Frankreich Das "blaue Gold" der Provence

"Der Lavendel ist die Seele der Haute Provence", so hat es der südfranzösische Schriftsteller Jean Giono einmal formuliert. Die auch in der Medizin geschätzte Pflanze erlebt derzeit eine Renaissance. Wie alles Mediterrane liegt der schon den Ägyptern bekannte Lavendel ganz im Trend eines "natürlichen" Lebens.


"Blaues Gold": schon die alten Römer wussten den Lavendelduft zu schätzen
GMS

"Blaues Gold": schon die alten Römer wussten den Lavendelduft zu schätzen

Sault - Kein Garten an der Côte d'Azur, der auf den Lippenblütler verzichten könnte. Und in den Voralpen des Südens, in den Tälern des Lure-Gebirges sowie auf der Valensole-Ebene geben die leuchtend-violetten Lavendelblüten einen markanten Kontrast zu dem roten Mohn und den grellgelben Getreidefeldern ab.

Nach der Ernte im Sommer geht ein betörender Duft von den hochprovenzalischen Dörfern aus. Ein leichter Wind weht das, was da aus Bauernhöfen ins Freie strömt, durch die Olivenhaine in die engen Täler. Es riecht wie nach Parfüm. Von den Feldern verschwunden sind dann die in endlos langen Reihen gepflanzten Lavendel-Büschel, die je nach Sonnenstand mal blau und mal malvenfarben schimmerten. Das Auge hat sich daran erfreut. Jetzt kommt die Nase in den Genuss. Denn die Lavendel-Anbauer destillieren die attraktiven Blüten zu einer wohlriechenden Essenz. Im südostfranzösischen Grasse warten die Meister der Parfümherstellung bereits auf die diesjährige Ernte.

"La vraie" - für einen Liter echten Lavendelöls werden etwa 130 Kilogramm der blauen Blüten verarbeitet
GMS

"La vraie" - für einen Liter echten Lavendelöls werden etwa 130 Kilogramm der blauen Blüten verarbeitet

Provenzalische Landwirte sind dankbar, mit dem Lavendel einen passablen Ersatz für den schwindenden Getreideanbau ausgemacht zu haben. "Schon als Kind habe ich mich immer bei den Destillierkolben herumgetrieben", erinnert sich Philippe Soguel, der mitten in der Oliven-Region Nyons eine Destillerie betreibt. "Ich wollte nicht, dass diese Welt des Wohlgeruchs verschwindet." Das Geschäft läuft auch für den Kräuter-Experten Bernard Laget in Buis-les-Baronnies hochtourig: "Ich biete als einziger in der Region ein ganz feines Öl von einem Lavendel an, der auf 1200 Metern Höhe wächst."

Für Provence-Reisende gibt es das "Musée de la Lavande" in dem Vaucluse-Ort Coustellet. Die Familie Lincelé, die seit Generationen in den Monts du Vaucluse das echte, ätherische Lavendelöl produziert, führt im Museum vor, wie die Lavendel-Blüten seit 400 Jahren in der Provence destilliert werden. Auf seinem Hof Château du Bois erntet Jack Lincelé 80 Hektar Lavendel mit dem AOC-Herkunftssiegel. Denn in Heilkunde und Kosmetik wird immer mehr auf Qualitätslavendel gesetzt.

Seele der Haute Provence - Lavendel wird in langen Reihen und in Lagen zwischen 500 und 1500 Metern Höhe angepflanzt
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Seele der Haute Provence - Lavendel wird in langen Reihen und in Lagen zwischen 500 und 1500 Metern Höhe angepflanzt

Südfranzösische Gärten mit Lavendelkulturen, Ausstellungen und Feste rund um den Lippenblütler klären interessierte Laien über die feinen Unterschiede zwischen dem "echten" Lavendel und dem weit verbreiteten Lavandin auf. Kleine Büschel weist der "echte" Lavendel auf, der sich in Höhen von 500 bis etwa 1500 Metern über dem Meeresspiegel am wohlsten fühlt. Er wächst oft an Hängen - so in den Bergen von Albion und Lure bei Sault - und muss dann mühsam mit der Sichel geerntet werden. Daneben gibt es den so genannten Aspiklavendel, der es wärmer mag, also auf niedrigeren Feldern wächst. Er riecht etwas streng nach Kampfer und muss deshalb als Verdünnungsmittel etwa für Ölfarben herhalten.

Der große Konkurrent des "echten" Lavendels ist der hybride Lavandin. Die Kreuzung zwischen dem feinen Lavendel und dem Aspiklavendel verspricht raschen und hohen Ertrag. "Daraus werden die kleinen Lavendel-Duftsäckchen gemacht", erzählt die Familie Lincelé. Sie lässt keine Gelegenheit aus, den Qualitätsunterschied zu betonen.

Wer, berauscht von der Farbpracht der Felder, bei Ferrassières oder Revest-du-Bion stoppt, um der Provenzalin am Straßenrand eine kleine Flasche abzukaufen, der sollte den Unterschied kennen und beim Preis auf der Hut sein. Für einen Liter vom echten "lavande fine" braucht man immerhin etwa 130 Kilogramm der blauen Blüten. Bei dem aromatisch stärkeren, minderwertigeren Lavandin reichen dagegen 40 Kilogramm.

"La vraie", also das wirklich echte Lavendelöl, das kaufen die Hersteller von Parfüms und Luxusseifen in Grasse fast zum Goldpreis ein. Den geklonten, industriell verarbeiteten Lavandin überlassen sie denen, die damit auch die Waschmittel sowie andere Haushaltsprodukte parfümieren. Wer etwas mehr auf den oft attraktiven Nebenstraßen in der Haute-Provence, der Vaucluse oder im Drôme-Gebiet reist, der kann sich leicht vom Comeback des echten Lavendels überzeugen. In den neunziger Jahren kurbelte ein EU-Programm gegen die Landflucht im Süden die Produktion des hochwertigen AOC-Lavendelöls an - heute ist Frankreich mit über 60 Tonnen jährlich wieder weltweit Spitze.

Schon die Römer wussten den subtilen Lavendelduft zu schätzen. Ein Tropfen kam ins Badewasser, ein zweiter an die frische Wäsche. Seit Jahrtausenden dient das mediterrane Wundermittel für Aromatherapien. Das pure Öl beruhigt und hilft gegen schlaflose Nächte. Es lindert Halsschmerzen, Erkältungen, Migräne und desinfiziert Wunden oder Ekzeme. Einige Blüten, auf der Haut zerrieben, wappnen gegen Insekten. Keine Frage: Lavendel fügt sich bestens ein in den gegenwärtigen Trend zur sanften Medizin und zurück zu "Omas Arznei".

Nicht nur in Honig und Sorbets, Kräutertees und dem französischen Edel-Dessert "Crème brulée" wird der vielseitig verwendbare Lavendel von Feinschmeckern geschätzt. In provenzalischen Rezepten verfeinert er inzwischen auch manche Lammkeule aus der Agneau-Hochburg Sisteron.

Zusammen mit dem Olivenbaum ist der Lavendel aus der mediterranen Landschaft schlichtweg nicht wegzudenken. Beide haben ihren eigenen Charakter und tragen zu einem Wohlbefinden der Sinne wie des Körpers bei. Im Mittelalter war den Mönchen sonnenklar, warum sie Rebstöcke und Olivenbäume pflegten. Und nicht nur die Brüder der Abtei von Sénanque pflanzten neben Thymian und Bohnenkraut auch Lavendel an.

Hanns-Jochen Kaffsack, gms



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