Fallschirmsprung in Estland Abstürzen für Anfänger

Die Fallschirmspringer-Ausbildung war unschlagbar billig. Aber war es wirklich clever, den gesamten Theorie-Teil auf Estnisch anzuhören? Felix Knoke traute sich - und bemerkte nach einigen Sekunden in der Luft eine entscheidende Wissenslücke.


Eigentlich war das ja von Anfang an eine ziemlich blöde Idee. Ganz vorsichtig pule ich an einem Klettverschluss, mit dem Schlimmsten rechnend. Ist das die Steuerleine? Ich hänge zum ersten Mal in meinem Leben unter einem Fallschirm. In 1000 Meter Höhe, ganz allein. Und ich weiß nicht, wo ich die Steuerleinen finden kann.

Doch von vorne. Es ist August, und meine estnische Freundin Irma macht mir ein Angebot, das ich nicht abschlagen kann: Fallschirmspringen mit der estnischen Armee, zwei Sprünge für 150 Euro. Das lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen, und ein paar Tage später bin ich in Tallinn, der estnischen Hauptstadt.

Praxistext im Fußballtor

Zusammen mit 20 jungen Esten sitze ich dort vor Sprung-Ausbilder Marco und weiß nicht so recht, wohin mit den Gedanken. Wir werden aus 1000 Metern einfach aus dem Flugzeug geworfen. Ich bin noch nie Fallschirm gesprungen. Noch nicht mal im Tandem. Nach gerade einmal neun Theoriestunden, einem schriftlichen und einem praktischen Test soll das möglich sein - aber ich verstehe kein Wort. Alles in Estnisch, und Irma übersetzt nur jeden zehnten Satz. Jedes Mal, wenn ich bei ihr nachfrage, geht es ums Sterben und Abstürzen.

Aber ich bestehe überraschend die beiden Prüfungen - den Theorietest durfte ich auf Englisch schreiben. Die unter einem Fußballtor in hängender Position ausgeführte praktische Prüfung war zwar ein Desaster, aber der Prüfer sagte: "Good, you can jump now!" Damit bin ich stolzer Träger einer Fallschirmspringer-Lizenz für Instructor Assisted Deployment aus 1000 Meter - und unglaublich nervös.

Eine unruhige Nacht später geht es zum Flugplatz - einer gemähten Wiese irgendwo in der Mitte Estlands. Als Erstes sehen wir die klobige Antonov An-2. Ein riesiger Doppeldecker mit 18 Meter Spannweite, fast 13 Meter lang und vier Meter hoch. Es windet stetig, ein paar Leute falten Fallschirme. Alle anderen haben Angst. Irma und ich schreiben Abschiedsbriefe und tauschen die Nummern unserer Liebsten aus. Wir werden zwar gleich aus dem Himmel fallen, doch im Moment ist nichts näher als die Erde, alles dazwischen nicht der Rede wert.

Aus all den düsteren Gedanken reißt uns dann ein Ruf: Zum Sprung fertig machen! Fallschirmrucksack, Plastikbrille, ein Rollerhelm und ein Höhenmesser, mit dessen Gummibändern ich erbärmlich kämpfe. Die Hosenbeine klebe ich mir mit Gaffa-Tape (in Estland sagt man MacGuyver-Tape dazu) zusammen. Dann alle der Reihe nach aufstellen zum letzten Check. Niemand sagt ein Wort. Marco, der Sprungmeister, stellt den Reserveschirm-Auslöser auf "Jump” - dann herrscht Hektik! Der Propeller läuft, das Herz pumpt, und wir klettern ins Flugzeug. Es riecht nach Öl, Abgas und Angstschweiß. Irma sitzt neben mir, wir werfen uns hilflose Blicke zu.

Valmis! - Sprung!

Eigentlich sollte sie jetzt alles übersetzen, was der Sprungmeister sagt. Aber es ist viel zu laut im Flugzeug. Ich beobachte also die anderen: Windsack fertigmachen! (ich fummel verzweifelt am Helmgurt herum). Aufstehen, umdrehen, festhalten! (ich bemerke, dass der Gurt nicht richtig sitzt). Dem Sprungmeister den Windsack in die Hand drücken (meine Brille habe ich noch auf!). Dann spüre ich plötzlich den Griff im Nacken: "To the door!" Unten zieht eine Fototapete vorbei, und der Flugzeugmotor presst mir mit 180 km/h Luft ins Gesicht. Sprungmeister Marco gibt mir das Sprungzeichen: "Valmis?” - "Valmis!” Sprung!

Alles geht jetzt ganz schnell. Nur ein paar Meter freier Fall, dann entblättert sich automatisch der Fallschirm. Höhenmesser gecheckt, keine anderen Fallschirmspringer im Weg. Jetzt nur noch die Steuerleinen testen. Nur: Wo sind die? Das hatte ich wohl vergessen zu lesen. Ich halte die Luft an, öffne einen verdächtigen Klettverschluss - goldrichtig! Rechte Steuerleine - funktioniert. Linke Steuerleine - funktioniert. Beide gleichzeitig - bremst. Und jetzt? Ich kreise ein wenig durch die Luft und versuche mich zu orientieren. Aha, da unten das Flugfeld. Da der Wald und dort die Straße. Und dann sehe ich die Sonne. Sonnenuntergang superdeluxe mit rosa und lila Wolken, milder Riesensonne und einem Traumhimmel ganz in Türkis. Und das Beste: Der Wind bläst aus der gleichen Richtung. Landung in den Sonnenuntergang bedeutet das!

Und die ist rau und heftig. Von überall höre ich die Jubelschreie der anderen Erstspringer. Glückliche Gesichter, Adrenalin-saurer Mund. Später am Lagerfeuer kommt die große Euphorie. Und auch das Zittern. Ganz normal, sagen die Ausbilder - da helfe nur eines: noch mal springen!



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