EM-Stadtporträt Züri macht nass

Zürich ist anders. Hier werden Schneemänner verbrannt, hier bestechen Insekten durch ihre Freundlichkeit, und hier strahlt sogar das Fernsehprogramm Ruhe aus. Eine Hommage an die größte Schweizer Stadt.

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Lehrreiche Sommergeschichten müssen, wollen sie ein wenig über Tourismuswerbung hinausgehen, zwingend im Winter beginnen. Sommer kann jeder. So wie man einen Menschen am besten in Krisensituationen kennen lernt, zeigt sich im Winter, ob die Beziehung zu einer Stadt eine Liebesgeschichte werden kann. Zürich im Winter ist ein Dorf in Grau und Feucht. Zu viel Wasser, dass die Luft schwer wird davon, der Nebel darüber, der in den Bergen hängt. Wäre Zürich eine Person, dann vermutlich eine Dame, wie Katharine Hepburn sie darstellte. Ein bisschen spröde, wenig einnehmend, sehr stur.

Einen Großteil seiner Schönheit verdankt Zürich seinen Bäumen, der Sicht auf die Berge und dem Reichtum. Nur Autisten kämen auf die Idee, im Winter diesem Ort zu verfallen. Und doch ist die öde Jahreszeit maßgeblich an der Entwicklung des folgenden Sommers beteiligt.

Seit 1902 wird zu jedem Winterende auf der Freifläche vor Udo Jürgens’ Wohnung am See, dem Sechseläutenplatz, der Böögg verbrannt. Ein 3,40 Meter großer Schneemann aus Ersatzmaterial, und jeder Schweizer weiß: Je kürzer die Brennzeit des Wattegesellen ausfällt, desto schöner wird der kommende Sommer. Das Ereignis wird übrigens landesweit im Fernsehen übertragen. Live. Drei Stunden lang. Doch dazu später. Brennt der Böögg also unter zehn Minuten ab, steht einer Sommeraffäre mit Zürich nichts mehr im Weg. Es fällt leicht, die Stadt bei ausreichender Ausleuchtung zu bewundern, denn sie gleicht von Mai bis Oktober einer eleganten Yacht auf dem Mittelmeer. Ohne Mittelmeer. Und ohne Yacht.

Kulturschock für deutsche Touristen

Etwas Abweisendes geht selbst in ihrer schönsten Jahreszeit von dieser Stadt aus, deren Wohlstand einem körperlich durch die absurde Ruhe in ihr klar wird. Als hätten alle Verkehrsmittel kleine Kaschmirpolster unter den Rädern, als wüssten die Menschen, dass der Sommer zu kurz ist, um ihm mit Aufregung die Schönheit zu rauben, scheint alles seltsam gedämpft.

Ein Sommer in Stresa ist sicher romantischer, in Barcelona aufregender, doch Zürich hat etwas, das rar geworden ist in der Welt: die Ausstrahlung von unendlicher Perfektion.

Im vergangenen Jahr schaffte Zürich es wieder auf den ersten Platz des weltweiten Lebensqualitäts-Rankings. Sie ist die größte Stadt der Schweiz und zugleich die einzige, die trotz ihrer geringen Einwohnerzahl (im Innenbereich unter 400.000) weltstädtisch wirkt. Das liegt an den 30 Prozent Ausländern, die hier leben, an der Vielsprachigkeit und natürlich an der Finanzkraft, die das Kulturangebot so international macht. Allein das Tempo ist überschaubar geblieben und die Gelassenheit der Einwohner sucht ihresgleichen.

Obgleich man die Sprache der Zürcher Ureinwohner rudimentär verstehen kann und Teile der Schweiz zum deutschen Sprachraum gerechnet werden, erwartet den deutschen Touristen oder gar Neueinwanderer ein Kulturschock, den er sich nicht genau erklären kann. Tausende Deutsche kamen in den vergangenen Jahren, um zu bleiben, und es wird länger dauern, bis sie sich akklimatisiert haben, die Stimmen gedämpft, die Hektik vergessen. Mit der Zeit werden sich auch ihre harten Konsonanten abschleifen, und ihr Gang wird langsamer werden. Wirklich verstehen werden sie die Schweizer aber sehr viel länger nicht. Besonders im Sommer, wenn alle noch bessere Laune haben als ohnehin schon, denn auch im Punkt Lebenszufriedenheit führen die Schweizer globale Umfragen an, und man sich fragt, warum die gute Laune der Bevölkerung so wenig ansteckt, warum man nicht wirklich mit ihr in Kontakt zu treten vermag.

Was dem Touristen bleibt, ist die unfassbare Schönheit des Ortes, und sein größtes Problem: Was macht man nur damit? Tausend Plätze, die Postkarten gleichen, und wehe dem Unruhigen, er wird stündlich das Gefühl haben, etwas zu verpassen. Jeden Sommertag gilt es sich zu fragen, welche Feriengefühle man in sich erzeugen möchte.

Gleich hinter der Stadt beginnt das Land. Mit Tieren, Bauernhöfen mit Restaurants, kühlem Wald und diesen wunderbaren Selbstbedienungsbuden, an denen man direkt vom Bauernhof Blumen, Obst, Säfte und Kuchen kaufen kann und es nur vom eigenen guten Charakter abhängt, ob man bezahlt. Der Sommer auf dem Land heißt wandern durch wohlriechende Wiesen, freundliche Insekten mit perfekten Umgangsformen, kühle Bäche und Abgeschiedenheit.

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