Fischimbiss auf Isle of Man King of the Queenies

Seine Jakobsmuscheln sind die besten auf der Isle of Man. Anthony Barrow serviert die begehrten "Queenies" aus seinem Fish Van, mit dem er über die Insel in der Irischen See tourt. Der frühere Fischer hat sich per Online-Kurs zum Koch fortgebildet.

Olaf Tamm

Von "Mare"-Autor Thomas Byczkowski


Fish and Chips? In seinem Imbiss? "Kannst du vergessen!", raunt Barrow, öffnet die Lederjacke und rückt sein rotes Kopftuch zurecht. Anthony Barrow - graue Haare, zerbeulte Jeans und schmale Lippen - steigt von seiner Honda. Er mache gleich auf, dann könne man ja selbst sehen.

Keine Minute später schwingt die Klappe hoch zum Vordach seines Anhängers: Willkommen bei "Anthony's Fish Van" im Hafen von Peel auf der Isle of Man. Barrow, jetzt mit Kochjacke und karierter Schürze, nimmt die Bestellungen an. Auf dem Menü heute: Jakobsmuscheln, im Inselslang nur Queenies genannt.

"Die Leute hier sind verrückt danach", sagt Barrow. Es gibt Queenie-Festivals, Royal Banquets am Strand und das Golden Queenie Conundrum, eine Schnitzeljagd, bei der einmal im Jahr Tausende Schatzsucher den Strand umgraben auf der Suche nach der goldenen Muschel - und 4000 Pfund Preisgeld. Das hatte ihn auf die Idee gebracht zu seinem Muschelimbiss. Auf der Isle of Man kann man sich sogar am Stehimbiss fühlen wie ein kleiner Lord.

"Ein Kipper Bab!"

Die kaum 50 Kilometer lange Insel mitten in der Irischen See ist autonomer Besitz der britischen Krone. Mit eigener Regierung und eigenem Geld, dem Manx-Pfund. Sie ist berüchtigt als Steueroase und für ein wahnwitziges Motorradrennen und trotz ihrer Unabhängigkeit vom großen Britannien so britisch, wie es England selbst schon lange nicht mehr ist. An der Uferpromenade hinter dem Imbiss stemmen sich wettergeprüfte viktorianische Häuser in den Wind, hinter grauem Gemäuer duckt sich Peel Castle, die Burg am Hafen. Die Szenerie ist garniert mit knallroten Telefonhäuschen.

"Einen Kipper Bab!", schreit einer der Fischer von seinem Boot herüber. "Geht klar, Tony", brüllt Barrow zurück und reicht ihm später das Brötchen mit kalt geräuchertem Hering. Der Hafen von Peel ist Anlaufstelle für alle Muschelfischer, die rund um die Insel riesige Fanggründe abfahren.

Pickled Queenies, eingelegte Jakobsmuscheln nach seinem eigenen Rezept, empfiehlt Barrow als Snack. Schon als Fischer hatte er Queenies gesammelt, wenn sie als Beifang ins Netz gingen, und für seine Kumpel zubereitet. 20 Jahre lang hat er mariniert, gewürzt und herumprobiert. "Und irgendwann hatte ich es dann raus." Seine Queenies wurden zum Renner in den Pubs. Wie er sie macht? Barrow fummelt am Gasherd und nuschelt etwas von "big secret". Immerhin so viel lässt er raus: Cayennepfeffer sei drin und Lorbeerblätter.

Seine Queenies holt der Imbisskoch auf dem Fishyard am Ende der Pier beim jungen Barry Horne. Dort, wo Bulgaren, Rumänen und Polen die Jakobsmuscheln im Akkord zerlegen. Barrow ist 34 Jahre lang zur See gefahren, hat Heringe eingebracht, so lange, bis der Fanggrund leer gefischt und er damit seinen Job los war. Aber Kippers wollten die Leute trotzdem essen: So räucherte er die nächsten sieben Jahre lang Heringe, bis auch die Fabrik in Peel die Tore schloss.

Per Fernstudium zum Master, per Online-Kurs zum Koch

Während es aus dem Imbiss brutzelt und duftet, gleiten die Augen über ein Dutzend Bilderrahmen an der Wand: Zertifikate über Businesslehrgänge, Computerworkshops und Kochdiplome. Verlorenen Gelegenheiten weinte der frühere Fischer offenbar nicht lange nach. "Man muss ja mit der Zeit gehen", sagt er grinsend. Barrow machte im Fernstudium seinen Business-Master und bei der BBC einen Onlinekurs zum Koch. Er kaufte den kleinen Anhänger, stattete ihn mit Spüle, Gasherd, Kühlschrank und Auslage aus. Und malte Fischereiszenen an die Wände, denn "die Winter hier können lang sein". 2010 eröffnete Barrow dann "Anthony's Fish Van" und tourt seitdem über die Insel.

Barrow serviert die Queenies nicht etwa auf Tellern und mit Besteck, sondern imbisslike im Plastikbecher mit Holzstick. Er schiebt sein Kopftuch nach vorn. Jetzt erkennt man darauf das Wappen der Isle of Man: eine Triskele aus drei Beinen. Egal, wie tief ein Manxman, ein Inseleinwohner, fällt, er landet immer auf den Füßen, sagt man hier. Für Barrow stimmt das wohl.

Seine marinierten Queenies schmecken ausgezeichnet. Da grinst er wieder und wird redselig: Die Stadt wolle die Fischindustrie weiter fördern, und es sollen Hallen für neue Geschäftsideen subventioniert werden. "Ich bin der Erste auf der Liste", sagt er. Dann will er im großen Stil produzieren.


Rezept für Anthonys Pickled Queenies mit Speck

Zutaten (für 4 Personen)

500 g Jakobsmuscheln, 5 Streifen Frühstücksspeck, eine geheime Zutat (vermutlich ein Schuss Zitrone). Marinade: 100 ml Wasser, 20 ml Weißwein, 3 Lorbeerblätter, Cayennepfeffer.

Zubereitung

Marinade aufkochen, die Queenies zehn Minuten darin dünsten, dann herausnehmen. Speck anbraten, die Muscheln dazugeben, kurz weiterbraten, Zitronensaft darübergeben und servieren.

Aus dem aktuellen "Mare"-Heft No. 97, April/Mai 2013

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