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21. November 2014, 13:27 Uhr

Kanarische Inseln

Der einsamste Ort Fuerteventuras

Von Oliver Lück

Viele Ziegen, 15 Bewohner, keine Geschäfte: Cofete auf Fuerteventura ist ein seltsamer, menschenleerer Ort auf einer ansonsten überfüllten Insel. Weil nichts passiert, erzählt man sich dort Geschichten - über Außerirdische und Nazi-Offiziere.

Cofete ist ein seltsamer Küstenort. Er ist einsam. Und dennoch ist es dort nie ganz still. Es muss an den Geräuschen liegen, dass sich die Menschen aus Cofete, an der windigen Südwestspitze Fuerteventuras, immer neue Geschichten ausdenken. Am Donnern der Wellen, das wie ein Riese klingt, der mit schweren Brocken spielt. Am Heulen des Windes, das sich wie ein Lied aus der Hölle anhört. Am Meckern der Ziegen, das manchmal so heiser ist, dass man es mit dem Krächzen der Möwen verwechselt.

Weil es an diesem Ort so wenig gibt, bekommt alles eine Stimme. Und eine Bedeutung. Dann erzählt man sich Geschichten, die von Menschen und dem Meer handeln. Und irgendwann ist es auch gar nicht mehr wichtig, ob diese Erzählungen wahr sind oder ausgedacht.

Das Navi sucht noch, da endet der Weg in Cofete

Kurz hinter Morro Jable, der Touristenstadt an der Südküste, wo 8000 Menschen leben und es doppelt so viele Betten für Besucher gibt, führt eine kurvige Straße hinaus in die steinige Wüste. Es existiert nur diese Straße. Und sie verwandelt sich schon bald. Aus Asphalt werden Steine. Sand kommt dazu. Aus dem Schotterweg wird eine schlaglochgepflasterte Piste. Aus der Piste wird nichts. Zwanzig Kilometer. Die Hilfe aus dem Weltraum kapituliert kurz vor dem Weltende. Das Navi sucht noch immer nach einer Verbindung, da endet der Weg in Cofete.

Eigentlich gibt es das Dorf gar nicht mehr. Im Jahr 1960 oder kurz danach ist es ganz offiziell aus dem Inselregister verschwunden - zu wenige Menschen. Einige sind doch noch da. Die wenigen Häuser und vielen einfachen Hütten gehen vor der Wucht des Atlantiks und den stetigen Westwinden hinter dem Aldea de Cofete in Deckung. Aleda ist ein vielleicht 100 Meter hoher Hügel, auf dem ein kleines Windrad steht, das sich unaufhörlich dreht und die einzige Bar des Dorfes mit Strom versorgt. Auf der anderen Seite steht das Jandía-Massiv auf über 800 Metern. Nirgendwo sonst auf der Insel geht es höher hinauf.

Viele Ziegen, 15 Bewohner, keine Geschäfte

Viele Ziegen, wenige Menschen. 15 ständige Bewohner. Keine Hotels, keine Geschäfte. Keine Eisverkäufer am Strand. Nur ab und zu mal eine Schlagzeile, dass wieder ein lebensmüder Tourist in der meterhohen Brandung und der gefährlichen Strömung ertrunken ist. Mehr passiert hier nicht. Wobei - vor wenigen Monaten hat das Dorf seine ersten Straßenlaternen bekommen. Elf solarbetriebene Leuchten. Welche, die nur nach unten strahlen, damit sie den klaren Sternenhimmel nicht verschmutzen. Zur Einweihung hat es ein kleines Fest gegeben.

Etwas außerhalb, gut sichtbar am Hang, steht diese verlassene, halb verfallene und nie fertig gebaute Villa, ein zweigeschossiger Bau mit einem weißen Türmchen und schwarzen Fensterhöhlen. Die Villa Winter. Hier in Cofete erzählt man sich die eigenartigsten Geschichten über das Haus und seinen früheren Besitzer. Der Deutsche Gustav Winter soll es in den späten Dreißigerjahren gebaut haben. Er hatte damals die gesamte Halbinsel gepachtet. Nazi-Offiziere. Deutsche U-Boote. Außerirdische. Aber das sind bloß Geschichten. Wer an Geister glauben mag, hat in Cofete einen schönen Platz gefunden. Unten am Strand gibt es auch einen kleinen Friedhof, dessen niedrige Mauer von Jahr zu Jahr mehr einstürzt, dessen Gräber der Sand begräbt.

Mehr als zehn Kilometer zieht sich der breite Sandstrand nach Norden. Er steht unter Naturschutz und darf nicht bebaut werden. Und man muss gar nicht so lange warten, dann kommen auch interessante Menschen, die man fragen kann, warum sie an die Playa de Cofete kommen. Mónica zum Beispiel, die Schildkrötenfrau. Sie trägt dunkelbraune, schulterlange Haare, die sie zu einem Zopf gebunden hat, eine Sonnenbrille und die graue Uniform der Umweltbehörde. Sie ist da, um nach den Nistplätzen zu sehen. "Vor langer Zeit", erzählt sie, "nisteten Schildkröten überall an den Stränden der Insel. Durch den wachsenden Tourismus aber fanden sie nicht mehr die nötige Ruhe, um sicher zu brüten." Die Brutstätten verschwanden, dann auch die Schildkröten.

Eine Kontaktbörse an einem menschenleeren Ort

Nun werden jedes Jahr frisch gelegte Eier von den Kapverdischen Inseln eingeflogen und an den Strand von Cofete gebracht. "Hier vergraben wir sie, bis der Nachwuchs schlüpft." Jeden Tag sieht Mónica in der Aufzuchtstation in Morro Jable nach ihren Schützlingen. Drei Jahre lang, bis sie groß genug sind, um sicher zu überleben. "Da lernt man sich kennen." Und einmal im Jahr, erzählt die bald 50-Jährige, werden in Cofete Schildkröten in die Freiheit entlassen. Die Tiere krabbeln über den breiten Strand zum Meer. Meist hundert Schaulustige bilden ein Spalier, klatschen und johlen. Doch nun müsse sie los, sagt Mónica, "nach den Eiern sehen".

Zurück in Cofete. In der einzigen Bar, die auch ein Restaurant ist, wo es Ziegenfleisch und Fisch gibt, hängt neben dem Tresen eine Pinnwand. Visitenkarten von Tischlern und Webdesignern, die Arbeit suchen. Telefonnummern von Heiratswilligen. Zettelchen mit Sprüchen von Urlaubern, die hier eine Fischsuppe gegessen und Grüße hinterlassen haben. Manche der Nachrichten sind zehn Jahre und älter. Eine Kontaktbörse an einem Ort, an dem kaum Menschen sind, kann verstörend wirken. Und dazu passt auch der Mann, der am Tresen sitzt und aussieht wie Pedro Almodóvar persönlich. Er sagt: "Menschen, die nach Cofete kommen, kommen immer wieder." Und er sagt auch: "Cofete ist Cofete, da kann man noch so viel erzählen und beschreiben. Das bringt alles nichts." Versuchen wir es trotzdem: Cofete ist, wie viele Orte gerne sein würden: anders.

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