Musikfestival auf den Färöern Ein Lied auf den Nebel

Das G!-Festival auf den Färöer-Inseln ist eines der ungewöhnlichsten Events in Nordeuropa - nicht nur wegen der überfluteten Bühnen.

Knut M. Jarnskor

Von Alva Gehrmann


Welle für Welle saugt der Atlantik den hellen Sandstrand auf. Immer mehr der rund 500 Zuschauer bekommen nasse Füße, während die heimische Band Marius Ziska ihre sanften Popsongs spielt.

Eigentlich müssten es die Veranstalter des G!-Festivals besser wissen. In fünf von sechs Jahren wurde die Hauptbühne am Strand überflutet. Und doch bauen sie sie jedes Jahr wieder an genau derselben Stelle auf. Es könnte ja diesmal gut gehen.

"The Land of Maybe" nannten die Briten einst die Färöer-Inseln. Denn man muss hier, im weiten Nordatlantik - rund 600 Kilometer westlich von Norwegen und 430 Kilometer südöstlich von Island - seine Pläne öfter über Bord werfen. Da das Meer auf den 18 kleinen Inseln immer in Sichtweite ist, fühlt es sich an, als wäre man auf einem Schiff. So auch in Syrugøta, wo jedes Jahr das dreitägige Musikfestival stattfindet - in diesem Jahr startet es am 14. Juli.

Während Hans Marius Ziska seinen Song "Going Home" singt, springen etliche Wagemutige bei acht Grad Celsius Wassertemperatur ins Meer. Und wärmen sich danach in einem der beheizten Holzbassins auf, die am Strand in der Nähe der Bühne stehen. Im Song heißt es:

The water is cold but soft and kindly giving life to all.
E
mbraces all the living.
I'm going home.
I'm leaving all my sorrows.

Nach dem letzten Lied laufen die Zuschauer eilig über die schnell bereitgelegten Bretterpaletten zur asphaltierten Straße hinauf. "Wir haben die Wellen von der Bühne aus gesehen, dachten aber nicht, dass es so knapp wird", sagt der 33-Jährige. Eigentlich sollte jetzt ihre befreundete Musikerin Eivør spielen, doch das Konzert wird auf den nächsten Tag verschoben. Am Strand schaufelt ein Anwohner mit seinem Bagger einen Schutzwall aus Sand.

Travis, Mugison und die Omas

Da es in Syrugøta auf der Insel Eysturoy keine Hotels gibt, schlafen die Festivalbesucher entweder auf den Sofas der rund 400 Dorfbewohner oder zelten. Für wenige Tage werden die Bands und Besucher so zum Teil ihrer Gemeinde. Inklusive des Tratsches. Etwa, dass ein Mann seiner Frau zuliebe nach langem Streit seine Hausfassade leuchtend lila gestrichen habe, sie ihn dann aber doch mitten beim Anstrich verließ.

Gastfamilie
Alva Gehrmann

Gastfamilie

Die Färöer Carla und Eirik Mikkelsen öffnen gerne ihr Zuhause. Jetzt, am frühen Abend des nächsten Tages, kochen sie zusammen mit Bekannten, die im Nachbargarten zelten und ihr Bad im Keller mitbenutzen. Das Paar erhält für seine Gastfreundschaft ein Freiticket. Schnell werden noch ein paar Musiktipps ausgetauscht, dann geht es wieder los zum Festival, wo mittlerweile 1200 freiwillige Helfer neben 3000 zahlenden Gästen vor Ort sind.

Die Klänge der Musik weisen den Weg - von Folk, Pop, Rock über Elektro bis hin zu Heavy Metal ist alles vertreten. Die Künstler performen auf der Hauptbühne, auf dem Fußballplatz oder in einer Scheune. Auch die britische Band Travis und der isländische Elektropop-Musiker Mugison, der selbst ein eigenwilliges Festival in seiner Heimat organisiert, waren schon Teil dieser Dorfgemeinde. Sie schlenderten entlang der Promenade mit den Imbissständen, an denen man seine Gastgeber, Omas mit ihren Enkeln und die lokalen Stars trifft.

Musik spielt auf den Färöer Inseln von jeher eine wichtige Rolle, die Szene ist bei gerade mal 48.000 Einwohnern erstaunlich facettenreich und gut. Neben dem G!-Festival ist die Konzertreihe Summartónar populär (noch bis 24. August). Die nationalen und internationalen Musiker treten derzeit nicht nur in Klubs und im Nordischen Haus auf, sondern ebenso im Plattenladen des Labels TUTL, bei Wohnzimmerkonzerten, auf Segelschiffen oder in einer abgelegenen Grotte.

Ein Lied auf die Wasserfälle

"Die Grottenkonzerte sind auch für uns Musiker wirklich etwas Besonderes", sagt Hans Marius einige Tage später. Das liege zum einen an der Akustik und zum anderen am lebhaften Kapitän Birgir, der seine Gäste mit dem Segelboot und einigen frechen Sprüchen selbst bei rauer See sicher in die Höhle bringt.

Heute jedoch will Hans Marius an Land zeigen, was für ihn und seine Kollegen Heimat bedeutet - "Home" ist auch der Titel ihres aktuellen Albums. Die Rundfahrt beginnt bei strömenden Regen in der Hauptstadt Tórshavn auf der größten Insel Streymoy. Am Steuer des silbernen Kleinwagens sitzt der Gitarrist seiner Band, Heðin Ziska Davidsen.

Früher lag das kulturelle Zentrum der Inselgruppe noch im nahegelegenen Kirkjubøur, heute stehen dort nur noch wenige Holzhäuser mit den typischen Grasdächern und die Ruine einer Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert. An der Küste reihen sich die Fjorde aneinander, die Berge sind bis zum Gipfel grün bewachsen.

Wie die meisten Färöer lebten Hans Marius und Heðin einige Jahre im Ausland, aber auch in Dänemark, zu dem sie als autonomes Archipel gehören. In "Home" beschreiben sie unter anderem die allgegenwärtigen Wasserfälle, die hier die Berge hinuntertanzen und ins Meer fließen.

"Im Ausland habe ich unseren Nebel vermisst", sagt der 38-jährige Heðin und streicht sich durch seinen dichten Bart. Als hätte die Natur ihn erhört, umhüllt das Auto plötzlich ein dichter Schleier - passenderweise im Mjørkadalur, dem Nebeltal. Natürlich widmete die Band auch dem Nebel einen Song. "Tokan" entstand in Zusammenarbeit mit dem isländischen Troubadour Svavar Knútur; das Lied gewann bei den färöischen Musik-Awards den Preis als bester Song.

Typischer Grasdächer in Saksun
Alva Gehrmann

Typischer Grasdächer in Saksun

Der kleine Trip geht weiter vorbei an einer alten Nato-Station, das grasbedeckte Gebäude in der Einsamkeit dient nun als Gefängnis. Zurück in der Stadt ist die letzte Station der Klub Sirkus. Gestaltet wurde er nach dem Vorbild einer legendären Bar in Reykjavík. Die Band Marius Ziska hat schon viele Abende in dem mit Palmen geschmückten Klub verbracht - sei es bei Konzerten oder als Besucher.

"Viele von uns sind gleich in mehrere Projekte involviert", sagt der Gitarrist Heðin und fügt lächelnd hinzu: "Wenn sich bei uns zehn Musiker treffen, repräsentieren sie mindestens 40 Bands."

Alva Gehrmann arbeitet als freie Journalistin für SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde unterstützt von Visit Faroe Islands.



insgesamt 15 Beiträge
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EuphoricRx 13.07.2016
1. Mögen die Inseln noch so schön sein
sie sind Jahr für Jahr Tatort einer grausamen und archaischen Tradition. Im Rahmen des Grindadráp werden jedes Jahr tausende Wale und Delfine grausam abgeschlachtet. Solang dies der Fall ist sollte jeder gewissenhafte Mensch die Inseln boykottieren.
metrodream 13.07.2016
2. Wie kann man diesem verwunschenen Ort eine Buehne geben?
Ich kann dem ersten Kommentar nur zustimmen. Diese mittelalterlich zurueckgebliebenen Bewohner verdienen es nicht dass in irgendeiner art und weise Werbung fuer sie gemacht wird. Ein Magazin sollte eher aufruetteln und auf Misstaende aufmerksam machen, erschreckenderweise ist ueber das Abschlachten der Pilotwale in der letzten Woche wenig zu finden in den Medien. Wo bleibt der Aufschrei?
chico11mbit 13.07.2016
3. @euphorix
Interessant, wie sie ihre auslegung von "Gewissen" als Grubdlage nehmen, wie sich andere Menschen zu verhalten haben. Entweder ist das eine ziemlich perverse Auslegung des kathegorischen Imperativs oder aber pure Arroganz.
gutes_essen 13.07.2016
4.
Zitat von chico11mbitInteressant, wie sie ihre auslegung von "Gewissen" als Grubdlage nehmen, wie sich andere Menschen zu verhalten haben. Entweder ist das eine ziemlich perverse Auslegung des kathegorischen Imperativs oder aber pure Arroganz.
Oder einfach nur moralisch nachzuvollziehen.
ralopf 13.07.2016
5. zurückgeblieben und Intoleranz
wer fleischfrei sich ernähren will, kann das ja gern tun. aber bitteschön ohne den Rest der Menschen missionieren zu wollen. diese ideologische Intoleranz nervt.
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