Swanetien in Georgien Noch höher, noch wilder

Jahrelang war das isolierte Swanetien eine No-go-Area. Nun entdecken Touristen die Dörfer, Wehrtürme und bis zu 5200 Meter hohen Berge der georgischen Kaukasusregion. Manche Einheimische irritiert das.

Claus Hecking

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Dies ist das Land, wo die Wildblumen blühen. Gelb und blau sind sie, lila und rosa, weiß oder rot. Millionenfach überziehen sie die Flanken der immer schneegekrönten Vier - und Fünftausender. Ein leichter Wind weht, über die Blütenteppiche taumeln bunte Schmetterlinge, die im dicht besiedelten Mitteleuropa rar geworden sind. Nicht aber hier. Nicht in Swanetien.

In Swanetien sind die Menschen rar. Einsam und entlegen ist die Region im Nordwesten Georgiens: umringt und durchzogen von einigen der höchsten, spektakulärsten Gipfel des Kaukasus. Bis vor ein paar Jahren war Swanetien kaum zugänglich, erst recht nicht für neugierige Besucher aus dem Ausland, die Überfälle und Entführungen befürchten mussten.

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Swanetien: In den Bergen des Kaukasus

Aber nun kommen sie hierher, über eine geteerte Gebirgsstraße oder sogar mit dem Flugzeug: Touristen aus aller Welt. Denn Georgien ist en vogue. Und Swanetien, insbesondere der nördliche Teil Oberswanetien, besonders beliebt unter Georgien-Reisenden.

Irma Khergani versteht den Ansturm nicht. "Es ist verrückt, wie viele Leute hierher kommen", sagt sie. Khergani, 45, im langen Rock, hat mit ihnen jeden Tag zu tun; sie arbeitet im Fremdenverkehrsamt von Mestia, dem Hauptstädtchen Oberswanetiens. "Was ist so interessant bei uns?", fragt sie und zuckt mit den Schultern. "Hier ist doch alles ganz normal."

Für Einheimische mag das so sein. Für Auswärtige hingegen ist Swanetien das Bilderbuch-Georgien. Hier sind die Berge noch höher und spektakulärer, erscheint die Luft noch reiner, die Kultur noch ursprünglicher als anderswo im Land. Und irre fotogen ist die Region. Allen voran die Koschki, die jahrhundertealten Wehrtürme. Sie boten einst den Sippen Schutz vor ihren Feinden - in Kriegen oder bei lokalen Blutfehden.

Sowjetherrscher bauten erste Straße nach Mestia

Wehrhaft waren sie immer, die Swanen. Schon vor Christi Geburt beschrieb sie der griechische Geograf Strabo als besonders mutiges und starkes Kriegervolk. Obwohl die Region für ihren Goldreichtum berühmt war - die Swanen hängten mit Schafsfellen ausgekleidete Rinnen in Bäche, um Goldpartikel herauszufiltern - brachten Eroberer wie Mongolen, Perser oder Osmanen das Gebiet hinter den Bergen nicht unter ihre Kontrolle.

Und so gedieh in den isolierten Hochtälern eine eigenständige Stammeskultur mit einer eigenen Musik, einem eigenen, archaischen Wertesystem, einer eigenen Sprache.

Erst die Russen nahmen den Swanen ihre Autonomie. Und nach einem fehlgeschlagenen Aufstand der Swanen gegen die Rote Armee im Jahr 1921 ließen die Sowjetherrscher die erste richtige Straße nach Mestia in die Felsen sprengen, zur Kontrolle. Was die Swanen nicht davon abhielt, viele Traditionen auch im Kommunismus weiter zu pflegen.

Nach dem Ende der Sowjetunion herrschte erst einmal Anarchie. Mächtige lokale Familienclans erkannten die neue georgische Regierung nicht an, kämpften gegeneinander um die lokale Vorherrschaft. Die mittelalterliche Blutrache lebte wieder auf; Wegelagerer überfielen Reisende oder entführten sie auch mal. "Bauern haben sich gegenseitig die Kartoffeln gestohlen", erzählt Irma Khergani.

Militäraktion gegen die Warlords

So unruhig es in der Region zuging, ihre Landschaft begeistert alle, die erst mal dorthin kamen. Auch Georgiens neu gewählter Präsident Micheil Saakaschwili erkannte das Potenzial Swanetiens. Zur "Schweiz des Kaukasus" wollte er das Gebiet machen: seine Schönheit nutzen, um Besucher anzulocken, die Devisen in sein Land bringen sollten.

Saakaschwili beschloss, die Macht der Clans zu brechen. Mit Gewalt. Er schickte Militär in die Region um Mestia. 2004 stürmten Elitesoldaten, unterstützt von Hubschraubern, eine mittelalterliche Festung, in der sich ein mächtiger Warlord mit seiner Familie verschanzt hatte. Der Clan-Chef und zwei Söhne wurden getötet. So umstritten Saakaschwilis Vorgehen war: In Swanetien geht es seither meist friedlich zu.

Vieles hat sich radikal geändert. Der Staat hat die Schlaglochpiste nach Mestia durch eine ordentliche asphaltierte Straße ersetzt. 2010 hat der vom Berliner Architektenbüro J. Mayer H. entworfene Flughafen eröffnet. Nie zuvor war das 2000-Einwohner-Städtchen auf 1400 Metern Seehöhe so gut angebunden an die übrige Welt.

Viele Einheimische haben umgeschult von Ackerbau und Viehzucht auf Tourismus. Sie sind jetzt Zimmervermieter, Wanderführer, Taxifahrer. Das von einem lokalen Bergsteiger gegründete "Svaneti Tourism Centre" hat ihnen das Einmaleins des Gastgewerbes sowie ein bisschen Englisch beigebracht, Wanderrouten und Reitwege markiert. Finanziert wurde das unter anderem von der Friedrich-Ebert-Stiftung und der EU.

Und die Touristen kommen in immer größerer Zahl: Am Flughafen Mestia landeten vergangenes Jahr knapp 7000 Passagiere. Das sind keine Massen, aber achtmal so viele wie 2013. Mehrmals wöchentlich verbindet eine Propellermaschine in der Sommersaison Mestia mit der Hauptstadt Tiflis. "Viele Menschen hier erkennen, dass sie mit Gästen mehr Geld verdienen als mit Kühen und Kartoffeln", sagt Irma Khergiani. Sie selbst war früher Georgisch-Lehrerin.

Tipps für Tages- und Trekkingtouren

Nun knirscht an ihrem neuen Arbeitsplatz im Zentrum von Mestia alle paar Minuten die Tür. Dann kommen Touristen aus Deutschland oder Israel oder China herein und stellen Fragen: über Zimmervermieter, über die Sicherheit klappriger Wehrturmleitern und vor allem über Wanderrouten.

Khergiani empfiehlt Neuankömmlingen meist zwei Tagestouren: Die eine führt hoch auf 2700 Meter zu den Koruldi-Seen am Fuß des markantesten Berges des Kaukasus: dem Uschba. Der "schreckliche Berg", wie der 4700 Meter hohe Uschba übersetzt heißt, ähnelt dem Matterhorn. Bloß dass er nicht nur einen Gipfel hat, sondern gleich zwei. Auf der anderen Tour müssen Wanderer nur gut eine Stunde lang durch einen nach Kräutern duftenden Wald aufsteigen, um zum Chalaadi-Gletscher zu gelangen.

Wer Zeit und Kondition hat, sagt Khergiani, könne vier Tage lang nach Uschguli trekken: ein hübsches Dorf auf 2200 Metern Seehöhe mit Dutzenden Wehrtürmen und einem Ikonenmuseum.

Reiseinformation zu Swanetien
Anreise nach Georgien
Georgian Airways (von Berlin-Schönefeld) oder Lufthansa (von München) fliegen direkt in die Hauptstadt Tbilisi. Die Low-Cost-Airline WizzAir steuert von Berlin-Schönefeld aus Georgiens zweitgrößte Stadt Kutaissi an. Andere Linien wie Air France, Air Baltic, LOT oder Turkish Airlines bieten Umsteigeverbindungen nach Tbilisi von vielen deutschen Flughäfen an. Mit dem Zug dauert die Fahrt von Deutschland in der Regel drei bis vier Tage.
Anreise nach Swanetien
Am schnellsten gelangt man nach Mestia mit den Propellermaschinen von Vanilla Sky. Die private Gesellschaft hat ihre Basis am Flugfeld von Nakhtari, rund 30 Kilometer nördlich von Tbilisi. Ein Bus-Shuttle von der Hauptstadt nach Nakthari ist inbegriffen im Ticketpreis von 90 Lari (29 Euro) für die einfache Strecke. Der Flug dauert eine knappe Stunde und ist spektakulär: vor allem im letzten Drittel, wenn die Maschine über schneebedeckte Kaukasus-Riesen hinwegfliegt und dann ins Tal von Mestia einschwenkt. Achtung: Flüge finden stets nur bei gutem Wetter statt. Daher ist es nicht ratsam, den Rückflug von Mestia nach Nakthari an das Ende eines Urlaubes zu legen. In der Hochsaison sind die Maschinen mit ihren 19 Sitzen oft Wochen vorher ausgebucht.

Eine Alternative ist der Nachtzug von Tbilisi nach Zugdidi mit anschließender dreistündiger Weiterfahrt im Minibus nach Mestia im Minibus (Marshrutka). Es gibt auch Direktbusse von Tbilisi (etwa neun Stunden) Die Busfahrten sind bisweilen holprig und ziehen sich in die Länge. Dafür sind sie nicht nur landschaftlich beeindruckend, sondern auch eine Chance, Einheimischen näher zu kommen. Und man kriegt ein Gefühl, wie abgeschieden und wild diese Region noch immer ist

Beste Reisezeit
Die Hauptsaison in Mestia beginnt im Juni und endet Ende September bis Mitte Oktober. Auch im Frühjahr ist das Wandern in der Region schön. Allerdings liegt dann in höheren Lagen oft noch eine Menge Schnee, sind manche Wege unpassierbar. Skifahren ist meist von Januar bis April möglich.
Unterkunft
Hotels gibt es in Mestia und Umgebung nur wenige, dafür aber jede Menge private Vermieter. Sie bieten ihre Zimmer und Ferienwohnungen auf Buchungsplattformen feil, etwa Booking.com oder Airbnb. Auch das lokale Tourismusbüro kann Unterkünfte vermitteln. Mail: ticmestia@gmail.com. Telefon: (+995) 551 080894, von 10 bis 18 Uhr.

Und Lauffaule? Sie können sich einfach von zwei Sesselliften auf den Berg Chatswali befördern lassen. Bei gutem Wetter eröffnet sich von der Terrasse des Gipfelrestaurants ein 180-Grad-Panorama auf Mestia, den Uschba und die Kaukasusketten drum herum.

Abends lassen sich die Besucher swanische Spezialitäten schmecken: Kubdari etwa (Teigtaschen gefüllt mit Fleisch) und danach einen Tschatscha-Tresterschnaps. In der Hochsaison muss man in beliebten Restaurants schon mal anstehen für einen Tisch.

"Früher war es hier viel ruhiger und entspannter. Wir hatten mehr Zeit für uns selbst", sagt Irma Khergiani. Aber ein Zurück sei undenkbar. "Die jungen Generationen wollen nicht so leben wie wir früher." Und so wird nun überall gebaut, gebohrt, gehämmert für die Zukunft.



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frankfurtbeat 08.08.2019
1. Tourismus ...
Tourismus kann für ein Land belebend wirken aber eben auch "zerstörend" wirken. Wenn ich sehe wie sich dann wohlhabende Toiuristen durch Afrika schippern lassen, am Mount Everest Schlange stehen, Rom´s Straßen verstopfen, via airbnb das Wohnen für EInheimisches unmöglich machen, dann ist das eine Nummer zu viel.
effing 08.08.2019
2. Ein lachendes und ein weinendes Auge
Ich war 2011 und 2016 in Mestia und die Unterschiede waren riesig. Die Entwicklung ist sicher gut für die dortige Bevölkerung und auch für den klassischen Tourismus ist es klar besser erschlossen (mittlerweile müsste auch die Schlammpiste nach Ushguli geteert sein; 2016 waren Sie schon kräftig am bauen). Ein Abenteuer ist es aber nicht mehr. 2011 wurde ich noch von armenischen Freunden gefragt, ob ich verrückt sei nach Svanetien zu fahren: da wohnten doch Menschenfresser!
andireg 08.08.2019
3. Beruf verfehlt...
Ach liebe Irma Khergani, wer in einem Fremdenverkehrsamt arbeitet, sollte sich nicht achselzuckend wundern "Was ist so interessant bei uns? Hier ist doch alles ganz normal." Irgendwie süß. Aber irgendwie auch Beruf verfehlt. :-))
ftesarek 08.08.2019
4. Suspekt
Alles diese Reisen, Abendteuer, Erlebnisse, Kennenlernen fremder Kulturen ........ Herden von Touristen, die sich herumwälzen. Ohne mich!
k70-ingo 08.08.2019
5.
Zitat von frankfurtbeatTourismus kann für ein Land belebend wirken aber eben auch "zerstörend" wirken. Wenn ich sehe wie sich dann wohlhabende Toiuristen durch Afrika schippern lassen, am Mount Everest Schlange stehen, Rom´s Straßen verstopfen, via airbnb das Wohnen für EInheimisches unmöglich machen, dann ist das eine Nummer zu viel.
Wohlhabende Touristen bringen das meiste Geld ins Land, ermöglichen im Vergleich den meisten Einheimischen eine Lebensperspektive und zerstören am wenigsten die Natur und gesellschaftliche Strukturen. Als Idealbeispiel sei der in Edellogdes logierende Fotosafaritourist in Afrika genannt.
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