Tausende Deutsche kamen in den vergangenen Jahren, um zu bleiben, und es wird länger dauern, bis sie sich akklimatisiert haben, die Stimmen gedämpft, die Hektik vergessen. Mit der Zeit werden sich auch ihre harten Konsonanten abschleifen, und ihr Gang wird langsamer werden. Wirklich verstehen werden sie die Schweizer aber sehr viel länger nicht. Besonders im Sommer, wenn alle noch bessere Laune haben als ohnehin schon, denn auch im Punkt Lebenszufriedenheit führen die Schweizer globale Umfragen an, und man sich fragt, warum die gute Laune der Bevölkerung so wenig ansteckt, warum man nicht wirklich mit ihr in Kontakt zu treten vermag.

Was dem Touristen bleibt, ist die unfassbare Schönheit des Ortes, und sein größtes Problem: Was macht man nur damit? Tausend Plätze, die Postkarten gleichen, und wehe dem Unruhigen, er wird stündlich das Gefühl haben, etwas zu verpassen. Jeden Sommertag gilt es sich zu fragen, welche Feriengefühle man in sich erzeugen möchte.

Gleich hinter der Stadt beginnt das Land. Mit Tieren, Bauernhöfen mit Restaurants, kühlem Wald und diesen wunderbaren Selbstbedienungsbuden, an denen man direkt vom Bauernhof Blumen, Obst, Säfte und Kuchen kaufen kann und es nur vom eigenen guten Charakter abhängt, ob man bezahlt. Der Sommer auf dem Land heißt wandern durch wohlriechende Wiesen, freundliche Insekten mit perfekten Umgangsformen, kühle Bäche und Abgeschiedenheit.

Wo Sofas um Benutzung betteln

Will man etwas mit Wasser zu tun haben, muss man sich fragen, in welcher Form. Hunderte von Bädern an See und Fluss (mit Trinkwasserqualität) gibt es. Auf dem See liegen Pontons mit Tagesbetten unter Baldachinen, kleine, gut gekleidete Enten schwimmen vorüber. Das wäre die Seevariante für junge Paare. Es gibt ferner die reizendsten Plätze für Familien, Pubertierende, für Nackte, Homosexuelle, es gibt Inseln und wilde Stromschnellen, alternative Bars und aufgetakelte, Sandstrände und Kiesel, Restaurants mit Wasseranstoß, Restaurants auf Booten, Restaurants auf Wiesen, und selbst völlig einsame Plätze kann man finden.

Zürich gleicht einem überladenen Supermarkt. Überall in der Stadt lungern Sofas herum, die um Benutzung betteln, überall gäbe es die Möglichkeit, Dinge zu essen, zu trinken, wer soll da nicht verrückt werden und das Gefühl haben, alles zu verpassen? Nach einem Tag an den Gewässern oder im Gebirge, auf dem Bauernhof oder im See, nach frischen Säften, mit Sushi im Bauch oder Sonnenbrand, mit einem Kopf, der zu voll ist mit Schönheit, mit Alpen im Hintergrund und perfekt aussehenden Menschen um einen, bringt die Nacht im Sommer noch mehr Unmöglichkeit, sich zu entscheiden. Kinoleinwände an Fluss und See, Freiluftkonzerte, Restaurants mit aufwendig gestalteten Gärten. Doch all das lässt einen so merkwürdig unberührt, greift die Seele nicht an, erzeugt keine Gefühle außer dem, etwas nicht zu verstehen. Nicht dazuzugehören. Warum gibt es keine schmutzigen Ecken in der Stadt? Warum sind alle so übertrieben höflich?

Ich entgehe der Konfusion der Überangebote durch Verweigerung. Ich kann das, denn ich muss die Stadt nicht verlassen nach einem kurzen Besuch. Zu den Zeiten größter hormoneller Sommeraufladung bleibe ich zu Hause. In Kissen geschmiegt, schaue ich Fernsehen, das ist das Beste, um ein Land oder eine Stadt wirklich zu verstehen. Oder wenigstens eine Ahnung von der Mentalität der Einwohner zu bekommen. Das Schweizer Fernsehprogramm bietet Befremdliches. Man kann Schweizern stundenlang beim Kartenspielen zuschauen. Mit sorgfältige Ruhe werden Volksfeste übertragen, und der Höhepunkt ekstatischen Rausches ist die Sendung, in der nichts passiert, außer dass ein Helikopter über die Schweiz fliegt, eine Stunde lang. Ein Straßenfeger, diese Sendung, die einem einiges klar macht: Ein Land, das es sich zu Hauptsendezeiten erlauben kann, unkommentiert Bilder aus einem Hubschrauber auszustrahlen, sucht seinesgleichen.

Neutrales Land, vorbildliche Menschen

An der Ruhe, die man selbst in Zürich spürt, hat sich in unserer schnellen Zeit nichts geändert, obwohl die Schweizer sich mittlerweile nicht mehr auf ihrer oft an Feigheit grenzenden Neutralität ausruhen, sie wachsen. Und wie jedes Wachstum hat es auch unangenehme Begleiterscheinungen. Eine Orientierungslosigkeit, eine Verwirrung ist da, wenn die alte Größe verlassen wird und eine neue noch nicht etabliert ist.

Immer noch ist die Schweiz ein extrem vorbildliches und kultiviertes Land. Sicher: Es kümmert sich um seine Schwachen. Das könnte mehr sein, doch es ist immer noch mehr als in den meisten Ländern dieser Welt. Die Schweizer sind kein Volk, das permanent auf Tischen tanzt und das lebenslustig mit den Händen wackelt beim Reden. So sorgsam sie sich ihr Fernsehprogramm ansehen, zusehen, wie Hubschrauber fliegen oder wie andere Schweizer Karten spielen, genauso ist das Leben hier. Man hilft Leuten noch auf die Füße, die umgefallen sind, weil sich das so gehört und nicht weil die Menschen hier außerordentlich anteilnehmend wären. Ist der Keller voll Wasser, kommt die Feuerwehr und pumpt ihn leer. Auch das war im Fernsehen zu betrachten. Schweizer, die aus überschwemmten Häusern gerettet wurden. Und dann die Achseln zuckten und sagten: Naja, dann müssen wir halt warten, bis es wieder trocken ist.

Hauptsache: Geld

Der Schweizer ist durch Jahrhunderte harter Bergbauernarbeit geprägt. Das hat die Menschen stoisch werden lassen, nicht leicht zu beeindrucken und erst recht durch wenig aus der Ruhe zu bringen. Was die meisten wirklich interessiert, ist Geld, zu dem die Menschen hier eine sinnlichere Beziehung haben als zum Essen. Die Höflichkeit basiert auf dem Mangel an Weltgewandtheit – besser nichts falsch machen – und der Angst, ein Geschäft zu verpassen. Kultur interessiert nur, wenn damit Profit zu machen ist.

Schaut man jedoch genauer hin, sieht man, dass Zürich voll ist mit Menschen, die aus dem System gefallen sind. Aber sie bestimmen nicht das Bild: Andersartigkeit? Dazu ist jeder Quadratmeter zu teuer.

Wie ein einsamer Planet scheint die Schweiz in Europa zu schweben. Alles ist hier ein bisschen unverständlich für den Besucher. Wenn Sie Glück haben, ist der Sommer in Zürich trocken. Dann werden Sie, durch das Fernsehprogramm geschult, durch die absurd perfekte Stadt gehen. Bleiben Sie einfach irgendwo sitzen, denn bei dem Versuch, viel zu sehen, können Sie nur scheitern. Doch bevor Sie ihren Urlaub planen, schauen Sie nach, wie schnell der Böögg verbrannt ist.

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