Familienbergtour bei Saas-Fee Unser erster Viertausender

Einen Viertausender mit dem zwölfjährigen Sohn erklimmen? Die Tour auf das Allalinhorn bei Saas-Fee scheint zunächst ein Kinderspiel. Doch dann kommt alles anders.

C. Schrahe/ SRT

Von Christoph Schrahe


Nach zwei Sommerferien am Meer sollte es mal wieder in Berge gehen. Diesmal in die richtig hohen. Ich wollte meinem Sohn die großen Gletscher zeigen, bevor sie der Klimawandel ganz schrumpfen lässt. Auf einem Viertausender. Diese magische Marke würde den zwölfjährigen Leonard reizen und ihn seine aufkeimende vorpubertäre Trägheit schon überwinden lassen. So hoffte ich.

Also führte unsere nächste Familienreise nach Saas-Fee: Rund um den in 1830 Meter Höhe gelegenen Schweizer Ferienort mit seinen alten, sonnengegerbten Kornspeichern ragen immerhin 15 Viertausender auf.

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Allalinhorn bei Saas-Fee: Die magische Grenze

Bei unserer Ankunft herrscht bestes Wetter. Neuschnee überzieht die Gletscher und überpudert die Felswände und Pfeiler der Mischabelgruppe. Das höchste ganz auf Schweizer Boden liegende Bergmassiv steigt direkt über dem Dorf fast senkrecht bis auf 4545 Meter empor. Auch der Feegletscher sieht immer noch gewaltig aus.

Über ihm thront das weiße Allalinhorn - unser Gipfelziel mit 4027 Metern zählt laut Wikipedia zu den leichtesten und meistbestiegenen Viertausendern der Alpen. Immerhin ein Großteil der Höhenmeter kann mithilfe einer unterirdisch verlaufenden Standseilbahn bewältigt werden. Leonard ist begeistert. Schon mit sieben Jahren hat er seinen ersten Dreitausender bestiegen, mit acht Jahren Touren über mehr als tausend Höhenmeter bewältigt. Da sollte diese doch ein Leichtes sein.

Anstupser durch Ziege

Voller Energie starten wir - meine Frau Meike, Leonard und ich - am nächsten Morgen zur Vorbereitungstour auf den Spielboden. Als ich nach einigen aussichtsreichen Wegstunden noch einen Abstecher zur Britannia-Hütte durchsetze, kippt die Stimmung kurz. Doch dann kommen mir plötzlich zwei Steinböcke und drei Steingeißen zu Hilfe. Ihr Anblick setzt beim Junior ungeahnte Reserven frei. Er greift nach meiner Kamera und steigt ihnen mit Riesenschritten entgegen.

Am 2450 Meter hohen Spielboden begegnen wir tags darauf weiteren Tieren: Handzahme Murmeltiere tummeln sich auf den warmen Felsen in der Morgensonne. Am gegenüberliegenden Hannig wählt eine Ziegenherde Leonard zu ihrem Anführer und folgt ihm über Kilometer in Reih und Glied. Wehe, er bleibt stehen, dann gibt es einen kleinen Stups.

Aber dann schlägt bei Leonard ein Magenvirus zu. Wir beschließen, unsere Viertausender-Tour um zwei Tage zu verschieben. Im Hotel kümmert man sich rührend: heiße Brühe, Kräutertee und Zwieback. Topfit ist er auch am Abend vor dem Gipfelangriff nicht, aber voller Ambition.

Als am nächsten Morgen der Wecker klingelt, treibt ihn die Aufregung schnell aus dem Bett. Um 7.45 Uhr treffen wir unseren Führer Aldo Lomatter an der Gondelbahn zur Station Felskinn. Kurzer Ausrüstungscheck, dann steigen wir ein, in 2980 Meter Höhe wechseln wir in die Metro Alpin zur Bergstation Mittelalallin. Wie dünn die Luft schon auf den 3456 Meter Höhe ist, merken wir schon auf den Treppen hoch zum Ausgang. Im gleißenden Licht legen wir Gurte und Steigeisen an.

Schritt für Schritt

Zunächst gehen wir über ein flaches Schneefeld. Auf 3540 Meter Seehöhe seilt uns Aldo an. Jetzt wird das Gelände steiler. Leonard macht mit seinen Steigeisen den typischen Anfängerfehler: Er setzt die Füße voreinander. Das ist gefährlich, weil die spitzen Frontzacken leicht die Wade verletzen können. Außerdem lässt sich das Gleichgewicht schlecht halten.

Ich steige hinter ihm auf, aber meine Appelle, die Füße schulterbreit zu setzen, fruchten nicht. Ich vermute eine Mischung aus Erschöpfung, Sauerstoffmangel und Trotz. Dann passiert es: Leonard stürzt. Zum Glück bringt sein geringes Gewicht weder Aldo, noch meine Frau oder mich ins Rutschen.

Wir wollen nichts riskieren, fragen, ob er die Tour fortsetzen möchte. Doch er will nicht aufgeben, macht einen Schritt und noch einen und noch einen. Kurz nach zehn Uhr erreichen wir das Feejoch. Jetzt sind wir auf 3826 Meter Meereshöhe und können erstmals hinüberblicken zum Monte-Rosa-Massiv und zur berühmten Felspyramide des Matterhorns.

Viertausender-Bergtouren bei Saas-Fee
Ziele
Kein anderes Alpenland zählt so viele Viertausender wie die Schweiz und nirgendwo stehen sie so dicht wie rund um das autofreie Saas-Fee. Neben dem Allalin eignet sich auch das 4023 Meter hohe Weismies als erster Viertausender. Für den 3,5-stündigen Anstieg über 900 Höhenmeter braucht es aber noch etwas mehr Kondition.
Bergführer
Das Bergführerbüro von Saas-Fee bietet montags, mittwochs und samstags Gruppentouren auf das Allalin. Kosten: CHF 210 pro Person; Privattouren täglich möglich, CHF 720 für 3 bis 4 Personen.

Buchung bei Saas-Fee Guides, Tel. 0041 27 957 44 64, info@saasfeeguides.ch, www.saasfeeguides.com
Was Gipfelstürmer brauchen
Mitbringen muss man warme und windfeste Kleidung (zum Beispiel Fleece, Softshell und wasserdichte Jacke, lange Unterwäsche), Hut beziehungsweise Mütze als Schutz vor Sonne und Kälte, vor Letzterer schützen auch Handschuhe (Temperaturen auch im Sommer unter null Grad). Sonnenbrille und Sonnenschutz (mindestens Lichtschutzfaktor 50) sind ebenfalls Pflicht, die UV-Strahlung ist wegen der Höhe und des Schnees extrem hoch.

Steigeisentaugliche Bergschuhe kann man leihen, eingelaufene eigene Schuhe sind besser. Klettergurt, Steigeisen und Wanderstock mit großem Teller leiht man für CHF 25 im Bergführerbüro aus. Das Seil stellt der Bergführer.
Allgemeine Infos
Schweiz Tourismus, Tel. 00800 - 100 200 29 (gratis), info@myswitzerland.com, www.myswitzerland.com

Tipp: Saas-Fee verfügt über eines der beiden letzten verbliebenen Sommerskigebiete der Schweiz. Ein Skitag zwischen 3100 und 3600 Metern ist perfekt zum Akklimatisieren.

Jetzt kommen die letzten, aber schwersten 200 Höhenmeter. Leonard kämpft. Das Gipfelkreuz versteckt sich beharrlich, und so bleibt es dem Höhenmesser vorbehalten, uns Orientierung und Motivation zu geben. Noch 100 Höhenmeter, noch 70, 50, 30 - dann sehen wir endlich das Gipfelkreuz.

Glücksgefühle erst nach dem Abstieg

Auf 4027 Metern geben wir uns nach exakt zwei Stunden Aufstieg die Hände und genießen die Aussicht. Bis auf Leonard. Der ist total geschafft. Für ihn fühlt es sich gerade an, als hätte er einen Achttausender erklommen - zumal wir trotz seines Sturzes eine halbe Stunde schneller oben waren als im Kletterführer angegeben. Laut diversen Bergsteigerbüchern, kommen die Glücksgefühle bei den höchsten Gipfeln der Welt erst nach dem Abstieg. So ergeht es dann auch Leonard.

Zurück am Restaurant Mittelallalin, erklärt er stolz: "Ich kriege bestimmt heftigen Muskelkater, aber das war es wert!" Die unterwegs geäußerten Flüche nimmt er zu meiner Erleichterung zurück. Es wird also nicht unser letzter gemeinsamer hoher Gipfel bleiben.

Christoph Schrahe ist Autor des Journalistenbüros srt und reiste mit Unterstützung durch Schweiz Tourismus.



insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
shukov 31.07.2019
1. "Doch dann kommt alles anders."
Nein, kam es nicht. Habe kein Verständnis dafür, dass mit solchem Teaser meine Aufmerksamkeit erhascht wird. Das können Sie jetzt versuchen zu verteidigen, mein subjektiver Eindruck wird bleiben - ich wurde beschissen.
hugolette 31.07.2019
2. So hoffte ich, dass ein Viertausender das Kind reizen würde ....
reizt es das Kind oder die Eltern, unverantwortlich, krank auf einen Berg. "und ihn seine aufkeimende vorpubertäre Trägheit schon überwinden lassen. So hoffte ich." Also, wenn ich das lese, denke ich, wozu haben die sich ein Kind angeschafft, Pubertät ist wunderbar, weil es die Eltern-Kind Beziehung auf ein neues Niveau anhebt, es gibt viel zu entdecken und neue Herausforderungen, ja. Eine schreckliche Bevormundung, Du musst jetzt auf den Berg!
Macx 31.07.2019
3. Fragwürdige Tour
Ich möchte die Tour - gerade unter den genannten Umständen - auch als eher fragwürdig werten. Ein Kind ohne Erfahrung im Umgang mit Steigeisen und Pickel wird virusgeschwächt auf eine Hochtour mitgenommen? Sorry, aber gehen mit Steigeisen kann man auch in geringerer Höhe vorher üben. Und zwar ohne Gipfelziel, dem eventuelle Vorbehalte schnell untergeordnet werden. Es wird genau der Fehler begangen, vor dem hier an anderer Stelle schon gewarnt wurde. Mit der Bahn in hochalpine Regionen hinein und einfach loslaufen. Grundsätzlich finde ich es Klasse Kindern den Eindruck zu vermitteln zu wollen. Aber nicht angeschlagen und ohne vorherige Übung und Beherrschung der Techniken und Ausrüstung. Das es gut gegangen ist freut mich, sollte aber für andere keine Motivation sein es genau so zu machen.
tonhalle 31.07.2019
4. Was für ein Dimension von Egoismus
Ich war mal der jüngste Besteiger des Mutthorn (3.034m) im Berner Oberland und kenne die beschriebene Erfahrung nur zu genau. Ist dem Vater nicht klar, wie seine Wünsche und Vorstellungen auf das Kind wirken? Wer kommt bitte auf die Idee mit einem kranken Kind auf 4.000m zu gehen? Wer beschreibt den Erschöpfungszustand eines in 4.000m Höhe als unproblematisch? Und jetzt zur weniger objektiven Einschätzung wegen eigener Erfahrung: Der Junge ist manipuliert und in Wirklichkeit sind es die besonderen Tiererlebnisse, die ihn motivieren, nicht die Höhenmeter. Dazu kann ich noch ergänzen, dass ich den eigenen Sturz am Seil eher als Abenteuer in Erinnerung habe. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass der junge eines Tages klettern wird, aber einen großen Bogen um das Bergwandern macht. Ich bin wirklich schockiert über Ihr Verhalten Herr Schrahe und das obwohl der, der mit mir als Kind die Touren machte sogar Lehrer war, aber das ist ja auch ein Beruf in dem man sehr stark in der eigenen "Blase" lebt.
danielneu 31.07.2019
5. Immer mehr Clickbaiting auf Spiegel Online
Warum wird auf Spiegel Online immer mehr unseriöses Clickbaiting betrieben? "Doch dann kam alles anders!" - gespannt liest man bis zum Ende und wartet auf den großen Knall - Pustekuchen! Wenn ich mich verarschen lassen will, dann kann ich auch gleich zum Original (Bild, Express) wechseln. Habt ihr das wirklich nötig? Traurig!
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