Fotostrecke Lomographie Schüsse aus der Hüfte

Unter den in Berlin akkreditierten Botschaftern ist Joachim Trapp eine ungewöhnliche Erscheinung: Er repräsentiert keine Nation, sondern eine Idee. Trapp propagiert das sucherlose Fotografieren und empfiehlt, statt mit der Spiegelreflex- die Welt mit der Lomo-Kamera zu bereisen.


Lomographen suchen eine eigene Bildästhetik
Lomographic Society / GMS

Lomographen suchen eine eigene Bildästhetik

Knapp zehn Jahre ist es her, dass zwei Wiener Studenten in einem Prager Trödelladen eine kleine Kamera aufstöberten. Sie war sowjetischer Bauart, hatte den antiquierten Charme eines Trabbis und ebenso wie dieser kaum eine Zukunft. Doch die Bilder, die der Lomo Kompact Automat lieferte, gaben Anlass zum Staunen: Sie waren zwar unscharf und auch sonst nach herkömmlichen Maßstäben komplett misslungen - den beiden Wienern wollte es aber scheinen, als ob ihnen mit dem skurrilen Apparat aus den frühen achtziger Jahren eine neue Bildästhetik gelungen sei: irgendwie frisch und anders, radikal impressionistisch. Das lag freilich weniger an der Kamera als vielmehr an der Art und Weise, wie sie bedient worden war: Da die Technik ohnehin nicht vertrauenswürdig schien, hatten die Fotografen der Einfachheit halber aus der Hüfte geschossen.

Mehr als 500.000 Lomographen soll es inzwischen geben. Aus dem Studenten-Spaß von einst ist ein florierendes Unternehmen mit rund 70 Mitarbeitern geworden. In der "Lomographic Society International" in Wien laufen die Fäden zusammen. Hier werden die weltweiten Lomo-Aktivitäten organisiert und die Mottos ausgegeben, nach denen die Hüft-Fotografierer ausströmen und Schnappschüsse sammeln. Denn die Gruppendynamik ist ein wichtiger Beweggrund der Lomographen: In Bewegung sein, in Bewegung bleiben - da macht es auch nichts, wenn die Fotos verwackeln.

Zuletzt wurden die Lomographic Sampling Games 2001 ausgerufen. "Get the Eel - Fang den Aal" - so die Devise, mit der die deutschen Lomo-Botschafter Ingeborg Jaiser und Lothar Schmidt ihre Lomo-Gemeinde zu Kreativität aufriefen. Mit der Kamera in der Hand, versteht sich. In nationalen Wettbewerben können sich die pfiffigsten Lomographen noch bis September für die Endausscheidung qualifizieren und dann eine Woche lang auf der Donau gen Belgrad schippern. Von Wien über Bratislava und Budapest geht die Reise nach Novi Sad.

Im vergangenen Jahr reisten rund drei Dutzend Lomographen nach Tokio. Nach dem Motto "Zehn Tage wilde Shootings und heiße Partys in Fernost" wurden dort die Lomolympics abgehalten - vulgo: ein internationaler Lomo-Fotowettbewerb. Obwohl sich überzeugte Lomographen gegen die Unterscheidung von gut und schlecht wehren, lässt sich zu den Bildern doch so viel sagen: Eine klassische Lomographie ist klein und ungewöhnlich bunt, die Auswahl der Motive ist dabei beliebig: Meist sind fröhliche Menschen zu sehen, ob schön oder hässlich spielt dabei Rolle. Gelegentlich sind fettige Pommes frites drauf oder auch erstaunte Hunde. Den Lomographen scheint alles zu reizen, was dem üblichen Blickwinkel entgeht - daher die vielen angeschnittenen Köpfe und mutwilligen Unschärfen, und im Grunde egal ob aus Tokio oder Wanne-Eikel.

Bei der Lomo bloß nicht durch den Sucher gucken!
Lomographic Society / GMS

Bei der Lomo bloß nicht durch den Sucher gucken!

Botschafter Trapp sitzt derweil in einem alten Ohrensessel barfuß vor seiner Repräsentanz auf der Straße und lässt die Szene am Prenzlauer Berg an sich vorbeiziehen. Trapp kann sich Extravaganzen leisten. Denn die allererste Lomo-Regel lautet: "Vergiss alle Regeln!"



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