Fluglotsenstreik in Spanien Regierung ruft Notstand aus

Chaos auf Spaniens Flughäfen: Wegen des Fluglotsenstreiks sitzen Tausende Passagiere fest, das Militär übernahm die Kontrolle über den Luftraum. Mehrere Fluglinien strichen alle Flüge bis Sonntag. Nun erklärt die Regierung den Notstand - und droht den Lotsen mit Gefängnisstrafen.
Fluglotsenstreik in Spanien: Regierung ruft Notstand aus

Fluglotsenstreik in Spanien: Regierung ruft Notstand aus

Foto: JUAN MEDINA/ REUTERS

Madrid - In der Nacht hatte das Militär bereits die Flugsicherung übernommen, jetzt hat die spanische Regierung aufgrund eines wilden Streiks der Fluglotsen den Alarmzustand ausgerufen. Wie Innenminister Alfredo Pérez Rubalcaba am Samstag mitteilte, werden die Lotsen damit dem Militärrecht unterstellt. Wenn sie der Anordnung zur Wiederaufnahme der Arbeit nicht Folge leisten, können die Lotsen wegen Befehlsverweigerung in Schnellverfahren nach militärischem Recht zu langjährigen Haftstrafen verurteilt werden.

"Wir haben gesagt, wenn sich die Situation nicht normalisiert, wird die Regierung den Notstand verhängen", sagte der stellvertretende Ministerpräsident Alfredo Pérez Rubalcaba. "Es ist offensichtlich, dass sich die Situation nicht normalisiert hat." Sollten die Fluglotsen nicht an ihre Arbeitsplätze zurückkehren, würden sofort Strafverfahren eingeleitet, die mit Gefängnisstrafen enden könnten.

Mit ihrem wilden Streik brachten die Fluglotsen den Flugverkehr über Spanien beinahe vollständig zum Erliegen. Die Flughafenbehörde AENA erklärte, 90 Prozent ihrer Fluglotsen hätten entweder ihre Arbeitsplätze verlassen oder seien nicht zum Dienst aufgetaucht.

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Spaniens Fluglotsen streiken: Warten am Gepäckband

Foto: Jasper Juinen/ Getty Images

Acht spanische Flughäfen - in Madrid, Barcelona, Mallorca, Menorca, Ibiza und auf den Kanarischen Inseln - hatten wegen des nicht genehmigten Ausstandes am Freitagabend schließen müssen, mindestens 330.000 Reisende saßen vor einem verlängerten Wochenende fest. Viele Passagiere mussten nach stundenlangem Warten entweder nach Hause zurückkehren oder sich in Hotels einbuchen, viele übernachteten am Flughafen.

Nur wenige Stunden vor dem Ausstand hatte die Regierung weitere Sparmaßnahmen gebilligt, um den zunehmenden Druck der Anleger angesichts der angespannten Haushaltslage zu entschärfen. Vorgesehen ist unter anderem die teilweise Privatisierung von Flughäfen. Die Fluglotsen verhandeln schon lange mit der AENA über ihre Löhne, die Arbeitsbedingungen und Vergünstigungen. Nach Angaben der Fluglotsengewerkschaft haben deren Mitglieder die Maximalarbeitszeit bereits seit Wochen erreicht. AENA-Chef Juan Ignacio Lema warf den Fluglotsen vor, die spanische Bevölkerung zu erpressen.

Luftraum bleibt bis Sonntag geschlossen

Der spanische Luftraum bleibt bis Sonntag geschlossen, gab Innenminister Alfredo Pérez Rubalcaba am Samstag nach einer Krisensitzung der Regierung bekannt. Die Flughafenbehörde AENA hatte den Luftraum am Samstag zunächst bis 12.00 Uhr geschlossen und die Sperre später bis 19.00 Uhr verlängert.

Von den zum Dienst eingeteilten Fluglotsen war nur ein kleiner Teil in den Kontrolltürmen erschienen. Mehrere Lotsen weigerten sich zudem, die Arbeit aufzunehmen, weil sie sich "nicht wohl" fühlten. Auf den spanischen Airports waren für Samstag 4300 Flüge vorgesehen gewesen. Am Vortag waren wegen des nicht angemeldeten Lotsenstreiks mehr als 2000 Flüge ausgefallen.

Wann der Großflughafen von Madrid und die Flughäfen in den beliebten Urlaubszielen Ibiza, Palma de Mallorca und Menorca wieder geöffnet werden, ist bisher nicht bekannt. In Madrid teilte ein Sprecher der spanischen Flughafenbehörde AENA mit, dass der Flugverkehr am Samstagvormittag im ganzen Land weiter lahmgelegt sei. "Die Situation ist die gleiche wie gestern. Es gibt keine Flüge", erklärte der Sprecher. Die spanische Fluggesellschaft Iberia teilte mit, alle Flüge seien bis Sonntagabend gestrichen.

Tausende Flugreisende betroffen

Das Touristik-Unternehmen TUI teilte mit, dass es derzeit mehr als 2000 Gäste in Spanien betreue, die wegen des wilden Streiks ihren Rückflug nicht hätten antreten können. Sie warteten in ihren Urlaubshotels. Auch alle Gäste, die auf den Umsteigeflughäfen Las Palmas de Gran Canaria und Palma de Mallorca ihren Weiterflug nicht hätten antreten können, seien in Hotels untergebracht worden.

Am Samstag wollten insgesamt 6400 TUI-Kunden aus Spanien nach Deutschland fliegen, wie das Unternehmen weiter mitteilte. Auch Tausende Menschen, die eine Reise nach Spanien antreten wollten, waren von dem Streik betroffen. 5200 TUI-Kunden hätten für Samstag einen Spanien-Flug geplant, hieß es in der Erklärung. Der spanische Luftraum solle voraussichtlich bis 18.00 Uhr geschlossen bleiben. Zudem sei auch nach dem Ende der Streiks "mit erheblichen Verzögerungen" im Flugverkehr zu rechnen.

Seit Beginn des Ausstandes am Freitagabend mussten am Flughafen in Frankfurt am Main 14 Starts annulliert werden, sagte ein Sprecher des Flughafenbetreibers Fraport. Planmäßig sollten am Samstag rund 30 Passagiermaschinen in Richtung Spanien abheben. In Düsseldorf fielen am Samstagmorgen mehrere Flüge mit Zielen auf dem spanischen Festland aus. Flüge zu den kanarischen Inseln oder nach Mallorca wurden zunächst verschoben.

"Wir können den Passagieren nur empfehlen, sich an die Fluggesellschaften zu wenden", sagte eine Sprecherin des Düsseldorfer Flughafens. Am Flughafen selbst sei die Situation relativ ruhig. Es gebe weder Chaos noch lange Schlangen. Am Flughafen Köln-Bonn waren Flüge in Richtung Spanien laut Abflugplan im Internet ebenfalls zum Teil mehrere Stunden verspätet.

Auch britische Flugreisende sind betroffen. Die irische Billigfluggesellschaft Ryanair strich am Samstag alle Flüge nach und aus Spanien bis Sonntagnachmittag. Für den frühen Samstagabend kündigte Ryanair neue Informationen auf der Firmenwebsite an. Nach Informationen des "Daily Telegraph" seien Tausende Briten betroffen. Die Luftverbindung zwischen Spanien und Großbritannien ist mit jährlich 35 Millionen Passagieren eine der am häufigsten genutzten in Europa.

bac/dpa/dapd/rtr
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