Weltkriegs-Tourismus in Frankreich Schwarze Kreuze für die Deutschen

Tourismus an der früheren Westfront: Gedenkstätten und Friedhöfe erinnern in Frankreich an die verheerenden Schlachten des Ersten Weltkriegs. Im Jubiläumsjahr 2014 werden besonders viele Besucher erwartet - auch Hunderttausende Deutsche wurden hier bestattet.

TMN

Fromelles liegt rund 16 Kilometer westlich von Lille, ein unscheinbares Dorf im flachen Norden Frankreichs. Der kleine Ort lag 1918 völlig in Ruinen. Heute reihen sich Häuser mit den typischen roten Klinkerfassaden an den beiden Verkehrsadern auf. Ein unspektakuläres Dorf, in dessen Nähe im Juli 1916 ein riesiges Gemetzel stattfand.

Zeitzeugen der blutigen Kämpfe gibt es nicht mehr. Der letzte Veteran des Ersten Weltkriegs, Claude Stanley Choules, starb im Mai 2011. "Die schrecklichen Geschehnisse geraten zunehmend in Vergessenheit. Was bleibt, sind die Schauplätze", sagt Edouard Roose vom Tourismuskomitee Nord-Pas-de-Calais.

Der Politologe ist für den Erinnerungstourismus der Region zuständig, zu dem auch die Chemins de mémoire 14-18, die Wege der Erinnerung 14-18, gehören. Sie sollen die Erinnerungen an die Vergangenheit wachhalten, an den Krieg, der Europa politisch und geografisch völlig verändert hat. Auf vier Routen können Besucher zwischen Lille, Arras und Cambrai Sehenswürdigkeiten und Schauplätze des Ersten Weltkriegs erleben. Denn im Nord-Pas-de-Calais verlief ein Abschnitt der Westfront, der zu den am heftigsten umkämpften des blutigen Grabenkrieges zählt.

Jedes Jahr Millionen Touristen

Bei Fromelles führten Briten und Australier einen Angriff aus, der die Deutschen von der Schlacht an der Somme ablenken sollte, die seit dem 1. Juli 1916 in vollem Gange war. Die schlecht vorbereitete Offensive begann am 19. Juli und endete einen Tag später in einem Desaster mit Tausenden Toten.

An das Trauma, das als die "schlimmsten 24 Stunden" in die Geschichte Australiens einging, erinnert das Cobbers-Denkmal. Es liegt nur zwei Kilometer von Fromelles entfernt. Im Mittelpunkt steht die Statue des Unteroffiziers Simon Fraser, der auf seiner Schulter einen verwundeten Kameraden trägt.

Zwei Minibusse parken am Straßenrand, in die Australier einsteigen. Sie gehören zusammen mit den Briten und Kanadiern zu den größten Touristengruppen des Erinnerungsparcours, erklärt Roose.

Gedenkstätten wie diese und Soldatenfriedhöfe sind in Frankreich wichtige Ziele für Besucher aus aller Welt: 6,2 Millionen waren es im vergangenen Jahr, 2014 dürften es noch mehr werden, da einige Gedenkveranstaltungen zum 100-jährigen Jubiläum des Kriegsbeginns anstehen.

Viele der Gedenkstätten im Norden Frankreichs gehören zu den schönsten der Region, wenn man das über ein Gräberfeld sagen darf. Eines davon ist der stimmungsvolle Trou Aid Post Cemetery in Fleurbaix. Er ist von Wassergräben umgeben und mit Trauerweiden bewachsen. Mehr als 350 Soldaten der britischen Armee ruhen hier unter weißen Kreuzen. Sie fielen zwischen 1914 und 1916. Rund um die Kreuze blühen Rosen oder roter Mohn, in vielen Ländern die Blume des Friedens.

Die Friedhöfe des Commonwealth sind an ihrem Stil zu erkennen. Sie sind mit Bäumen und Blumen bepflanzt und erinnern an Gärten und Parks. Auf Friedhöfen ab 40 Gräbern steht das Cross of Sacrifice, das Opferkreuz, mit dem aufliegenden Bronzeschwert des Heiligen Georgs, Ritter und Held, der gegen Barbarei und Heidentum kämpfte. Auf Friedhöfen mit mehr als 400 Gräbern liegt ein Stein der Erinnerung, auf dem beidseitig eingemeißelt steht: "Ihre Namen bleiben auf ewig".

Entscheidender Sieg in Vimy

Rund 30 Kilometer südlich von Fromelles steht das kanadische Nationaldenkmal von Vimy. Das Monument steht für 11.285 als vermisst gemeldete Kanadier. Schon von weitem sind auf der N17 in Richtung Lens die beiden weißen, 27 Meter hohen Türme zu sehen. Das Denkmal wurde an der Stelle errichtet, an der am 10. April 1917 kanadischen Truppen der entscheidende Sieg in der Schlacht von Vimy gegen die Deutschen gelang.

Hier auf der Vimy-Höhe operierten die Kanadier erstmals in einem von den Briten unabhängigen Armeeverband. Die Schlacht von Vimy gilt deshalb als die inoffizielle Geburtsstunde Kanadas, wie Roose erklärt. Der Bau des 6000 Tonnen schweren Monuments mit seinen 20 Statuen hat elf Jahre gedauert. Es steht inmitten eines 107 Hektar großen Landschaftsparks, in dem Besucher schweigend durch Schützengräben laufen. Die gegnerischen Parteien lagen sich hier nur wenige Meter entfernt gegenüber.

Auf der anderen Seite des Bergkamms liegt der Nationalfriedhof Notre-Dame-de-Lorette. Der 165 Meter hohe Hügel war zwischen Oktober 1914 und September 1915 einer der blutigsten Schauplätze des Ersten Weltkriegs.

Bei Kämpfen starben hier etwa 102.000 Mann, viele wurden auf dem 25 Hektar großen Plateau begraben: 20.000 Tote wurden unter weißen Kreuzen bestattet, die sich in Reihen anordnen, die 22.000 unbekannten Soldaten wurden in Beinhäusern beigesetzt.

Friede den Gutwilligen

Und die deutschen Gefallenen? Sie fanden in Neuville-Saint-Vaast ihre letzte Ruhe, einem kleinen Ort, der am Ende des Krieges in Schutt und Asche lag. Am Eingang des Friedhofs, der direkt an der Straße liegt, steht ein Kreuz mit der Inschrift: "Paix aux hommes de bonne volonté", Friede den gutwilligen Menschen. Die Franzosen hatten ihn zwischen 1919 und 1923 angelegt.

Es ist ein Sammelfriedhof, der die Toten aus deutschen Feldgräbern und kleineren Grabstätten aus über 100 Gemeinden vereint. Mit den sterblichen Überresten von mehr als 44.833 gefallenen Soldaten ist das Gräberfeld von La Maison Blanche der größte deutsche Soldatenfriedhof in ganz Frankreich.

Der Rasen ist mit schmucklosen Metallkreuzen übersät. Sie sind schwarz, so sah es der Versailler Vertrag für alle deutschen Gefallenenfriedhöfe vor. Auf jeder Seite stehen die Namen von zwei Toten, dazwischen Steinstelen für die im Kampf gefallenen jüdischen Soldaten. Bäume und Pflanzen wachsen wild. "Man sollte die Stimmung der germanischen Mythologie wiederfinden, die auf der Einheit von Mensch und Natur basiert", sagt Roose.

Inmitten des Gräberfelds steht ein massives Steindenkmal, das den 8040 Gefallenen gewidmet ist, die im Gemeinschaftsgrab ruhen. "Ich hatt' einen Kameraden" ist darauf zu lesen - die erste Strophe des 1809 von Ludwig Uhland verfassten Gedichts "Der gute Kamerad".

Sabine Glaubitz/dpa/sto



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eryx 13.03.2014
1.
Ich kann einen Besuch dieser Stätten jedem nur ans Herz legen - 1995 hatte ich die Gelegenheit Verdun und Umgebung zu besuchen und war damals zutiefst beeindruckt, noch heute ist die Landschaft gezeichnet von dem Wahnsinn, der sich damals dort abgespielt hat. Wenn man am Rand eines eigentlich hübschen Wäldchens steht und das sattgrüne Gras betrachtet, fallen einem plötzlich die vielen kleinen Senken und Löcher auf, die eben entstanden sind, als unzählige Bomben und Granaten den Boden umgepflügt haben und unzählige Menschenleben vernichtet haben. Mit Sicherheit einer der beeindruckensten Exkursionen, die ich damals in der Oberstufe gemacht habe. Natürlich war 1995 auch ein besonderes Jahr mit 50 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs.
thomasschöffel 13.03.2014
2. Die meisten Soldaten waren nicht freiwillig im Krieg.
Mein Großvater ist als junger Mann im ersten Weltkrieg u.a. an der Isonzofront in Italien gewesen und hat den Gaskrieg mitmachen müssen. Noch bis zu seinem Tod inj den sechziger Jahren hat er seine Gasmaske in Ehren gehalten, da sie ihm so oft das Leben gerettet habe. Heute dient die Gasmaksenbüchse als Behälter für Schmierfett in der Garage. Naja, er merkt´s ja nicht mehr. Was mir an der ganzen Diskussion heutzutage nicht schmeckt, ist, daß große Teile der Presse und der Diskutierer jeden Soldaten für eine blutrünstige Mordmaschine halten und sich offenbar nicht vorstellen können, daß die allermeisten Menschen nicht freiwillig im Krieg waren. Das gilt auch für unsere Leute. Im Ausland redet man im übrigen auch über unsere Toten sehr ehrenvoll und nicht wie bei uns.
pico66 13.03.2014
3. Es fehlen die Worte
Wer die Friedhöfe und Gedenkstätten noch nicht gesehen hat, kann sich schwer ausmalen, was hier unglaubliches passierte. Es scheint, als ginge die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit. Europa bewegt sich beständig in eine ähnliche Entwicklung voller Nationalgedanken und übermütigen Machts- und Sendungsbewußtsein.
alban 13.03.2014
4. Unbegreiflich
Meine Eltern haben mich vor vielen Jahren nach Verdun mitgenommen, wir sind damals jedes Jahr dort vorbeigekommen um meine Grosseltern in Frankreich zu besuchen. Als 14 jähriger, stellt man sich den Krieg wie in den Hollywoodfilmen vor. Es wird geschossen aber es passiert doch nichts. Noch heute habe ich die Bilder vor mir und kann immer noch nicht begreifen was Menschen dazu veranlasst sich das anzutun. Einfach ohne erfindlichen Grund Millionen von Leben auszurotten.
ketzer2000 14.03.2014
5. Immer noch nicht wirklich überwunden
Zitat von sysopTMNTourismus an der früheren Westfront: Gedenkstätten und Friedhöfe erinnern in Frankreich an die verheerenden Schlachten des Ersten Weltkriegs. Im Jubiläumsjahr 2014 werden besonders viele Besucher erwartet - auch Hunderttausende Deutsche wurden hier bestattet. http://www.spiegel.de/reise/europa/erster-weltkrieg-in-frankreich-tourismus-an-graebern-a-958446.html
Nur die allerwenigsten sind freiwillig in den Krieg gezogen. und spätestens nach dem ersten Trommelfeuer dürften die meisten auch einfach keine Lust mehr gehabt haben. Die Überlebenden sind traumatisiert zurückgekehr. Freiwilligkeit ist nur ein Stück Propaganda. Gelernt, gelernt haben wir bis heute nicht viel. Wir vermeiden tunlichst in Europa Krieg zu führen. In anderen Regionen stehen aber wieder unsere Soldaten und wir mischen uns überall ein. Aus regionalen Konflikten werden Kriege und Bürgerkriege, die durch unsere Interventionen sich als Terrorismus über die Welt ausbreiten. Wir mischen uns überall im Namen von Demokratie und Meinungsfreiheit ein, vergessen aber, dass wir mittlerweile so weit manipuliert werden, dass wir reif gemacht werden, bei fernen Konflikten zu entscheiden, wer gut oder böse ist. Ich würde mir wünschen, wir würden uns mehr aus den Krisen heraushalten und uns für mehr für humanitäre Hilfe einsetzen anstatt mit dem Säbel und Kampfjets in Polen zu rasseln.
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