Faszination Gargano Wunder zwischen Himmel und Erde

Klosteridylle, Heiligenkult und Sündenvergebung im Minutentakt: Auf der Halbinsel Gargano können Gläubige wie Gottlose ihr ganz persönliches Wunder erleben. Zwischen Meer und dichtem Wald faszinieren uralte Pilgerorte mit überirdischen Schönheiten und - Stille.

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Rosa Zingaro hat sich hübsch gemacht. Die Mittfünfzigerin im Kamelhaarmantel ist mit Ehemann, Tochter und der greisen Mutter in die Wallfahrtskirche San Michele gekommen, um zu beten und zu meditieren. Seit Jahren beschäftigt sich Rosa mit dem Erzengel Michael, und nirgendwo ist sie ihm so nah wie in der Grotte von Monte Sant'Angelo auf der Halbinsel Gargano: "Mit Herz und Schwert hat San Michele gegen das Böse gekämpft - und er war schrecklich in seiner Rache", erzählt Rosa und vibriert förmlich vor Begeisterung.

Die Familie hat sich im "Haus des Pilgers" direkt neben dem Heiligtum einquartiert, wo eilfertige Helferinnen mit Cappuccino-Tassen klappern und den Besuchern in allen Fragen des religiösen Ritus zur Seite stehen. Wer einen Einblick gewinnen will in das innige und bisweilen sehr persönliche Verhältnis italienischer Katholiken zu ihren Heiligen, der muss nach Monte Sant'Angelo kommen - einem der ältesten Pilgerorte der westlichen Welt.

"Der Ort ist von einer tiefen Religiosität geprägt - hier spricht alles von Gott", schwärmt Rosas Mann Vito, ein sonst eher nüchtern wirkender Verwaltungsangestellter aus Andria in Apulien. "Hier ist man noch nicht im Himmel, aber auch nicht mehr auf der Erde", sagt der Mann mit den langen grauen Haaren und rückt seine Intellektuellenbrille zurecht.

Gleich vier Mal soll der Erzengel Michael hier den Menschen erschienen sein - das erste Mal im Jahr 490, als der Legende zufolge ein ausgebüxter Stier eben jene Höhle entdeckte, die San Michele später als Heiligtum auserkor. "Diese Grotte ist mir heilig, ich selbst will ihr Beschützer sein", soll der Erzengel gesagt haben. "Dort, wo sich der Fels öffnet, werden die Sünden der Menschen vergeben."

Eine verführerische Vorstellung, die bis heute Heerscharen von Gläubigen nach Monte Sant'Angelo lockt. Unweit des Grottenaltars mit der Statue des schwertschwingenden Michaels nehmen Mönche die Beichte ab. Die Türen der Kabinen klappern im Akkord, das Gemurmel der Bußfertigen prallt an den Felsenwänden ab. Padre Marco würde gern etwas über das Heiligtum erzählen, sitzt aber bereits seit vier Stunden im Beichtstuhl und hat angesichts des Ansturms der Gläubigen "wirklich keinen Sinn für solche Sachen".

An der Wand des angeschlossenen Museums hängen die Zeugnisse des Wirkens von San Michele. Hier sind Bilder von Laienkünstlern ausgestellt, die auf rührend bemühte Art detailgetreu und "realistisch" darstellen, wer, wann und wo durch den Erzengel gerettet wurde. Da spritzen Blutfontänen vom Operationstisch - doch Onkel Giovanni übersteht den lebensgefährlichen Eingriff. Da rasen zwei Carabinieri mit dem Auto einen zwölf Meter tiefen Abhang hinab - und tragen doch keine Schramme davon. Ob Arbeitsunfälle, Bombenangriffe oder schwere Stürme auf See - San Michele hat all diese Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt. "Grazia ricevuta" lautet das Zauberwort - die von Gott erwiesene Gnade ist real und greifbar.

Santa Maria di Pulsano: Abtauchen in die göttliche Eremitage

Wem Monte Sant'Angelo zu quirlig ist, wer sich einen Klosteraufenthalt meditativ und besinnlich vorstellt, dem sei die nur neun Kilometer entfernte Abtei von Santa Maria di Pulsano ans Herz gelegt. Schon auf dem Weg dorthin wird man umfangen von atemberaubender Einsamkeit. Das riesige Stahltor am Eingang muss per Hand geöffnet werden und gibt dabei einen leisen Seufzer von sich. In der unwirklichen Felsenlandschaft erhebt sich ein riesiges Kreuz über dem Golf von Manfredonia, dessen Wellen eisblau tanzen und von Sonnenflecken durchsiebt sind.

Corbis
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Eben hierher, auf den Hügel von Pulsano, flohen einst die ersten christlichen Eremiten vor der Welt - und man kann sich vorstellen, warum: Es riecht nach Honig und Frühlingsblumen, ein zerzauster Esel grast friedlich neben einer Gruppe von Schweinen am Hang. Die Abtei schmiegt sich an die rauen Felsen, als wollte sie sich an ihnen festhalten - kein Wunder, thront sie doch über einem 200 Meter tiefen Abgrund. Schon im 7. Jahrhundert gab es hier ein Kloster, das zerstört und 500 Jahre später von den Benediktinern wieder aufgebaut wurde.

Nur eine Kuhglocke und Vogelgezwitscher sind zu hören - ansonsten regiert überirdische Stille, eine Ruhe, die das Herz leicht und die Glieder schwer werden lässt. "Ich habe von Anfang an die große Faszination dieses Ortes gespürt", sagt der hier lebende Mönch Efrem, ein feingliedriger Mann mit wachen, klugen Augen. Bei aller theologischen Reflexion sei das Leben im Kloster denkbar einfach: "Bei uns geht es um die existentiellen Dinge, nicht um das Drumherum."

Der 52-Jährige sitzt in der schlichten, nur mit Ikonen und Kerzen geschmückten Klosterkirche, über deren Altar sich eine mächtige, natürliche Grotte wölbt. Auf den Kirchenbänken glänzen Messingschilder mit den Namen derer, die Geld dafür gespendet haben. In der Luft hängt noch der Weihrauch der vergangenen Messe.

Bis vor wenigen Jahren war Pulsano eine Geisterort, bestand nur aus Ruinen und Trümmern, nachdem das Kloster Anfang des 19. Jahrhunderts aufgegeben und dem Verfall preisgegeben worden war. Erst 1997 konnte die neue Abtei eingeweiht werden - dank der Mithilfe zahlreicher Gemeindemitglieder, Mönche und den Spendensammlern der "Bewegung für Pulsano" aus Manfredonia.

Orthodoxe Liturgie am Ostersonntag

Noch immer wird gebaut und saniert, das Leben der Geistlichen und der etwa hundert Gemeindemitglieder jedoch hat längst seinen Rhythmus gefunden. "Wir führen ein sehr ursprüngliches Mönchsleben, sind aber nicht allzu streng", sagt Bruder Efrem. Es sei wichtig, offen für die Menschen zu bleiben. Wie in vielen Klöstern Italiens gibt es auch in Pulsano ein Gästehaus mit wenigen kleinen und einfachen Zimmern, in denen Gläubige und Neugierige übernachten, die Stille genießen und zu sich oder Gott finden können. Selbstverständlich dürfen sie an den Gottesdiensten teilnehmen und mit den Mönchen beten.

Efrem und seine drei Mitbrüder leben nach den Regeln der Benediktiner, pflegen aber auch die byzantinische Tradition, die im 8. und 9. Jahrhundert in den großen griechischen Klöstern entwickelt wurde.

So folgt zum Beispiel der Gottesdienst am Ostersonntag der orthodoxen Liturgie - und zeigt sich dabei kosmopolitisch: In einer feierlichen Prozession ziehen die Mönche mit der Gemeinde über das Klostergelände, bleiben an verschiedenen Orten stehen und lesen das Evangelium in jeweils einer von zwölf Sprachen vor - darunter auch dem Dialekt der Bergbewohner. Ein ungewohntes, andächtiges und anrührendes Ritual unter freiem Himmel, bei dem man angesichts der Schönheit der verschiedenen Sprachen und dem Gefühl einer weltweiten Verbundenheit im Glauben eine Gänsehaut bekommen kann.

Bruder Massimo ist der Kunstexperte des Klosters: Er beschäftigt sich intensiv mit Ikonen und ihrer Symbolik und gibt sein Wissen und die traditionellen Techniken an junge Mönche weiter, die eine Reihe außergewöhnlich authentisch wirkender Bilder gefertigt haben. In einem Nebenraum der Kirche sind die goldglänzenden Madonnen mit dem durchdringenden Blick ausgestellt. Wer will, kann die Ikonen kaufen und damit die andauernden Restaurierungsarbeiten unterstützen.

Seit sieben Jahren lebt Bruder Efrem in Pulsano - und will keinen einzigen Tag missen. Fünfmal am Tag betet er, leitet Seminare und studiert die Bibel. Für ihn bedeutet christlich zu leben, dem Leben Jesu Christi nachzueifern und damit dem Sohn Gottes ähnlich zu werden. Pulsano sei für ihn einfach der ideale Ort: "Hier kann ich die Liebe zurückgeben, die ich bekommen habe."



insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
Gertrud Stamm-Holz 29.04.2009
1.
Zitat von sysopEin Lieblingsland der Kulturbeflissenen, der Gourmets und der Touristen: Italien gehört zu den Favoriten der Deutschen als Ferienland und Zentrum der Lebensart. Was gefällt Ihnen an Italien? Welches sind Ihre bevorzugten Orten?
Meiner ist Meran. Ich liebe die Stadt und das Umland. Schönes Ambiente und vorzügliche Küche. Touristenecken meide ich kategorisch. Ich möchte unbedingt nach Neapel. Die verkehrstechnische und sonstige Anarchie möchte ich aus der Nähe sehen. Dem deutschen Prinzip von Recht und Ordnung komplett widersprechend.
Desmond Manchester II. 29.04.2009
2.
Mein Tip: Bolsena am Lago di Bolsena, wegen der Lage am saubersten See Italiens in einem Vulkankrater. Dort wächst auch einer meiner Lieblingsweine, der Est!Est!Est!. Absurder Name, aber der Wein heißt wirklich so. Hervorragend ist auch das dortige Gemüse, Öl und der Süßwasserfisch (Corregone). Es gibt dort nur einen sanften Tourismus. Ganz nach meinem Geschmack.
CMH 29.04.2009
3.
Zitat von Desmond Manchester II.Mein Tip: Bolsena am Lago di Bolsena, wegen der Lage am saubersten See Italiens in einem Vulkankrater. Dort wächst auch einer meiner Lieblingsweine, der Est!Est!Est!. Absurder Name, aber der Wein heißt wirklich so. Hervorragend ist auch das dortige Gemüse, Öl und der Süßwasserfisch (Corregone). Es gibt dort nur einen sanften Tourismus. Ganz nach meinem Geschmack.
Jawohl, der Lago di Bolsena ist traumhaft! Ich bin vor zwei Jahren einmal eher zufällig dort für drei Tage hängengeblieben und werde sicherlich dort wieder einmal vorbeischauen. Danke für den Wein-Tipp!
waldschrat, 30.04.2009
4.
Zitat von Gertrud Stamm-HolzMeiner ist Meran. Ich liebe die Stadt und das Umland. Schönes Ambiente und vorzügliche Küche. Touristenecken meide ich kategorisch. Ich möchte unbedingt nach Neapel. Die verkehrstechnische und sonstige Anarchie möchte ich aus der Nähe sehen. Dem deutschen Prinzip von Recht und Ordnung komplett widersprechend.
Machen Sie das besser mit einem Mietwagen, möglichst klein. Es ist schon erstaunlich, wie der Süditaliener aus einer 3-spurigen Autobahn bei Stau eine 7-spurige macht, dabei, ganz links stehend, nach rechts in die kleine Lücke will und dabei noch Zeit und Muße findet, dem neben ihm fahrenden ein Gespräch über die Schönheit der Landschaft und Neapel insbesondere aufzudrängen. Verbissene Autobahnfahrer sehen Sie dort nicht.
Coss, 30.04.2009
5. Beaut pur!
Zitat von sysopEin Lieblingsland der Kulturbeflissenen, der Gourmets und der Touristen: Italien gehört zu den Favoriten der Deutschen als Ferienland und Zentrum der Lebensart. Was gefällt Ihnen an Italien? Welches sind Ihre bevorzugten Orten?
[QUOTE=sysop;3679561] Was gefällt Ihnen an Italien? /QUOTE] Habe fast die ganze Welt bereist und komme zu dem Ergebnis, dass Italien wirklich das schönste Land aufm Planeten ist. Kultur, Landschaft, Leute - I love it all:-)
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