Festival in Seinäjoki Je trauriger der Tango, desto glücklicher die Finnen

Wenn die Sommersonne brennt und die Nächte zwei Stunden dauern - dann ist Zeit fürs Tango-Fest in Seinäjoki. Fünf Tage lang befindet sich die kleine finnische Stadt im Ausnahmezustand. Zehntausende schieben sich eng umschlungen über die Straßen - immer im Tangotakt.

Von Jule Kilimann


Eng umschlungen bewegen sich Johanna und Tomi zur Musik. Es ist weniger Tanzen, vielmehr ein Schieben. Ihre Augen sind geschlossen, Johanna lehnt den Kopf an Tomis Wange, ein leises Lächeln auf den Lippen. Dann halten sie inne, wiegen die Schultern im Takt, drücken die Beine zwischen die des Partners und weiter geht es. Von den Knien an aufwärts sind ihre Körper aneinander gepresst. Das Paar ist eines von Zigtausenden beim Tangomarkkinat, dem alljährlichen Tango-Festival von Seinäjoki im Südwesten Finnlands.

Die Paare sind auffällig gekleidet. Manche tragen Cowboyhüte, einige sogar in Rosa. Sie tanzen in kurzen Shorts und orangenen T-Shirts, in knallgelben Turnschuhen oder Birkenstock-Sandalen. Eine Dame trägt bunte Kniestrümpfe unter ihrem Kleid, die man bei jedem Schritt sieht. Eine andere grinst kess durch das weiße Netz ihres Hutes. Es gibt weder Kleiderordnung noch vorgeschriebene Schrittfolgen. Jeder hört nur die Musik, die von der Fünf-Mann-Kapelle auf der Bühne live gespielt wird, und bewegt sich, wie es gerade passt. "Alle Finnen tanzen Tango. Das gehört bei uns zum guten Ton", sagt der Festival-Leiter Ari Pekka Kuismin.

Stadt im Ausnahmezustand

Seit dem ersten Tangofest vor 20 Jahren strömen jedes Jahr Anfang Juli bis zu 130.000 Menschen nach Seinäjoki, wo sonst nur rund 30.000 leben. Auch Johanna und Tomi sind extra aus dem zwei Stunden entfernten Tampere angereist, um sich jetzt auf tänzerische Art ihre Liebe zu beweisen. "Bald werden wir heiraten", sagt Johanna und strahlt. "Tomi ist der beste Tänzer und ein toller Mann."

Vier Tage lang herrscht in Seinäjoki der Tango-Ausnahmezustand. Die Hauptstraße ist abgesperrt, in riesigen Zelten rund herum laufen Karaoke-Wettbewerbe, Tanz-Shows und Song-Contests. Alle Hotels sind ausgebucht, Parks und Wiesen werden zu Campingplätzen umfunktioniert, auch wenn an Schlafen kaum zu denken ist. Die finnische Nacht dauert im Juli knappe zwei Stunden: Um zwei Uhr früh ist die Sonne versunken, bereits um vier Uhr wird es wieder hell. Die Tango-Paare tanzen einfach durch bis zum Frühstück. Dabei gibt es quasi nur diese eine Regel: Eine Einladung zum Tanz wird immer angenommen, Ablehnen gilt als grob unhöflich!

Auch Jessica hat keine Chance. Die 28-Jährige kommt aus Dortmund und ist mit ihrem Freund Benjamin sechs Wochen lang in Finnland unterwegs. Das Tango-Festival ist nur eines von zahlreichen Highlights für die zwei. Jetzt holt Benjamin gerade ein Getränk, Jessica lehnt an einem Reklamepfeiler. "Gestatten Sie?" Jessica dreht sich um. Wer hat das gesagt? Dicht hinter ihr steht ein Mann, vielleicht Ende 50, aber für sein Alter sieht er phantastisch aus, trägt ein weit aufgeknöpftes Hemd und die grauen Haare zu einem perfekten Scheitel. Allerdings reicht er Jessica gerade mal bis zur Schulter.

Flirten auf Finnisch

Der Mann stellt sich als Rikhard Nuuonen vor, Geschäftsmann aus dem Norden, und extra für das Festival nach Seinäjoki gereist. "Nennen Sie mich bitte Rik", sagt er. "Ich war bereits zweimal verheiratet. Jetzt bin ich schon wieder seit sechs Monaten alleine, und ich habe gewusst, dass ich hier eine Frau finde, die besser ist, als die, die ich schon hatte." Jessica muss lachen. Die Kapelle stimmt ein neues Lied an. "Saanko luvan?", fragt Rik. "Darf ich bitten?" Jessica dreht sich suchend um, kann Benjamin aber nirgendwo entdecken, sagt "Okay" und reicht Rik ihre Hand.

Beim Tangomarkkinat finden immer weitere kuriose Paare zusammen: Ein junges Mädchen mit Sonnenbrille und blauem Kopftuch tanzt mit einem silbermelierten Mann, der ihr Opa sein könnte. Eine Dame wechselt gerade zum fünften Mal ihren Partner und strahlt bis über beide Ohren. "Wenn Sie einen neuen Begleiter suchen, sollten Sie hier gut Ihre Augen offen halten", rät Festival-Leiter Kuismin.

Die Begriffe Tango und Finnland würden Fremde auf Anhieb nicht in einem Atemzug nennen. Jetzt stehen in langen Reihen Einheimische und Touristen mit Blick auf die Bühne am Tangomarkkinat und lassen sich von der Tango-Polizei die Grundschritte des Tanzes zeigen. Die Tango-Polizei, das sind Profi-Tänzer, als Sheriffs verkleidet, die den Takt angeben: "Yksi, kaksi, kolme, neljä", tönt es rhythmisch aus den Lautsprechern – "eins, zwo, drei, vier". Die Menschenmasse schreitet nahezu gleichzeitig vor und zur Seite, zurück und zur Seite.

Glücklich bei trauriger Musik

Dann kommt die Musik und augenblicklich formen sich aus der Menge Hunderte Paare, die sich kreuz und quer über den Asphalt schieben. "Mun aika menná on" – "Es ist Zeit für mich zu gehen", kommt aus den Boxen. Finnische Tango-Texte strotzen nur so vor Herzschmerz. Man singt gern von verflossener Liebe und verlorener Heimat, von Sehnsucht und Abschied. Solche Inhalte verderben allerdings keinesfalls die Stimmung. Im Gegenteil. Gerüchten zufolge sind Finnen umso glücklicher, je trauriger die Musik ist. "Schauen Sie sich um", sagt Ari Pekka Kuismin, "jeder lacht, die Sonne scheint. Würde es regnen, würden sie im Mantel tanzen - und trotzdem lachen".

Finnischer Tango ist beim Festival von Seinäjoki zwar ein Spektakel, doch normalerweise ist er weniger showträchtig als der Argentinische. Der finnische Tango ist nicht für das Publikum gedacht, sondern allein für das Paar, das sich tief versunken im Gefühl, nahezu ohne Wahrnehmung der Außenwelt im Gleichschritt bewegt. Tango ist in Finnland nicht bloß Tanz, er ist Lebensgefühl.



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