Fest an der Adria Machos im rosa Rausch

Die Adriaküste sieht rot... rosarot! Bei Italiens größtem Strandfest sind Badeorte und Lidos vollkommen in die Pastellfarbe getaucht. Auch eingefleischte Machos schmücken sich. Mit Perücken und Häschenohren.

Apt Servizi Emilia-Romagna

Von Martin Cyris


"Prosciutto cotto? Finito tutto!" Gekochter Schinken? Ausverkauft! Emanuele Buratta schüttelt den Kopf. Auch Scampi sind in seinem kleinen Alimentari-Geschäft an Riminis Strandpromenade längst ausverkauft. Heiße Nachfrage nach zwei Produkten, für die es in normalen Zeiten keinerlei Nachschubprobleme gibt.

Doch während der Notte Rosa, der rosa Nacht, ist alles anders. Dann sind Italiener und Adria-Urlauber wild auf alles, was auch nur im Entferntesten an die Farbe Rosa erinnert. Eben auch auf Kochschinken und Scampi. Damit kreiert manch italienische Mamma spezielle Notte-Rosa-Gerichte für ihre Familie.

Nach dem Essen geht es an den Strand oder auf die Promenaden, um eine Art Spring Break auf Italienisch zu feiern. Ausgelassen, lebensfroh, fröhlich, bis in den Morgen hinein. Vergleichbar mit dem orangetrunkenen Königinnentag in den Niederlanden - allerdings ganz in Rosa und am Mittelmeer.

Die rosa Nacht ist ein gigantisches Sommerfest an der Küste der Emilia-Romagna. Seit fünf Jahren werden zwischen Comacchio und Cattólica zahlreiche Badeorte und Lidos in Rosa getaucht. In diesem Jahr erstmals an einem Freitag: am 2. Juli. Wieder werden weit über eine Million Besucher erwartet. Es dürfte sich um das größte Strandfest in Italien handeln. Vor allem in den Touristenhochburgen Cesenatico, Riccione und Rimini, welches im Zentrum der Feierlichkeiten steht.

Ein Fest zu Ehren der Frauen

Hunderte Events steigen entlang des über hundert Kilometer langen Küstenstreifens. Konzerte, Partys, Film- und Theateraufführungen, Feuerwerke. Sie alle widmen sich der pastelligen Farbe und ihrer Bedeutung: Liebe, Schönheit, Leidenschaft. "Das Fest ist vor allem den Frauen gewidmet", sagt Andrea Gnassi, der Erfinder der Notte Rosa.

Mit dem Event wollte Gnassi die Region touristisch aufpäppeln. Zuvor war das erste Juli-Wochenende an der Adria traditionell eher schwach ausgebucht. Aber seitdem die Notte Rosa für rosarote Eindrücke sorgt, herrscht alljährlich Hochbetrieb. In allen Orten gibt es viel kostenlose Live-Musik unter freiem Himmel - und viel "casino", wie die Italiener ihre eigene hektische Betriebsamkeit nennen. Entgegen vieler Klischees ist die romagnolische Küste übrigens keine zweites Mallorca für deutsche Urlauber. Mit über 80 Prozent Anteil waren italienische Urlauber in den vergangenen Jahren eindeutig in der Überzahl.

10.000 rosa Liegestühle wollen die Veranstalter dieses Jahr an den Stränden entlang der Küste platzieren. Busfahrer der städtischen Verkehrsbetriebe werden rosa Schleifchen an den Scheibenwischern ihrer Vehikel anbringen, Badegäste rosa Badekappen überstülpen. Eisdielenbesitzer werden rosa Eisbecher auffahren, Barmänner rosa Drinks mixen und Restaurant-Chefs rosa Menüs kredenzen. Sogar das Piadina, ein Fladenbrot, das an jeder Ecke angeboten wird, leuchtet rosa. Normalerweise kommt nur Mehl, Salz, Milch, Öl, Fett und Backpulver in den Teig. In der Notte Rosa ist ausnahmsweise auch rosa Farbstoff erlaubt.

Erneut werden Tausende Straßenlaternen in den Boulevards und Einkaufsstraßen rosa schimmern, zig Hotels und Pensionen mit rosa Scheinwerfern angestrahlt. Sogar die üppige Fassade des legendären Grand Hotels Rimini wird für eine Nacht im Jahr in Rosa getaucht. Der weiße, altehrwürdige Zuckerbäckerbau ist eine Adria-Institution, der Inbegriff eines mondänen, mediterranen Jet-Set-Urlaubs - und Schauplatz einiger Filme von Federico Fellini. Der berühmte Regisseur wurde in Rimini geboren. Einer seiner bekanntesten Filme stellt das Motto der diesjährigen Notte Rosa: La Dolce Vita.

Speziell vermarktet von Gay-Reiseveranstaltern

Natürlich sehen auch Männer in der magischen Nacht rosa. Viele tragen rosa T-Shirts, Perücken, Cowboyhüte, Shorts. Etwa Leo aus Rimini. Er und seine Freundin Mary wählen schon Wochen vor der rosa Nacht ihr Outfit aus. Mary hat sich Engelsflügel in Rosa besorgt, Leo wird sich wieder in die hautengen Pants vom Vorjahr zwängen. Das bisschen Stoff auf seinen Hüften sticht nicht nur wegen seiner Farben ins Auge: knalliges Pink. Die etwa kräftigere Variante von Rosa ist auch erlaubt und während der Notte Rosa ebenfalls stark vertreten.

Eine homoerotische Note ist der Notte Rosa freilich nicht abzusprechen. Rosa gilt mitunter als inoffizielle Farbe von Schwulen und Lesben. Das Spektakel an der Adria zieht deshalb auch viele Homosexuelle an. Bei manchem Gay-Reisen-Veranstalter wird es speziell vermarktet.

Doch die Notte Rosa ist nicht in erster Linie eine Demonstration für Toleranz und Gleichberechtigung. Oder gar ein ideologisches Fest - es ist ein Fest für jedermann. Sogar italienische Machos und Strandpapagallos tragen rosa Perücken, rosa Sonnenbrillen und sogar Häschenohren aus Plüsch - ohne mit der rosa Wimper zu zucken. Dieses selbstverständliche Miteinander zwischen Homo- und Heterokultur ist auch in Italien längst noch nicht alltäglich.

Giulia betreibt ein Kosmetikstudio unweit der Strandpromenade von Rimini. Schon Tage vor dem Event lackiert sie die Fingernägel ihrer Kundinnen rosa und flicht ihnen rosa Wollfäden ins Haar. "Letztes Jahr war eine Gruppe von jungen Kerlen da", erzählt Giulia, "sie wollten ihre Nägel in Pink lackiert haben." Mehrmals hätten sie ihr versichert, dass sie nicht homosexuell seien, sondern sich einfach mal schrill verkleiden wollten.

Ob homo oder hetero, knalliges Pink oder zartes Rosa - in der Notte Rosa wird das Leben durch die rosarote Brille betrachtet.



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maipiu 25.06.2010
1. Gott sei Dank
Grazie, dio, dass es sowas in Italien gibt. Da weiß die Squadra Azzuro wenigstens, wo sie demnächst noch hinkann. Mein Tipp: verkleidet Euch schön in rosa!
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