Färöer Inseln Der letzte Wikinger

Björn Patursson ist ein moderner Robinson Crusoe: Vor elf Jahren gab er seinen Job als Finanzdirektor auf, zog mit seiner Frau Lükka auf eine der Färöer Inseln. Dort kümmert er sich um Schafe, Rinder - und um die Gebäude der Wikinger, denn diesen droht der Verfall.


Koltur - Björn Patursson lässt seinen Blick über die steile Felsküste schweifen, über der Papageientaucher, Kormorane und Seeschwalben fliegen. Das ist Koltur, seine einsame Insel. Vor mehr als zehn Jahren habe er auf diesem Eiland der dänischen Färöer Inseln "freiwillig Schiffbruch erlitten", sagt Patursson, der früher Finanzdirektor einer Molkerei war und heute Schafe und Kühe züchtet. Er ist so etwas wie der Robinson Crusoe der Färöer Inseln. Doch während der Held aus Daniel Defoes Klassiker auf seiner einsamen Insel ein ziemlich mühseliges Leben fristete, muss Patursson auf moderne Errungenschaften wie Internet und regelmäßige Hubschrauber-Flüge in die Stadt nicht verzichten.

2,7 Quadratkilometer hat Patursson auf Koltur fast ganz für sich allein. Ähnlich wie Robinson Crusoe seinen Gefährten Freitag hat Björn auf der Insel seine Frau Lükka, aber sonst gibt es hier keine Menschenseele. Nur 170 Schafe, 27 schottische Highland-Rinder, ein paar Hühner und den Hütehund Gleen. Er genieße jeden Tag "diese Freiheit, der einzige Chef an Bord zu sein", schwärmt Patursson.

Abgesehen von der Viehzucht kümmern sich Björn und Lükka auch um die alte Häusersiedlung von Koltur und um die Touristen, die von den Gebäuden aus dem 16. Jahrhundert angelockt werden. Als einzige der 18 Färöer Inseln hat Koltur eine solche vollständig erhaltene Siedlung, sagen Historiker. In ihrer Form erinnern die Steinhäuser mit den pflanzenbewachsenen Torfdächern an umgedrehte Langschiffe, mit denen die Wikinger vor rund 1000 Jahren auf die Färöer Inseln kamen.

Film über Koltur war der Auslöser

Schriften aus dem 16. Jahrhundert erwähnen erstmals zwei Familien als Bewohner von Koltur. Um 1800 lebten noch etwa 40 Menschen hier, doch dann begann die Bevölkerung abzuwandern. 1990 verließen die letzten Bewohner die Insel. Die Häuser drohten zu verfallen. Um das zu verhindern, bezahlt die dänische Regierung nun Björn und Lükka für die Instandhaltung.

Auslöser für den Umzug der Paturssons nach Koltur war ein Film über die verlassene Insel. "Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und liebe dieses Leben in der Natur. Das war die Gelegenheit, meinen Traum zu verwirklichen", erzählt Björn. So beschlossen er und seine Frau 1997, ihr altes Leben aufzugeben: Björn warf seinen Job als Finanzdirektor mit umgerechnet gut 5000 Euro Gehalt, Lükka ihre Arbeit als Sekretärin hin. Ihre Töchter, damals 14 und 16 Jahre alt, ließen sie bei Verwandten in der Stadt zurück.

Per Hubschrauber zum Friseur

Statt Geschäften, Kinos und Restaurants haben Björn und Lükka Natur pur um sich herum. Langweilig ist ihnen aber nicht. Sie seien vollauf mit der Viehzucht und dem Verkauf von Wolle und Bio-Fleisch an die Bewohner anderer Färöer Inseln beschäftigt, sagen sie. Das einsame Leben auf der kargen, baumlosen Insel geht dem Paar aber manchmal auch auf die Nerven. "365 Tage im Jahr zusammen zu sein führt manchmal zu Spannungen", sagt Lükka. "In solchen Fällen schlage ich die Tür zu und mache einen Spaziergang auf den Felsen, um meinen Hund und die Schafe zu sehen, bis der Sturm vorüber ist."

Abgeschnitten von der Außenwelt sind Björn und Lükka aber nicht. "Ich habe Telefon und schnelles Internet dank einer Parabolantenne auf dem Dach", erzählt Björn stolz. Lükka nutzt die moderne Technik, um Termine beim Arzt oder Friseur auszumachen oder im Supermarkt etwas vorzubestellen. Schließlich darf das Paar drei Mal pro Woche einen staatlichen Hubschrauber für gerade einmal rund 23 Euro pro Hin- und Rückflug benutzen, um in die nächste Stadt zu fliegen. "Ich bin ein primitiver Freitag, aber ich mag auch ein bisschen Komfort", sagt Lükka.

Slim Allagui, AFP



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