Premier-League-Tourismus Was für ein Kick!

Die meisten Stars, unfassbar viel Geld, die legendärsten Stadien: Die englische Premier League gilt als die attraktivste Fußballliga der Welt. Harald Braun wollte endlich live sehen, was es mit dem Hype auf sich hat - und brauchte starke Nerven.

Marc-Philipp Päper

Mag ja sein, dass die englische Premier League die größte Fußballliga auf der ganzen Welt ist. Das muss aber nicht heißen, dass die Superstars vom FC Arsenal nach ihrem Match bei Newcastle United auch heiß duschen werden.

Wenn es nach Richard ginge, bliebe das Wasser in der Gästekabine kalt, verdient hätten es die Londoner Schnösel nicht besser, findet er. Richard ist Stadion-Guide in Diensten von Newcastle United und zeigt uns das Innere des St. James Parks, einer gewaltig anmutenden Fußballkathedrale, die sich mitten in den Stadtkern der ehemaligen Kohlehochburg Newcastle-upon-Tyne gefräst hat.

Als Richard durch die muffigen Umkleidekabinen der Gästemannschaften im St. James Park führt, zitiert er Bobby Robson, den ehemaligen englischen Nationaltrainer und Manager von Newcastle United: "Das gegnerische Team ist nur ein paar Stunden in Newcastle - in dieser Zeit wollen wir ihm das Leben zur Hölle machen." Zu solch einer apokalyptischen Erfahrung scheint zu gehören, dass sich die Gästeteams in einer Art Kartoffelkeller umziehen müssen, den man eher in der Kreisliga auf dem Dorf erwartet, nicht unbedingt bei einem Verein der englischen Premier League.

Eine Mischung aus Sängerwettstreit und Rummelboxen

Newcastle United hätte eigentlich schon an diesem Samstag gegen den FC Arsenal spielen sollen, doch weil das Spiel kurzfristig auf Sonntag verlegt wurde, habe ich jetzt ein Problem. Ich bin Freitagabend aus Amsterdam auf der Nachtfähre nach Newcastle geschippert, um endlich live zu sehen, was es mit dem Hype um die Premier League auf sich hat. Im Fernsehen wirkt englischer Fußball stets wie eine Mischung aus Sängerwettstreit und Rummelboxen mit dosiert eingestreuten Einlagen von Spitzenfußball. Um das mit eigenen Augen zu erleben, habe ich mir trotz latenter Seekrankheit eine 15-stündige Fahrt auf der Fähre zugemutet.

Der Plan: Am Samstag Newcastle gegen Arsenal im St. James Park ansehen, abends ein paar Erfrischungsgetränke in Newcastle, einer der wildesten Party-Metropolen Englands, wie man hört. Am nächsten Tag soll es weitergehen nach Manchester, wo sich ManCity mit dem Aufsteiger FC Watford um Punkte balgt. Das erste Spiel aber kann ich schon mal vergessen.

Immerhin erweist sich das raue Newcastle am Abend als fröhliche Stadt, in den Pubs wird beinahe so viel gesungen wie getrunken. Das Team von United ist die Ersatzreligion der rund 300.000 Einwohner, das benachbarte Sunderland und dessen Truppe hingegen der Inbegriff des Bösen. Wer das verinnerlicht, findet hier schnell Freunde.

Mit Newcastle Brown Ale spüle ich die Enttäuschung über die Spielverschiebung schnell hinunter: So ist das eben, wenn eine Menge Geld im Spiel ist. Die Premier League bezieht ihre Einkünfte zu einem beträchtlichen Teil von den beiden Pay-TV-Anstalten BSkyB und British Telecom. Und wer zahlt, schafft an - oder, in diesem Fall, terminiert die Spiele so, dass sie in den eigenen Sendeplan passen.

Spielbezogene Unterstützung? Im Stadion selten.

Für DFDS Seaways, den Veranstalter meiner "Premier League Fußball Reise", ist das auch kein Spaß. Es komme aber sehr selten vor, sagt Marc-Philipp Päper, der deutsche PR-Manager der dänischen Reederei. Sein Unternehmen kooperiert seit zehn Jahren mit den beiden Vereinen Sunderland und Newcastle, erstmals seit dieser Saison sind auch die Spiele von Manchester City im Angebot. Solch ein Kickertrip geht in Sunderland bei 169 Euro inklusive Überfahrt und Hotel los, bei Spielen in Manchester ab 299 Euro.

DFDS Seaways ist nicht der einzige Anbieter solcher Trips. Auch Portale wie Die-Fußballreise.de oder der Klassiker Vietentours bieten Reisen für Fußballfans an. Der neue Markt boomt, und diese Entwicklung wird in den kommenden Jahren nicht abebben, wenn die englischen Vereine mit noch mehr Geld noch mehr berühmte Kicker in die Liga locken.

Im Etihad-Stadion in Manchester sehen am Sonntag dann rund 50.000 singende Fans den Bemühungen des Aufsteigers aus Watford zu, gegen ManCity nicht völlig baden zu gehen. Während der gesamten 90 Minuten reiht sich ein Song an den nächsten. Trotzdem ist die Atmosphäre merkwürdig: Stehplätze und Fahnen sind nicht erlaubt, Einpeitscher und Ultra-Choreografien, wie in deutschen Stadien üblich, sind auch nicht zu sehen. Spielbezogener Support? Selten.

Irgendwie beeindruckend

Da das Spiel von Watford - übrigens mit dem Ex-HSV-Stinkstiefel Behrami und dem Bremer Ausputzer Prödl - an diesem Tag auch nicht unbedingt dazu angetan ist, Fußballgourmets in Entzückung zu versetzen, bleibt der Eindruck ambivalent: Die Atmosphäre im Etihad-Stadion, ja gut: schon irgendwie beeindruckend. Aber eher große Oper als vitales Hard-Rock-Event.

Das kann aber auch dran gelegen haben, dass mich eine Überdosis Fußball im Vorfeld des Spiels schon abgefüllt hat: Den Morgen verbrachte ich im National Football Museum in der Innenstadt Manchesters, wo man alles über den englischen Fußball und seine überragende Bedeutung für den Rest der Welt erfährt - und außerdem am Elfmeter-Shoot-out gegen andere Besucher des Museums antreten kann.

Selbst in meinem Hotel in unmittelbarer Nachbarschaft des Old-Trafford-Stadions, der Heimstätte des City-Rivalen Manchester United, drehte sich alles um den Ball. Es heißt der Einfachheit halber auch gleich Football Hotel, auf der Dachterrasse kann man auf Kunstrasen kicken und im Restaurant auf Monitoren sehen, was mit dem Fußball in aller Welt los ist. Und wer damit leben kann, dass einem beim Blick aus dem Fenster das überlebensgroße Konterfei von Bastian Schweinsteiger entgegenspringt, dürfte hier Spaß haben.

Im Etihad-Stadion übrigens wurden in der Halbzeitpause des Spiels Ausschnitte der anderen Premier League-Spiele gezeigt, die zu diesem Zeitpunkt bereits zu Ende waren: Arsenal gewann in Newcastle 1:0. Was den Fußball anbetraf, blieb an diesem Wochenende in Nordengland also wirklich nur noch eine einzige Frage offen: Haben die Spieler von Arsenal in Newcastle wirklich kalt duschen müssen?

Harald Braun ist als freier Autor für SPIEGEL ONLINE tätig. Die Reise erfolgte mit Unterstützung von VisitBritain, DFDS Seaways, VisitManchester und der NewcastleGateshead Initiative.

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
ofelas 11.09.2015
1. Cockney
kommen aus Ost London, somit nicht aus Newcastle.....das sind Jordies
knud85 11.09.2015
2. Bundesliga
Ich habe schon einige Spiele in der Premiere League besucht und einige mehr in der Deutschen Bundesliga. Ich kann euch sagen, dass aus meiner Sicht die Bundesliga viel intressanter ist. Und in Sache Stimmung steht Ihr den Engländer in nichts nach! Zudem ist das Preis- Leistungsverhältnis in Deutschland sehr gut, in England sind die Preise einfach übertrieben. Deshalb geniesst eure Liga! Grüsse aus der Schweiz
hador2 11.09.2015
3. Cockney Metropole?
Newcastle als Cockney Metropole zu bezeichnen ist mutig. Das sollte man den Geordies (so nennen sich die Einwohner der Region Newcastle) eher nicht ins Gesicht sagen...
Bueckstueck 11.09.2015
4. Was fehlt?
"Die meisten Stars, unfassbar viel Geld, die legendärsten Stadien" Alleine der wirklich gute Fussball fehlt, den man bei oben stehendem Satz erwarten dürfte.
SamTex 11.09.2015
5.
Zitat: "Während der gesamten 90 Minuten reiht sich ein Song an den nächsten" Im Etihad? Sehr unwahrscheinlich...
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