Nordkorea-Restaurant in Amsterdam Ein bitterer Beigeschmack

Das erste nordkoreanische Restaurant der westlichen Welt hat in Amsterdam eröffnet. Requisiten und Gewürze werden dafür über Umwege in die Niederlande geflogen, die kommunistische Führung hat ihre besten Köche geschickt. Menschenrechtler sind entsetzt.

AFP

Von , Amsterdam


Der Zugang zu einem der verschlossensten Länder der Welt liegt in einer Sackgasse, zwischen einem Seniorenzentrum und Reihenhäusern. Remco van Daal drückt eine dreifach gesicherte Eingangstüre auf, knipst das Licht an. Es ist Mittagszeit, die Gäste kommen erst abends. "Willkommen", sagt er. Willkommen im "Pyongyang".

Hier also soll die Reise ins Innere von Nordkorea beginnen. Jenem bizarren Land nördlich des 38. Breitengrades, das sich abschottet wie kaum ein anderes. Die Welt weiß fast nichts über Nordkorea. Zuletzt geriet das Land durch den Machtwechsel an der Staatsspitze in die Schlagzeilen. Seit dem Tod des Diktators Kim Jong Il herrscht dort nun dessen Sohn Kim Jong Un.

Nun gibt es ein kleines Tor in diese unbekannte Welt. Es liegt in Osdorp, einem bunten Stadtteil im Westen Amsterdams. Anfang Februar hat Remco van Daal hier das "Pyongyang" eröffnet, das erste nordkoreanische Restaurant der westlichen Welt. Die besten Fachkräfte des kommunistischen Regimes, eingeflogen aus Nordkorea in die Niederlande, servieren hier angeblich ein Neun-Gänge-Menü und tanzen in Tracht.

Remco van Daal führt vom Foyer in den Speisesaal. Die Fenster sind abgehängt, "damit man nicht schon von außen sieht, was einen erwartet", erklärt van Daal. Weißes Licht fällt auf die Wandbilder, die entweder junge Mädchen, starke Bäume oder die Hauptstadt Pjöngjang zeigen. Auf der Bar stehen Puppen in grellen Farben. Noch mehr Requisiten aus dem diktatorisch geführten Land gibt es im zweiten Stock: Dutzende Gemälde hängen in zwei Räumen, auch Bücher, Filme und Fotos sind ausgestellt.

"Wir wollen hier zeigen, womit sich Nordkoreaner beschäftigen, was ihre Kultur ausmacht", sagt van Daal. "Wir wollen einen Blick ins Land bieten." Sein Restaurant "Pyongyang" soll mehr bieten als Essen. Der Holländer will das erste nordkoreanische Kulturzentrum der Welt schaffen.

Mission mit Kimchi

Als er vor gut fünf Jahren das erste Mal in Nordkorea war, habe ihn das mysteriöse Land fasziniert. Fünfmal war van Daal inzwischen dort. Zu Hause in den Niederlanden habe er "Interesse wecken wollen, die Aufmerksamkeit auf die fremde Kultur lenken." Ursprünglich war der Plan deshalb, Reisen nach Nordkorea anzubieten. "Dazu ist das Land aber zu verschlossen", sagt er.

In Peking hat er einen Restaurantbetreiber kennengelernt, der die nordkoreanische Küche nach China bringt. So seien Kontakte entstanden, irgendwann hat sich das Nationale Tourismusbüro Nordkoreas eingeschaltet, das zum kommunistischen Regime gehört. Dort wurde das Personal ausgewählt.

Sieben Frauen und zwei Männer aus Nordkorea, zwischen 18 und 44, haben eine Erlaubnis aus Pjöngjang für drei Jahre, und eine Mission: Sie kochen und servieren nun in Amsterdam jeden Abend ein Menü mit gebratenen Austern, Hühnersuppe, sautiertem Reis und Kimchi, ein traditionelles Gemüsegericht. Weil das Land so verschlossen ist, sei auch die Küche traditionell geblieben. "Seit Jahrzehnten hat sich nichts verändert, das Essen ist nicht verwestlicht", sagt van Daal. Spezielle Gewürze werden dafür auf dem Umweg über China in die Niederlande gebracht. Auch die Präsentationsteller, die steinernen Messerbänkchen und die Stäbchen sind original nordkoreanisch.

Weil das Land mit Sanktionen belegt ist, findet kaum Handel statt. "Man kann das nicht einfach so bestellen", erzählt Remco van Daal. Auch die Kulturunterschiede seien in den ersten Wochen deutlich gewesen, vor allem bei Kleinigkeiten im Alltag: "Wir hatten unterschiedliche Ansichten, wie voll das Glas sein muss, wie das Besteck liegen soll, wann getanzt wird."

Inzwischen läuft der Laden, das Restaurant "Pyongyang" spricht sich herum in den Niederlanden. Auch ein Restaurantkritiker und der nordkoreanische Botschafter waren schon da. Obwohl sich Remco van Daal vom diktatorischen Regime ausdrücklich distanziert. Es hängen auch nicht, wie sonst in Restaurants in Nordkorea üblich, die Bilder des "großen Führers" Kim Il Sung und des "geliebten Führers" Kim Jong Il an der Wand. "Wir haben nichts damit zu tun." Und auch nicht mit einer nordkoreanischen Restaurantkette gleichen Namens, die vor allem in China und Südostasien Filialen unterhält. Sie diene dem Regime dazu, Devisen zu beschaffen, berichtete unter anderem das US-amerikanische "Slate"-Magazin.

Kritik von Menschenrechtlern am Konzept

Sein Restaurant in Amsterdam müsse nichts an den nordkoreanischen Staat abführen, beteuert Remco van Daal. Sollte er irgendwann Gewinn machen, gehe dieser an seine eigene Stiftung, verspricht er. Auch die Mitarbeiter dürften sich frei bewegen in den Niederlanden, würden nicht unter Druck gesetzt.

Trotzdem bleibt für Menschenrechtler ein bitterer Beigeschmack, sie sind entsetzt: "Während man in Amsterdam die Spezialitäten genießt, verhungern in Nordkorea die Menschen", kritisiert Wenzel Michalski von Human Rights Watch (HRW). "Sollte tatsächlich die nordkoreanische Führung das Personal ausgewählt haben", sagt Michalski, "dann muss einem das Kimchi im Halse stecken bleiben". Das Argument der Begegnung lässt er in diesem Fall nicht gelten. "Eine Öffnung des Landes wäre der Weg Richtung Völkerverständigung", ein Restaurant sei dafür nicht der richtige Schritt, man könne Kulinarisches und Politisches hier nicht trennen.

Geht es nach Michalski, kann es nur zwei Erklärungen geben: "Entweder, es handelt sich um schlecht getarnte Spione - oder es ist ein verzweifelter Versuch der Devisenbeschaffung."

Restaurantbetreiber Remco van Daal meint, Annäherung über ein Restaurant sei immer noch besser als völliges Desinteresse. "Welche anderen Möglichkeiten haben wir denn, etwas zu tun?" Mit dem "Pyongyang" in Amsterdam wolle er nichts schönreden - "sondern das Land und seine Kultur zeigen".



insgesamt 87 Beiträge
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greenmile28 24.03.2012
1. Sehr bitter
Ja, ein sehr bitterere Beigeschmack wenn man an die Menschen im Lande denkt. Mir würde schlecht beim Essen werden, sofern ich auch nur einen Happen im Halse hätte. Aber immerhin, es ist ein kleiner Schritt Richtung Westen und vielleicht führt auch eine so absurde Art der Öffnung des Regimes gen Westen zu einbreiteren kulturellen Interesse für das Land, das man kaum kennt. Vielleicht ist es auch erst die Provokation die die Menschen dazu bewegt sich auch gegenüber einem Land zu öffnen, das sich selbst abschottet.
kwifte 24.03.2012
2. Wie kleinkariert und intolerant
muss man eigentlich sein, um ein einzelnes nordkoreanisches Restaurant zum Politikum zu erheben? Die ganze Welt ist von McDonalds-Filialen überzogen und Niemand dieser albernen HRW - Aktivisten steht davor und demonstriert gegen amerikanische Kriegsverbrechen.
Layer_8 24.03.2012
3. Was...
Zitat von sysopAFPDas erste nordkoreanische Restaurant der westlichen Welt hat in Amsterdam eröffnet. Requisiten und Gewürze werden dafür über Umwege in die Niederlande geflogen, die kommunistische Führung hat ihre besten Köche geschickt. Menschenrechtler sind entsetzt. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,823278,00.html
...bitteschön, gibts in einem nordkoreanischen Luxusrestaurant in Amsterdam grundsätzlich anderes als in einem südkoreanischen Restaurant? Zumindest hier in Berlin krieg ich auch "unverwestlichte" koreanische Küche. Sehr lekker übrigens. Ich weiß das, ich war schon oft in Asien, nur nicht in Nordkorea
friedenspfeife 24.03.2012
4. Schreien diese selbsternannten
Zitat von sysopAFPDas erste nordkoreanische Restaurant der westlichen Welt hat in Amsterdam eröffnet. Requisiten und Gewürze werden dafür über Umwege in die Niederlande geflogen, die kommunistische Führung hat ihre besten Köche geschickt. Menschenrechtler sind entsetzt. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,823278,00.html
Menschenrechtler auch bei jeder Neueroeffnung von Chinesischen Restaurants?
kwifte 24.03.2012
5. Denken Sie beim Verspeisen
Zitat von greenmile28Ja, ein sehr bitterere Beigeschmack wenn man an die Menschen im Lande denkt. Mir würde schlecht beim Essen werden, sofern ich auch nur einen Happen im Halse hätte. Aber immerhin, es ist ein kleiner Schritt Richtung Westen und vielleicht führt auch eine so absurde Art der Öffnung des Regimes gen Westen zu einbreiteren kulturellen Interesse für das Land, das man kaum kennt. Vielleicht ist es auch erst die Provokation die die Menschen dazu bewegt sich auch gegenüber einem Land zu öffnen, das sich selbst abschottet.
[QUOTE=greenmile28;9880489]Ja, ein sehr bitterere Beigeschmack wenn man an die Menschen im Lande denkt. Mir würde schlecht beim Essen werden, sofern ich auch nur einen Happen im Halse hätte...QUOTE] einer Bratwurst auch zuerst an die Judenverfolgung? Und beim Vertilgen eines Hamburgers an weltweite Kriegsverbrechen? Beim Genuss von gebratenen Froschschenkeln an blutige Kolonialkriege? Sie müssten inzwischen arg verhungert aussehen.
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