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Gibellina auf Sizilien: Beton, der berührt

Foto: Oliver Lück

Einsam auf Sizilien Verdammt und zubetoniert

Von Weitem sieht es aus, als hätte sich eine graue Schildkröte schlafen gelegt. Dabei liegt unter dem Beton eine ganze Stadt begraben. Das von einem Erbeben zerstörte Gibellina auf Sizilien ist ein stilles, begehbares Mahnmal.
Von Oliver Lück

Wein wächst auf den sanften Hügeln des Bélice-Tals. Dazu Kiwis und Orangen. Wer im Frühling nach Sizilien fährt, erlebt die Insel in voller Blüte. Wer erst im Juni kommt, wird davon nichts mehr sehen - fast alles wird schon wieder von der Sonne verbrannt sein. Und dann ist da noch dieser seltsame Klecks im Bélice-Tal, der sich über einen Bergrücken gelegt hat und das gesamte Jahr über schmutziggrau und bewegungslos verharrt. Während die umliegende Landschaft sich mit den Jahreszeiten verändert, bleibt der Betonfleck immer gleich.

Zielsicher finden die Schafe ihren Weg durch das Labyrinth aus grauen Wänden. Der Schäfer ist mit seiner Herde in Siziliens Nordwesten unterwegs, etwa 90 Kilometer südwestlich von Palermo. Die rund 200 Tiere, die drei Hunde und der Mann sind ein gutes Team. "Wir sind hier zu Hause", sagt der Pastori, etwa Mitte 50, und deutet in die Landschaft. Er meint Sizilien, den Nordwesten, die einsame Gegend hier. Und er meint die befremdliche Betondecke, die wie ein Sarkophag über dem Hang liegt.

Einst, erzählt er, habe hier eine kleine Stadt gestanden: Gibellina, im 14. Jahrhundert gegründet. Er sei hier geboren, die ersten sieben Jahre habe er hier gelebt. "Doch dann kam das Beben." Am 15. Januar 1968. "Es war ein Montag." Hunderte Menschen starben. Zehn Städte und Dörfer wurden zerstört. Zwei von ihnen, Gibellina und Poggioreale, wurden nie wieder aufgebaut.

Kompromisslose Kunst

Heute aber gibt es Gibellina gleich zweimal: Das alte Dorf, das in den Köpfen der einstigen Bewohner weiterlebt. Und eine neue, kleine Stadt, 13 Kilometer weiter westlich. Sie wurde verkehrsgünstig direkt an Autobahn und Eisenbahnlinie gesetzt, wo heute 4000 Menschen leben. Der Schäfer sagt: "Das neue Gibellina hat keine Seele. Ich bin lieber hier beim alten Dorf mit meinen Schafen unterwegs."

Das Denkmal, das aus einiger Entfernung wie ein weißgrauer, monströser Schildkrötenpanzer aussieht, ist kein Irrgarten. Es sind die Straßen und engen Gassen des mittelalterlichen Zentrums von Gibellina, die begehbar sind. Es ist der Grundriss des Dorfes. Unter der eineinhalb Meter dicken Zementschicht liegen die Grundmauern und Trümmer der Häuser bestattet. Auch Kinderspielzeug und Olivenölflaschen, Hausrat und Kleidung wurden unter den Betonmassen begraben.

Der Mitte der Neunzigerjahre verstorbene italienische Künstler Alberto Burri hatte dem einstigen Gibellina ein Mahnmal gebaut. Zwischen 1984 und 1989 betonierte er den Hang mit Weißzement zu. Ein Friedhof. Ähnlich wie man heute gesunkene Schiffe mit einem Zementsarg überzieht. Man könnte das kompromisslos nennen. So wie auch Erdbeben sind.

Zum Autor
Foto: Oliver Lück

Seit 20 Jahren ist Oliver Lück im VW-Bus in Europa unterwegs. In rund 30 Ländern ist der Journalist und Fotograf gewesen. Und überall hat er "geheime Orte" entdeckt, die man eigentlich für sich behalten sollte. In dieser Serie verrät er einige.Webseite Oliver Lück