Foto: Martin Moxter / imageBROKER / picture alliance

Familienurlaub auf Mallorca Corona hin oder her, die Party geht weiter

Oma lebt auf Mallorca, und die vergnügungssüchtigen Teenie-Söhne lieben die Insel – der perfekte Urlaub! Wirklich? Was eine Mutter tut, wenn Tag für Tag die Inzidenzen steigen.
Ein Zwischenruf von Andrea Müller

»Omaaa, wir kommen«, brüllt der Zwölfjährige ins Handy. Vor dem Abflug gilt Mallorca als Niedriginzidenzgebiet, Corona kann uns mal.

Die Abi feiernden Superspreader-Kids von der Playa de Palma sind in Port d'Andratx schließlich weit weg. Und wir freuen uns jetzt auf unseren ehemals grünen Hügel, wo seit Jahren Pinien und Olivenbäume schwarzgeldfinanzierten Wohnanlagen zum Opfer fallen.

Doch unser Blick auf den Hafen, der bleibt. Auf den Leuchtturm an der Mole, wo mein Neffe ganz in der Nähe mal einen Katzenhai gefangen hat. Auf Fischerboote, denen meine Mutter seit nunmehr 30 Jahren wie Heile-Welt-Symbolen bei der abendlichen Rückkehr in den Heimathafen zusieht. Auf die blaue Unendlichkeit des Mittelmeers.

Meine Kinder fühlen sich hier nicht als Touristen, sondern als Residentenenkel. Sie wollen Ensaïmadas aus der La Consigna, wo auch Helene Fischer ihre Frühstücksbrötchen holt. Und es stört sie (noch) nicht, dass hier rund 2000 Residenten bei Königsberger Klopsen zum Mittagstisch Subkultur in Reinform betreiben.

Man spricht Deutsch, Corona hin oder her, die Party geht weiter.

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An Wochenenden speien Busse nicht enden wollenden Nachschub von weitgehend textilfreien Brüsten und Beinen auf die Hafenpromenade, den Söhne mit 17 mitunter ziemlich attraktiv finden. Der später in Tims Bar mal wieder ohne Maske gegen Livemusik anbrüllt. Also echt nichts gegen Livemusik – aber schlafen Sie mal bei »I Love Rock 'n' Roll« bis zum Morgengrauen, mit kaputtem Mückenschutzgitter, bei immer noch 30 Grad, während der Nachwuchs zwischen leicht bekleideten Inzidenzbeschleunigern herumgockelt. Ich fühle mich wie eine Mutter, die ihren Nachwuchs auf Masernpartys schickt.

»Früher gab es auch schon Eltern, die sagten: ›Kinder, fangt euch nichts ein.‹«

Seit dem 10. Juli steigen die Inzidenzen täglich, am Freitag, dem 23. Juli, wird Spanien offiziell Hochinzidenzgebiet. »What the fuck...!«, kommentiert mein Großer, 17, und sieht den einwöchigen Besuch seines Kumpels bei uns in Gefahr. Es sei nämlich »so was von Kacke immer nur mit ner Oma, ner Mama und nem Baby-Bro durch den Hafen zu latschen… Was bringt mir das?«

»Ähh, was suchst du denn?«, frage ich blöd, worauf er die Augen nach oben rollen lässt.

Natürlich weiß ich, als wäre es gestern gewesen, wie ich in meiner Jugend in ebendiesem Hafen rastlos nach dem Leben suchte, das vor allem nachts stattfand und von hier oben aus eine Verheißung voller bunter Lichter, Speedboote und Abenteuer war.

Damals gab es noch keine Inzidenzen. Aber es gab auch schon Eltern, die sagten: »Kinder, fangt euch nichts ein.«

Um das Kumpeltreffen auf Mallorca doch noch zu retten, schlägt die Mutter vom Freund meines Sohnes, derzeit in Nantes, vor, unsere corona- und schulgeschädigte jugendliche Fracht über Frankreich zurückzuführen, wo sie dann beide ins Auto packen und mit nach Hamburg nehmen könne.

Gute Idee, simse ich ihr. Fünf Minuten später hat sie Flüge für die Jungs gebucht.

Weitere fünf Minuten später: SMS vom Kindsvater.

Unser Plan sei komplett irre, ein Verstoß gegen das Seuchenschutzgesetz, eine Straftat und ohnehin asozialer Betrug an der Gesellschaft. Meine Argumente verpuffen unterm Blau des Mallorca-Himmels. Er behält recht und ich den Gedanken: Die Scheißpandemie versaut unseren Kindern ihre halbe Jugend.

»Da bleibe ich jetzt echt mal knallhart.«

Ich hatte vier Wochen Mallorca gebucht. Die permanente Mitführung meines Laptops täuscht mich jedoch über meinen Hauptjob als Freizeit und Inzidenzen verwaltende Mutter, Nanny und Fahrerin hinweg. Vier Wochen, in denen ich mit Aussicht schreiben und nebenbei die Kinder zu Verabredungen kutschieren wollte.

Die nächste auf der Agenda des Zwölfjährigen: ein 13. Geburtstag im Aquapark!

Ich simse der Mutter des Jubilars: »Bei Inzidenzen von über 300 – wird das nicht ein Superspreader-Event?«

Sie: »Duhuu, ich komme aus der Nummer nicht mehr raus.« Verstehe. Ich aber, und da bleibe ich jetzt echt mal knallhart.

Ich also, zum Zwölfjährigen: »Also Aquapark, bei den Inzidenzen… Wir müssen das absagen!«

Er, brüllend: »Waaaas! Wenn ich da nicht hindarf, versaust du mir meinen Urlaub, mein ganzes Leben, mir so was von scheißegal, wenn ich Corona kriege!«

Ich, SMS an die Mutter: »Alles klar, freuen uns, er kommt.«

Ich düse dann mal nach Palma, Stunde hin, Stunde zurück, Kindesübergabe auf dem McDonald's-Parkplatz. Abholung dann in Pollença, aber bitte schön erst übermorgen, zwei Stunden hin, zwei zurück – auch wenn sie zu Hause Tür an Tür wohnen: »Menno Mama, Mallorca ist was anderes…«

Drei Rückflüge für den Siebzehnjährigen

Indes freuen sich meine dänischen Nachbarn in der Anlage (vier Parteien: Deutschland, Dänemark, Schweden, England): ein Junge weniger, der lautstarke Arschbomben in den Pool macht, dass hinterher jedes Mal der gesamte Rand nass und glitschig ist.

Sie sorgen sich, weil nächste Woche die Engländer kommen: »They should stay at home«; wir lästern über die Schweden: »They ignore Covid«, die just in dem Moment auf den Stufen zum Pool erscheinen. Was soll's, neulich habe ich auch gehört, wie einer von ihnen mich »lady with the noisy boys« nannte.

Wenn die wüssten, denk ich. Ab morgen sind es drei!

Denn der Kumpel des Siebzehnjährigen landet am nächsten Tag um acht Uhr aus Nantes.

Ich düse dann mal nach Palma. Die Siebzehnjährigen haben ihre gemeinsame Mallorca-Zeit von acht auf vier Tage verkürzt, um die Quarantäne (die man auch in »zu Hause zocken« umbenennen könnte) nach dem Rückflug korrekt zu erfüllen. Es ist also der dritte Rückflug, den ich für den großen Sohn buche, dreimal so teuer wie üblicherweise One-Way mit derselben Fluglinie.

Doch er hat es nötig, korrekt und pünktlich in der Oberstufe anzutanzen.

Am Abend nach ihrer Abreise stelle ich fest: Die beiden haben die Hälfte vergessen, vor allem ihre Bücher (Handys würden sie nie vergessen). Dafür ist Rum (den ich für Mojito besorgt hatte) verdunstet – sei's drum, ich hatte noch nie so viele unterschiedliche Alkoholika im Kühlschrank wie in diesen Ferien. »Cheers«, sage ich und proste dem abendlichen Hafen zu, der immer mehr verspricht, als er hält.

Ich brauche dringend Urlaub.