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19. November 2008, 11:56 Uhr

Goldsucher in Lappland

Die Nuggets von Lamborghini City

Von Oliver Lück

Im hohen Norden Finnlands gehen Männer mit langen Bärten und Schlapphüten noch wie vor hundert Jahren auf Goldsuche. Sie sind wie Süchtige, die jahrzehntelang auf das große Glück hoffen. Und tatsächlich: Erst kürzlich gelang einem Dorfbewohner ein Jahrhundertfund.

Das Werbebanner am Supermarkt hat der Wind zerrissen. "Werden Sie schon morgen Millionär!", verspricht die Reklame. Dazu blinkt eine Digitalanzeige: "Jackpot: 20 Millionen Euro!!!" In Inari, einem Ort mit 500 Menschen, 350 Kilometer nördlich des Polarkreises im finnischen Nichts, gibt es zwei Möglichkeiten, reich zu werden: Entweder man gewinnt im Lotto, oder man findet einen riesigen Klumpen Gold. "Beides ist so gut wie unmöglich", sagt Risto Vehviläinen, den alle nur "Riku" nennen.

An diesem Abend sitzt der Mann mit dem wild wuchernden Vollbart, der Brille und der Baseballkappe in der einzigen Kneipe Inaris. Sie liegt gleich gegenüber der Tankstelle und dem Supermarkt. Vor Jahren ist mal ein deutscher Kinofilm hier gedreht worden. In diesem Film gibt es eine Szene, in der der Hauptdarsteller gefragt wird, wo er denn hin wolle. Als dieser "Inari" antwortet, hält das finnische Ehepaar kurz inne, guckt sich an und sagt: "Inari? Okay, dann lass uns nicht mehr reden – lass uns trinken!"

Mit seinen Händen umklammert Riku ein Glas "Lapin Kulta", auf Finnisch: das Gold Lapplands. Es sind Männer wie Riku, die neben ihm sitzen und in ihre Biere vor sich gucken. Wie er tragen sie lange Bärte, die im Sommer vor den Mückenschwärmen schützen und in den kalten Monaten etwas wärmen. Auf den Tischen kleben Schilder: Rauchen verboten. Direkt daneben stehen Aschenbecher - es gibt hier niemanden, der nicht raucht. An der Decke hängen unzählige kleine Sterne, die im Dunkeln leuchten. Die Gäste könnten nach ihnen greifen, wenn sie sich auf die Tische stellten. "Die einen glauben an Gott, die anderen an Gold", sagt einer der Männer.

Zehntausende Euro für ein Riesen-Nugget

An der Wand hängen gerahmte Porträts. "Die besten Goldgräber" steht auf einem Holzschild darüber. Auch die Abgebildeten tragen Bärte und Schlapphüte. Eigentlich müsste auch ein Foto von Riku in dieser Galerie hängen. Keine drei Monate ist es her, dass er ein kleines Vermögen aus dem Boden holte. 193 Gramm, der fünfgrößte Nugget, der jemals in Finnland gefunden wurde. So etwas hatte es hier schon seit Jahren nicht mehr gegeben. Fast 40.000 Euro hat der 57-Jährige dafür bekommen. Fast 30 Jahre hatte er danach gesucht.

Es sind die letzten Tage der Saison. Der Winter ist längst da. Die Tage werden zu Nächten. Die Flüsse werden zu Eis. Doch man braucht das Wasser, um das Gold aus der Erde zu waschen. Auf 400 Claims, die beim Staat gemietet werden können, wird in Lappland zurzeit gegraben. Hier, im Land der Samen und Rentiere, liegen die größten Vorkommen an losem Gold in Europa; wenn man Glück hat in Form eines Nuggets, häufiger aber als Goldstaub, sogenannten "Flitterchen", die je nach Größe und Aussehen auch "Wanze", "Laus" oder "Kakerlake" genannt werden.

Rikus Goldfeld liegt weit abseits der Hauptstraße, etwa eine Stunde geht die Fahrt über eine schlaglochgepflasterte Sandpiste. Unterwegs stehen Wegweiser zu anderen Claims: "Golden Camp", "El Dorado" oder "Lamborghini City". Namen, die nach Abenteuer klingen und voller Hoffnung stecken. Doch für die wenigsten Goldsucher erfüllt sich der Traum von plötzlichem Reichtum.

Automatten als Werkzeug

Denn die meisten Prospektoren schürfen noch wie vor hundert Jahren, stehen mit Blechtellern im Bach oder schaufeln die Erde in ihre selbstgebauten Goldwaschanlagen. Zunächst in das Sieb am oberen Ende der hölzernen Waschrinne. Wasser läuft darüber. Tausend oder mehr Liter in der Minute. Was durch das Sieb fällt und in der Rinne abfließt, sind Steine und Schlamm. Was hängen bleibt in den Gummimatten, die sonst im Fußraum von Autos liegen, ist Gold. In der Theorie.

Die Genehmigung, mit Maschinen zu arbeiten, haben die wenigsten. Risto Vehviläinen schon. Seine Eltern suchten bereits nach dem Edelmetall, bekamen die Lizenz für eine Mine, die erlaubt, schweres Gerät einzusetzen. Mit der Schaufel schafft ein starker Mann rund hundert Kubikmeter Erde in einem Sommer. Das schafft Rikus Bagger an einem Tag. Täglich pflügt er den hellen, steinigen Boden seines Claims um, der sich auf fast drei Kilometer entlang eines Seitenarmes des Ivalojoki erstreckt, des Flusses, an dem vor über 130 Jahren bereits Männer mit Bärten den ersten Goldrausch Finnlands auslösten.

Mit riesigen Sieben wäscht er die Erde durch. Dass dies nicht schonend für die Natur ist, ist offensichtlich. Geröll und Sand schichten sich zu kleinen Bergen. Die Erdlöcher sind metertief. Eine Baustelle in der Wildnis. Umweltschützer würden die Hände vors Gesicht schlagen. "Ein Schlachtfeld", sagt Riku selbst. Doch eines Tages werde er die Landschaft rekultivieren müssen, dazu sei er gesetzlich verpflichtet. Ob es aber jemals wieder so aussehen werde, als habe es den Abbau nie gegeben? Nein, sagt er, das sei auch ihm klar. Er ist es nicht gewohnt, viele Worte zu verlieren.

Süchtig nach Gold

Die Zeit von Mai bis November verbringt Riku hier in seinem kleinen Bauwagen. Meist alleine. Oft tagelang. In jeder Schaufel könnte der nächste Klumpen sein. Und ein paar Gramm findet er immer, so dass er die Kosten für die Maschinen, das Benzin für die Wasserpumpen und seinen Lebensunterhalt finanzieren kann. Aber reich werden? In den Wintermonaten, wenn das Thermometer auf minus 30 Grad und mehr fallen kann und die Suche unmöglich ist, arbeitet er als Schweißer. "Man braucht einen zweiten Job, vom Schürfen allein kann man nicht leben", sagt er.

Auch Jouni Patokallio geht das so. Er ist Zimmermann, baut Blockhütten. Ein stämmiger Kerl, 1,90 Meter groß, über hundert Kilo schwer. Doch er hat eine große Schwäche. "Hier ist überall Gold", sagt der 43-Jährige, "und ich bin süchtig." Patokallio trägt einen schwarzen Cowboyhut, den er aus dem Australien-Urlaub mitgebracht hat und nur im Bett absetzt. "Manchmal noch nicht mal da", sagt er und lacht. Einmal hat er ihn mit dem Wasser aus einem Fluss der Gegend gefüllt, um daraus zu trinken. Es war etwas Gold im Hut. "Seither habe ich das Fieber."

Der größte Nugget, den er und seine Frau Minna ausgruben, wog gerade mal 5,5 Gramm. Seit 20 Jahren sind sie auf der Suche. Ihre Eheringe sind aus dem Gold, das sie selber aus der Erde gewaschen haben. "Aber auch jedes Körnchen, das ein anderer schürft, spornt den eigenen Ehrgeiz an", sagt Patokallio.

"Wir müssen nur daran glauben"

Auf seinem Mobiltelefon zeigt er das Foto eines Goldbrockens, den ein Freund gefunden hat. "88,6 Gramm", sagt er und betont dabei sogar die Zahl hinter dem Komma. Doch Neid komme nicht auf, versichert er, die Funde beweisen ihm aber, "dass wir das Richtige tun. Wir müssen nur daran glauben."

Einzig die Tatsache, dass man ihnen seit neun Jahren die Lizenz für eine Mine verwehrt, macht den Patokallios zu schaffen. Die Genehmigung würde vieles einfacher machen. Die Plackerei mit der Schaufel würde endlich ein Ende haben. Seit aber 1997 – auch zum Schutze der Natur – die Gesetze geändert worden sind, werden keine Minen mehr zugelassen.

Seit 1992 habe man aber bereits die Schürfrechte auf dem Claim, sagt Minna Patokallio. "Wir haben das Recht auf eine Mine, und wir werden kämpfen." 25.000 Euro hat das Paar bereits an Anwaltskosten gezahlt. "Für uns gibt es kein Zurück", sagt Jouni Patokallio. "Viele kommen nach Lappland, um ihr Glück zu suchen, und gehen unglücklicher, als sie jemals waren. Wir bleiben."

In Inaris einziger Kneipe betrachtet Risto Vehviläinen den Dreck unter seinen Fingernägeln. Er sagt: "Der Sommer ist viel zu kurz." Wie lange wird er denn noch suchen? "Bis der Fluss endgültig zugefroren ist." Nein, wie lange er glaubt, überhaupt noch zu suchen. Riku versteht die Frage nicht. "Wie? Wie lange?" Er runzelt die Stirn. Diese Frage hat sich ihm noch nie gestellt, denn die Antwort ist klar: "So lange ich lebe."

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