Eröffnung der Expo 2008 Wasser marsch!

Lange galt Saragossa als Mauerblümchen unter Spaniens Großstädten, jetzt soll sich das ändern: König Juan Carlos hat die Weltausstellung 2008 eröffnet. Sie soll der Stadt am Ebro den Sprung in die Moderne ermöglichen - mit spektakulärer Architektur und viel Wasser.

Von Manuel Meyer


Saragossa – Der Weg in die Zukunft führt über eine Brücke. Es ist aber nicht irgendeine Brücke. Es ist der futuristische "Brückenpavillon" der irakischen Star-Architektin Zaha Hadid, dessen Form an eine sich öffnende Gladiole erinnern soll. Die geschwungenen, weißen Betonstrukturen mit integrierten Lichterketten gleichen eher einem Raumschiff als einer Brücke, und die festlich gekleideten Gäste der Expo-Eröffnungsfeier durchschreiten sie voller Andacht und Erwartungen.

Die Brücke ist wichtig - für sie, für die Stadt, für die gesamte Region. Sie ist eine der Hauptverbindungen zum 25 Hektar großen Expo-Gelände, das auf der anderen Seite des Ebro-Flusses liegt.

Zwar handelt es sich in Saragossa nur um eine sogenannte kleine Weltausstellung, die auch nur drei statt sechs Monate dauert. Dennoch ist es für die Hauptstadt der nordspanischen Region Aragonien ein "historischer Moment", hob Bürgermeister Juan Alberto Belloch die Bedeutung der Expo vor den 5000 geladenen Gästen der Eröffnungszeremonie hervor. Unter ihnen waren neben der gesamten spanischen Königsfamilie auch Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sowie die Präsidenten von Portugal und Mexiko, Anibal Cavaco Silva und Felipe Calderón.

"Brücke des Dritten Jahrtausends"

Die Weltausstellung soll für Zaragoza, so ihr Name auf Spanisch, eine Art "Katalysator" sein, so Belloch, um schon im Jahre 2010 zur wirtschaftlich drittwichtigsten Stadt des Landes aufsteigen zu können. Der Anfang ist getan: Dank der Expo flossen bereits 3,5 Milliarden Euro in die 650.000 Einwohner-Stadt. 15 neue Hotels wurden gebaut, Straßen ausgebessert, der Flughafen erweitert.

Vor den Toren der Stadt wurde mit dem Aufbau eines neuen Logistikzentrums, dem größten Südwesteuropas, begonnen, und nun hält auch der Hochgeschwindigkeitszug AVE im hochmodernen Bahnhof. Schon jetzt hat die Expo das Gesicht der fünftgrößten Metropole Spaniens langfristig verändert. Allein der dem Expo-Gelände angeschlossene 121 Hektar große Park verdoppelt Saragossas Grünflächen. Hier werden Freizeitparks, Hotels, Büros und Gewerbeflächen entstehen. Zuvor stand die Uferschleife des Ebro-Flusses brach.

Saragossa, das bis auf den maurischen Aljafería-Kalifen-Palast und seine berühmte Basilika del Pilar, Spaniens drittgrößte Kathedrale, eigentlich kaum emblematische Gebäude vorweisen kann, erhält mit den neuen Expo-Gebäuden zudem einen ganz neuen Ausdruck – und spektakuläre Architektur. Neben Zaha Hadids "Brückenpavillon" sind es vor allem die "Brücke des Dritten Jahrtausends" und der 78 Meter hohe "Expo-Wasserturm". Er ist bereits zum Wahrzeichen des "neuen Saragossas" geworden. Dass der spektakuläre Glasbau in Form und Farbe einem Wassertropfen nachempfunden wurde, ist kein Zufall. Immerhin lautet das Motto der diesjährigen Weltausstellung "Wasser und nachhaltige Entwicklung".

"Welthauptstadt des Wassers"

Wasser ist in Spanien das Umweltthema Nummer eins. Das Land leidet seit Jahren unter Wasserknappheit, und die wüstenhafte Region um Saragossa bildet keine Ausnahme. Wissenschaftler vermuten, dass der Kampf ums Wasser eine der Hauptkonfliktursachen der Zukunft sein wird. Das trifft schon heute zu. Nicht nur in Afrika, sondern auch im regenarmen Spanien mit immer höheren Temperaturen und längeren Trockenperioden wird der Wassermangel zu einem immer größeren Problem und führt zu innenpolitischen Konflikten zwischen den einzelnen Regionen. "Wasser wird in vielen Regionen der Erde immer knapper und kostbarer. Es ist ein Thema, das alle Länder betrifft und interessiert", sagt Expo-Generaldirektor Jerónimo Blasco.

"Wir müssen nicht nur an die Gegenwart denken, sondern auch an die kommenden Generationen und gegen Umweltzerstörungen sowie den Klimawandel kämpfen", mahnte auch König Juan Carlos in seiner Eröffnungsrede. Saragossa ginge als selbsternannte "Welthauptstadt des Wassers" mit gutem Beispiel voran. Dank städtischer "Erziehungsmaßnahmen" zum verantwortungsvollen Umgang mit dem Trinkwasser sank der Trinkwasserverbrauch in Saragossa in den vergangenen Jahren um ganze sechs Prozent und ist heute mit 96 Liter pro Einwohner und Tag der niedrigste im ganzen Land. Der spanische Monarch drückte bei der Eröffnungsfeier seine Hoffnung aus, die Weltausstellung könne möglichst viele Menschen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem lebenswichtigen Element bewegen.

Über 350 Künstler, 5000 Aufführungen

Um die erhoffte Besucherzahl von sechs Millionen zu erreichen bedarf es jedoch eines Griffs in die Trickkiste. Weltausstellungen sind etwas aus der Mode gekommen, und wenn sie auch noch wie jetzt die Expo in Saragossa mit anderen Großereignissen wie der Fußball-EM und den Olympischen Spielen um Aufmerksamkeit buhlen muss, sieht es meistens schlecht aus. Dennoch versuchen die Expo-Veranstalter den Besuchern die Grundsätze eines vernünftigen Wasserkonsums mit möglichst viel Spaß und vielfältigsten Sinneseindrücken näher zu bringen: Wasserspielplätze, ein Wildwasserkanal, interaktive Ausstellungen sowie thematische Areale, auf denen Besuchern auf eindrucksvolle Weise Erlebnisse wie Durst, Kälte oder sogar die Kraft des Wassers in Form von Tsunamis vermittelt werden, verwandeln die Expo in einen regelrechten Erlebnispark rund ums Thema Wasser.

Vor allem sticht das von Álvaro Planchuelos entworfene Flussaquarium hervor, Europas größtes Süßwasseraquarium, das rund 5000 Tier- und Pflanzenarten aus den Flusslandschaften der fünf Kontinente beherbergt. Über 350 Künstler sorgen mit 5000 Aufführungen für das kulturelle Rahmenprogramm. Die Liste reicht von Bob Dylan über Gloria Stefan und Patti Smith bis hin zu Gilberto Gil, Björk und Montserrat Caballé.

Dennoch soll die Unterhaltung das wichtigste Thema nicht in den Hintergrund drängen. "Die Probleme bei der Trinkwasserversorgung sind ein ernstes Thema", sagt auch Eduardo Mestre, Leiter des Expo-"Wassertribunals". In diesem "Tribunal" werden über 2000 Experten über die Probleme bei der Zufuhr, Gewinnung und Aufbereitung von Trinkwasser debattieren. "Mehr als 1,2 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Täglich sterben rund 6000 Menschen an den Folgen", sagte der mexikanische Wasserexperte Mestre. Aus diesem Grunde präsentieren auch die 105 Länder und knapp 300 regierungsunabhängige Organisationen am Ufer des Ebro drei Monate lang ihre innovativsten Ideen und Technologien zum Thema Wasser, Wasserversorgung und Trinkwasseraufbereitung.

Wasser marsch!

Deutschland lädt auf der Expo in Saragossa zur Floßfahrt ein. In kleinen Booten treiben die Besucher des sechs Millionen teuren Pavillons durch eine Art Wasserkanal, in dem virtuell der Verlauf des Wassers simuliert wird. Die Fahrt beginnt in unterirdischen Höhlen des Grundwassers und führt durch ein Labyrinth von Versorgungsleitungen in einen futuristischen Haushalt.

Wia, eine virtuelle Frau, begleitet die Besucher auf der Reise und beschreibt den Floßreisenden, welche natürlichen Filtersysteme es gibt, stellt ihnen Reinigungsverfahren von Abwässern vor und hebt die Bedeutung des Wassers für die Zukunft der Menschheit hervor. Moralische Ratschläge zum Wassersparen fehlen natürlich nicht. Aber das ist in Ordnung. Immerhin steht die Weltausstellung ja auch unter dem Motto "Wasser und nachhaltige Entwicklung".

Spanien: Klicken Sie auf die Karte und Sie finden Saragossa (Zaragoza)
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Danach geht es durch deutsche Wasserlandschaften, wird von deutscher Innovationstechnik im Wasserverarbeitungsbereich erzählt und in einer Fotoausstellung vorgestellt, wie das Technische Hilfswerk (THW) in Katastrophenregionen die Bevölkerung mit Trinkwasser versorgt.

Deutschland ist aber nicht nur für seine fortschrittlichen Wasserschutzmaßnahmen und Technologien bekannt, sondern auch als Land der "Dichter und Denker". So präsentiert der deutsche Pavillon auf lockere Art und Weise auch, wie das Thema "Wasser" Deutschlands Künstler beeinflusst. Dabei reicht die Spannweite von Goethe, Schiller und Heine über Händels Wassermusik bis hin zu den "Fantastischen Vier" und ihrem Hit "Tag am Meer".

Wem bei so vielen Geschichten über das "nasse Gold" und voraussehbaren 40 Grad zur Expo-Zeit der Mund trocken wird, ist im deutschen Pavillon zudem am richtigen Platz. Deutschland bietet mit 600 Anbieter die weltweit größte Mineralwasservielfalt an, und die meisten können zum Schluss des Pavillonbesuches probiert werden. Dabei müssen sich die Gäste das Wasser aus futuristisch anmutenden, durchsichtigen Leitungssystemen selber abzapfen.

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