Finnmark Hart an der Grenze

Kurze Sommer, dunkle Winter: Das Leben am Rande des Eismeers ist schroff, aber faszinierend. Die Menschen finden immer neue Wege, sich mit dem Leben im ganz hohen Norden zu arrangieren
Von Nina Freydag

Sie singen, von Schnee umtost, nass von der Gischt, singen mit frostigen Lippen. Über Jungen, die das Meer verschluckt, und über Mädchen, die im Akkord Filets schneiden. Sie singen, bis dem Ältesten ein Eiszapfen von der Nase hängt, gefrorener Beweis dafür, dass Leben am Eismeer nicht möglich ist - und dass es trotzdem gelebt wird. Jahr für Jahr haben die Männer dem Meer den Dorsch entrissen, haben die verwitterten Häuserwände neu gestrichen. Bis die Gicht sie gepackt und die Fischereikrise ihnen das Auskommen genommen hat. Nun lebt der halbe Chor von Stütze und trinkt zu viel. Doch sie halten die Pelzmützen hoch und singen gegen den Sturm an.

Der Dokumentarfilm über den Fischerchor, der vom Leben dieser Männer erzählt, ließ ganz Norwegen aufschluchzen. Ausgerechnet an diesem Landzipfel, an dieser zerrissenen Felsenküste ganz im Norden, in diesem winzigen Berlevåg, an dessen Ortsschild eine Herde Rentiere lungert, ausgerechnet hier fand das moderne Norwegen seine Volksseele wieder: tapfer und zäh, großherzig und lebensfroh. Der Film wurde ein Kassenschlager, der Chor schmetterte sich mit einem Seemannslied auf Platz Eins der norwegischen Hitparade. Die Männer gingen auf Amerika-Tournee. 60.000 Rockfans applaudierten ihnen im dänischen Roskilde. Sie wurden Stars.

"Wir hatten so einen Aufstand nicht geplant", sagt Reidar Strand, 89. Vergnügt kullert sein Lachen über den Küchentisch; ernst nehmen kann er den späten Ruhm nicht. Er hat Kaffee gekocht, einen Teller Kuchen aufs Wachstuch gesetzt. "Kaffee muss sein, jaja", sagt er und legt den Kopf schief wie ein alter Uhu. Seit 68 Jahren ist er Sänger: "Es ist selten, dass so alte Leute noch in einem Chor mitsingen dürfen, ja." Sein Bruder Einar, der im Film den Eiszapfen an der Nase trug, ist sogar schon 97. "Wir Strand-Jungs müssen erschossen werden, von allein sterben wir nicht!", sagt Reidar und gluckst vor Vergnügen, obwohl ihm gerade erst ein Tumor aus der Zunge geschnitten wurde.

Aus seinem Wohnzimmer sieht Einar, Reidars 97-jähriger Bruder, in jeder Sommernacht um elf, wie die beiden Linienschiffe einander vor der Mitternachtssonne kreuzen. "Unser Leben hat sich überhaupt nicht verändert", sagt er. Mittags isst man Dorschzunge in der "Fischerwohlfahrt". Kurz vor eins landet die Propellermaschine, die Tageszeitungen aus Oslo bringt; um 16 Uhr macht die Tankstelle zu. Einar kriegt Besuch von Reidar, sie reden über die Zeit, als die Deutschen den Ort niedergebrannt, Strand ins Lager gebracht und sich Bunker in den Berg hinter der Kirche gesprengt haben. Jeden Montag aber, da trifft man sich im Missionshaus zum Singen.

Den Fans ist egal, dass nicht mehr jeder Ton sitzt und nicht mehr jede Stimme trägt. Täglich treffen in Berlevåg Bestellungen ein. Die CDs, Baseball-Caps und signierten Bücher werden aus dem Klassenschrank der Stufe 8 vertrieben. "Ich hätte mir nie träumen lassen, dass jemand das hören will", sagt der 14-jährige Henning. Doch nun tüten die Kinder die Devotionalien für die Fans ihrer Großväter ein. Vom Erlös wollen sie eine Klassenfahrt machen - der letzte gemeinsame Ausflug, bevor sie ihre Heimat verlassen müssen. Denn ein Gymnasium gibt es hier nicht. Und die nächste Universität liegt 14 Autostunden entfernt, in Tromsø. Kaum jemand kehrt zurück.

Die Samen halten Rat

Wenn sich in Karasjok viermal im Jahr das samische Parlament versammelt, scheint es, als kämen die Abgeordneten direkt von ihren Rentierherden auf dem Hochmoor: Trachten mit bunten Zierbändern und Glitzerborten leuchten von den Plenarbänken. Tatsächlich aber sind die Repräsentanten aus dem ganzen Land angeflogen,um die Probleme ihres Volkes zu diskutieren. Die Farbenpracht ist trügerisch: Im Alltag tragen die Samen heute weder in der Hauptstadt noch in ihrem Urgebiet die traditionelle "Kofte". "Es wäre besser, unsere Haut wäre grün. Dann könnte sich niemand verstecken", sagt ein Redakteur des einzigen samischen Fernseh-Senders. Seine Kollegin Heidi Anti, 32, lacht laut: "Blau wäre mir lieber."

Tatsächlich stehen viele Samen seit Generationen nicht mehr zu ihrer Herkunft. Die alten Leute sind als Kinder zu Norwegern umerzogen worden, sie haben Bilder von König Håkon und Jesus Christus an der Wand hängen. Einige glauben noch immer, dass Joiking, der Jodelgesang der Samen, eine Sünde sei. Bis in die 1960er Jahre hatte man ihnen ihre Sprache verboten. Heute ist sie zumindest aus technischen Gründen weiterhin benachteiligt: Es gibt kein Computertastaturen mit samischen Schriftzeichen - also müssen die rund 36.000 norwegischen Samen weiterhin norwegisch schreiben.

Vererbtes Wissen

Als junges Mädchen ist Heidi drei Jahre lang bei ihrer Großmutter in die Fellschuhmacher-Lehre gegangen. In ihrer Garage hängen unzählige Rentierfelle von den Deckenbalken, damit sie jederzeit das passende Stück zur Hand hat. "Meine Oma sieht mit einem Blick auf deinen Fuß, welches Schulterfell eine gute Sohle für dich wäre. Ich kann das nicht." Sonst aber weiß sie Bescheid: Für Festtagsschuhe braucht sie Sommerfell, das dünn ist und glänzt. Im Frühjahr verwendet sie Robbenfell, weil es Wasser abweist. Für den Winter aber braucht sie das dicke Fell von vor Weihnachten geschlachteten Rentieren, in das sie getrocknetes Moorgras stopft. "Wenn du bei 40 Grad minus auf der Hochebene bist, helfen dir gekaufte Schuhe gar nichts. Die werden steinhart."

Ihr Mann braucht die Fellschuhe dringend, er hütet eine große Rentierherde. Die beiden leben mit ihren drei Kindern in einem Holzhaus in Karasjok, der Hauptstadt der Samen, die kaum mehr ist als eine Straßenkreuzung mitten im Wald. Heidi bietet ihre feinsten Spezialitäten an: von ihr selbst geräucherte Rentier-Rippchen und Moltebeeren, die sie auf dem Hochmoor gesammelt hat. Im Regal stehen Schneescooter-Pokale, Heidis Mann war sogar 1992 einmal norwegischer Meister. Wohlig streckt sie sich, schleckt sich die letzte Sahne von den Lippen und sagt: "Ich ziehe niemals hier weg. Was braucht man mehr zum Leben als Moltebeeren und solch einen Kerl?"

Zweimal im Jahr fallen 400 Soldaten in der Kleinstadt Kirkenes ein und saufen wie besessen. Es ist nach drei Wochen der erste freie Abend für die neuen Rekruten von Sør Varanger, einem einsam gelegenen Armeestützpunkt nahe der russischen Grenze. "Wir mussten ja schon um elf zurück sein, aber wir haben es verdammt noch mal geschafft, uns bis dahin richtig volllaufen zu lassen", erinnert sich ein Gefreiter, der in einem Außenposten direkt an der russischen Grenze sitzt. Im Winter wird die Zufahrtsstraße nicht geräumt, dann sind die Soldaten hier monatelang eingesperrt. Alkohol gibt es keinen. Auch keine Frauen - außer Leutnant Vivian Halmøy, die den jungen Soldaten vorgesetzt.

Wer hier draußen stationiert ist, der hat ein halbes Jahr härtesten Drills in der Kaserne ausgehalten, ist mit schwerem Gepäck 140 Kilometer Ski gelaufen, hat bei minus 40 Grad im selbstgebauten Unterschlupf übernachtet und ist somit aus anderem Holz geschnitzt als die mehr als 100 Versager, die meist gleich nach der ersten Woche als unbrauchbar nach Süden versetzt werden. Die Truppe an der knapp 200 Kilometer langen Grenze zu Russland ist die Elite des norwegischen Militärs. Und die Soldaten auf dem Außenposten sind stolz auf sich. "Wir haben hier draußen mehr Freiheit als irgendwo sonst im Militär", sagt der Gefreite Olsen. Und mehr Ruhe. In dem kleinen Ort Jakobselv, auf dessen sechs Holzhäuser sie vom Wachturm herunter schauen, wohnt niemand mehr.

Außer Juri. Seit über 20 Jahren hält der 85-Jährige es nun schon allein in dem allerletzten Haus vor dem Eismeer aus. Als seine Frau starb, da gab es noch einen Linienbus nach Jakobselv, es gab im Dorf eine Post, es gab Kühe und Ziegen und sogar drei Nachbarn. Jetzt belebt sich der Ort nur an Sommersonntagen, wenn in der dunklen Kapelle angereiste Pärchen heiraten. Auf dem Friedhof unter der Felswand liegen Juris Frau und seine Eltern begraben. Ihre Steine schmückt das orthodoxe Kreuz; sie waren Russen, vor der Revolution nach Norwegen geflohen.

Geisterdörfer an der Eismeerküste

In Hamningberg lebten während der Fischerei-Saison einst 6000 Menschen. Doch in den 1960er Jahren gab der Staat ihnen Geld, damit sie in die nahe gelegene Stadt Vardø übersiedelten. "Ich erinnere mich genau daran, wie sie hier mit Sack und Pack ankamen", erzählt der Bürgermeister Rolf Mortensen. Damals ahnte er nicht, dass es auch Vardø erwischen würde. Die stolze Festungsanlage auf der Insel in der Barentssee, 1789 vom König zur Stadt erklärt, Ausgangspunkt für Fridtjof Nansens Polarexpedition, jahrhundertelang Mittelpunkt des Handels mit Russland - auch sie gilt dem norwegischen Staat inzwischen als Klotz am Bein. Nacheinander wurden die Post, die Telefongesellschaft, die Luftwaffe und die Zweigstelle der Zentralbank abgezogen, das Krankenhaus hat geschlossen.

Als die Regierung 2001 ankündigte, sie wolle auch den Flughafen und die Seefunkstation dicht machen, setzten sich die Einwohner zur Wehr. "Da wären Menschenleben in Gefahr gewesen," sagt der Bürgermeister. Ohne Flughafen gäbe es ja keine Flugambulanz mehr. Fünf Stunden aber braucht man im Auto in die Klinik von Kirkenes - wenn die Straße nicht gerade wegen Glatteis oder Schneesturm gesperrt wird. Geschlossen trat der Stadtrat zurück und übergab aus Protest seine Geschäfte der Regierung in Oslo.

Mit der Fischerei in Vardø ist es auch nicht mehr so weit her: "Die Hafenwand ist so brüchig, dass du dir das Boot daran kaputt machst", klagt der Fischer Tony Sundkvist, 35, und schiebt sich Kautabak unter die Oberlippe. Die wahre Katastrophe aber sei, dass die großen Trawler aus dem Süden das Eismeer leer fischen dürften, das früher den kleinen Küstenkuttern allein gehörte. Die Trawler haben riesige Gefrierräume und bringen den Fisch direkt in den Süden des Landes. Die Küstenorte des Nordens, einst besiedelt, um den Fisch an Land zu nehmen, werden nicht mehr gebraucht. Und vielen Leuten im Süden erscheint es seither schlichtweg unwirtschaftlich, die Gemeinden im Norden am Leben zu halten. Wer hängt schon an so dunkler, unwirtlicher Heimat?

Ein Symbol

Im Hof der uralten Festung von Vardø, die ihre Eisenkanonen aufs Festland richtet, steht eine mickrige Eberesche; ein dünner Stamm, wenige Äste. Einem Menschen aus dem Süden fällt sie gar nicht auf. Doch sollte er genauer hinsehen: Die kleine Eberesche ist der einzige Baum der windgepeitschten Insel. Seit den 1960er Jahren wurde sie jeden Herbst vom Festungskommandanten feierlich in Sackleinen eingewickelt und in Holz verpackt, auf dass sie nicht erfriere. Und der kleine Baum überlebte, zäh lebte er Jahrzehnte lang, wo Bäume nicht leben können. Im Sommer 2002 aber sprossen keine Blätter mehr. Der kleine Baum war tot. Abgeholzt haben sie ihn nicht.

Aus dem "Geo Special"-Heft 6/2003, "Norwegen"

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