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30. Mai 2007, 05:54 Uhr

Giethoorn

Das grüne Venedig der Niederlande

Touristenmagnet dank "Fanfare": Der Spielfilm über zwei rivalisierende Blaskapellen weckte das holländische Dorf Giethoorn vor Jahrzehnten aus dem Dornröschenschlaf. Heute kommen jährlich mehr als eine Million Besucher - die erleben eine Mischung aus Venedig und Spreewald.

Giethoorn - Der "Spreewald der Niederlande" liegt in Giethoorn. Kleine Kanäle durchziehen das flache Land im Norden der Provinz Overijssel. Einst dienten Kähne den Bauern als Transportmittel, heute kommen die Besucher damit übers Wasser.

Viele bunte Straßenschilder und Fahrzeug-Kennzeichen aus aller Herren Länder schmücken Wände und die Decke des Cafés "Fanfare" in Giethoorn. "Irgendwann kam ein Gast mit dem ersten Emailleschild an. Das haben wir aufgehängt, danach wurden es mit der Zeit immer mehr", erzählt Egbert Groen, der 24 Jahre lang die urige Gaststätte an der Dorpsgracht führte.

Doch viel lieber erinnert sich der heute 61-jährige Groen an die Zeit um 1958: "Damals wurde in unserem Dorf der Spielfilm "Fanfare" gedreht. Wochenlang waren 60 Leute vom Film in Giethoorn - eine aufregende Zeit für uns alle hier." Noch heute halten in dem verrauchten Gastraum etliche vergilbte Schwarzweißfotos von den Dreharbeiten die Erinnerungen an die Herz-Schmerz-Filmepisode um zwei rivalisierende Blaskapellen wach.

Film-Tourismus im 2500-Seelen-Dorf

Auf den Spuren des Films "Fanfare" besuchten die ersten Touristen den beschaulichen Flecken nördlich von Zwolle. "Kop van Overijssel", Kopf von Overijssel, wird die Gegend wegen ihrer Lage im äußersten Nordwesten dieser niederländischen Provinz auch genannt. "Es ging hier bei uns zu wie bei der Schwarzwaldklinik in Deutschland: Plötzlich wollten tausende Besucher die Plätze sehen, wo diese oder jene Filmszene entstanden war", erzählt der Heimatkundler Herman Gorte.

Ein halbes Jahrhundert später ist das 2500-Einwohner-Dorf unter dem Begriff "Giethoorn - das grüne Venedig" bekannt: 50 schmale hölzerne Brückchen und die hübschen Reetdach-Häuser aus dem 19. Jahrhundert entlang des acht Kilometer langen Hauptkanals sorgen für ein stimmungsvolles Bild. Wo andere Dörfer ihre Hauptstraße haben, da gluckst in Giethoorn leise das Wasser der Dorpsgracht. Die schmalen Wasserstraßen und die angrenzenden weitläufigen Seen wie die Boven- und die Beulakerwijde sowie das Giethoornse Meer gibt es, da viele hundert Jahre lang in der Region Torf gestochen wurde und Kanäle und Seen entstanden.

Heute sieht man keine mit Torfstücken oder Milchkannen beladenen Arbeitskähne mehr. Nur Müllabfuhr und Feuerwehr kurven mit Spezialbooten über die engen Kanäle. Autostraßen gibt es in Giethoorn nicht, alle Fahrzeuge müssen am Rand des Dorfes abgestellt werden.

Im Flüsterboot auf den Grachten

An die 60 Mini-Reedereien vermieten 450 per Elektromotor angetriebene "Flüsterboote", mit denen die Besucher als Kapitäne auf Zeit über die Grachten und Seen schippern. Bootsführer kurven darüber hinaus mit einem der klobigen Rundfahrtschiffe für maximal 50 Passagiere während der Saison zwischen Ostern und Ende Oktober über die Grachten. Mehr als eine Million Touristen kommen pro Jahr nach Giethoorn. Die Allermeisten bleiben nur ein paar Stunden, um eine Bootsfahrt zu unternehmen oder auf schmalen Pfaden entlang der Dorpsgracht zu bummeln und das Heimatmuseum gegenüber der Dorfkirche zu besuchen.

Für die Gäste gibt es inzwischen neben dem mehr als 150 Jahre alten Café "Fanfare" eine ganze Reihe Restaurants - von der rummeligen Frittenbude über die Pizzeria bis zum noblen Zwei-Sterne-Restaurant "De Lindenhof" im ruhigen Nord-Giethoorn. Dort bereitet der Kochkünstler Martin Kruithof unterm Reetdach exquisite Menüs zu. Kruithof stammt von einem Bauernhof aus der Region und lobt seine Heimat: "Giethoorn und die Umgebung sind Paradiese zum Wohnen, Arbeiten und Entspannen."

Beschaulicher als in Giethoorn selbst geht es zu im einige Kilometer nordwestlich gelegenen Dörflein Dwarsgracht und dem benachbarten 3500 Hektar großen Nationalpark "De Weerribben" bei Ossenzijl. Die Schutzzone ist für Autos und auch für Mopeds tabu.

Fietstouren im Vogelpark

Naturliebhaber entdecken die Wasser-Landschaft neuerdings auf "Snorfietsen", den leise dahin surrenden Fahrrädern mit Batterie-Elektroantrieb. Der Bahnhof im nahen Steenwijk ist die Ausgangsstation für das "Snoren in de Kop". Fahrradvermieter Jitze Prinsen hat verschiedene Routen ausgearbeitet, die sowohl auf schmalen Pfaden bis zu den Naturschutzgebieten als auch bis nach Giethoorn führen.

Im Nationalpark "De Weerribben" wurden entlang der Kanäle 20 Rastplätze zum Anlegen und Picknicken für Bootswanderer und Kanusportler angelegt. Fischreiher und Störche können von dort aus in den weiten Rietgrasfeldern beobachtet werden. Und wer genau hinhört, kann den Gesängen der Nachtigall und von anderen seltenen Vogelarten wie Rohrsängern, Rohrdommeln, Rotschenkeln und Blaukehlchen lauschen.

Das faszinierende Landschaftsbild mit den fließenden Übergängen vom Wasser zum Land setzt sich fort im Naturgebiet "De Wieden" südlich von Giethoorn: Der Naturpark wird ebenfalls von kleinen Kanälen durchzogen. Reetdachbauern haben kleine Parzellen gepachtet, auf denen das kostbare Rietgras angebaut wird. Fischreiher, Weißstörche und Rehwild führen hier ein nahezu ungestörtes Leben. "De Weerribben" und "De Wieden" mit ihrem großen Reichtum an seltenen Wasser- und Sumpfpflanzen, Insekten und Wasservögeln gelten als die größten geschlossenen Flachmoorgebiete Westeuropas.

Am späten Nachmittag kehrt auch an der Dorpsgracht von Giethoorn wieder Ruhe ein. Wenn die letzten Tagestouristen das "grüne Venedig der Niederlande" verlassen haben, gehört das Dörfchen ganz den Einheimischen und ihren Feriengästen. Katzen trauen sich aus ihren Verstecken und drehen ihre Runden. Und alles ist so beschaulich wie vor langer Zeit, als die Filmleute den Flecken noch nicht entdeckt hatten und damit die Lawine der Besucher lostraten.

Von Bernd F. Meier, gms

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