Goldwaschen in Thüringen Wie der erste Kuss

Einst war Deutschland nach Siebenbürgen das goldreichste Gebiet der Welt, doch nur wenige wurden reich. Auch heute muss man schon sehr genau wissen, wo man suchen muss. In Thüringen lehrt Markus Schade, studierter Geologe, das mühsame Geschäft mit der Goldwaschpfanne.

Theuern - Rund 700 Jahre vor Kalifornien war schon Thüringen im Goldrausch. Im dortigen Schiefergebirge sei Gold gefunden worden, hieß es. In Scharen strömten Glückssucher an die Bäche in den bewaldeten Hügeln. Nur wenige wurden reich. Der Goldrausch ist zwar lange vorbei. Aber die Vorstellung vom glitzernden Nugget zieht noch immer Tausende in die grüne Mitte Deutschlands. Die meisten finden vor allem Action, Spiel und Spaß. Ohne zumindest einen kleinen Krümel Edelmetall geht aber selten einer nach Hause.

Der Bach Grümpen bei Theuern im Landkreis Sonneberg ist einer der größten Magneten für Goldsucher. "Von den 244 goldführenden Bächen der Region ist er einer der goldreichsten", erklärt Markus Schade. Der 50-Jährige ist einer der eifrigsten Goldwäscher der Gegend. Als einer der wenigen lebt er sogar davon. Allerdings verkauft er nicht ein einziges Gramm seiner Funde. Er und seine Frau Karin verdienen ihr Geld als Goldwasch-Lehrer für Gruppen auf Betriebsausflug, Kindergeburtstage oder Touristen.

Mit Karohemd, ockerfarbener Outdoor-Weste und langen schwarzen Gummistiefeln steht Schade im Wasser der Grümpen. "Um Erfolg zu haben, muss man wissen, wo man suchen muss", sagt er und hebt einen rostroten Stein hoch. "Gold kann nur dort sein, wo die Strömung im Bach auch das schwere Eisenerz - wie diesen Roteisenstein - ablagert." Mit der Schaufel füllt Schade Steine und Kies in die grüne Goldwäscherpfanne aus Plastik. Auch das geschieht mit System. "Das Gold setzt sich gerne um größere Steine herum ab", sagt der schnurrbärtige Experte.

Ein unbeschreiblich emotionaler Moment

Schade ist Autodidakt. Schon als Kind faszinierte ihn das edle Metall, mit 18 Jahren fand er sein erstes Gold-Korn. "Das war ein unbeschreiblich emotionaler Moment - wie der erste Kuss vielleicht." War Schade anfangs nur mit Kuchenblech und Küchensieb bewaffnet, verfeinerte er seine Ausrüstung und Technik beständig auf seinen Streifzügen an mittlerweile mehr als 500 Goldbäche in aller Welt.

Heute sieht es bei dem Profi leicht aus, wenn er die großen Steine vom Lehm befreit und dann die Kiesel aus der Pfanne wäscht, bis nur noch ein sandiges "Konzentrat" auf dem Boden zurückbleibt. "Das erfordert schon etwas Geschick, schließlich will man das Gold nicht schon vorher rausspülen", sagt der Lehrmeister. "Die Grundtechnik lernen die meisten in etwa zwei Stunden."

Mit Wippbewegungen lässt Schade das Konzentrat aus Schwermineralien über den Pfannenboden gleiten. Je schwerer die Bröckchen sind, desto träger bewegen sie sich. Ein kleiner gelber Punkt rutscht gar nicht mit, bleibt unverrückbar am Plastik kleben. "Das ist Gold", sagt der Experte. Mit der Fingerkuppe nimmt Schade das Körnchen auf und füllt es in ein kleines Plastikröhrchen.

"Eine gute Tagesausbeute sind 200 Milligramm - also 20 große Brocken oder 500 ganz kleine", sagt Schade. "Bei acht Stunden Arbeit kommt man auf einen Stundenlohn von etwa 9 Cent, verkauft man die Nuggets als Sammlerstücke, werden es vielleicht 1,80 Euro."

"Die Thüringischen Goldminen wurden im 16. Jahrhundert aufgegeben, als das Gold aus Amerika die Preise verdarb", erklärt Schade, der in seinem Haus Deutschlands einziges Goldmuseum untergebracht hat. Dort hat er historische Goldwaschpfannen, Mineralien und Nuggets sowie Gemälde und Karten zur Geschichte der Förderung ausgestellt.

Gold als Volkseigentum

"Im Mittelalter war Deutschland nach Siebenbürgen das goldreichste Gebiet der Welt", sagt der studierte Geologe. Nach den Funden in der Grümpen und im Schwarzatal begannen die Menschen ab dem zwölften Jahrhundert nicht nur mit der Suche nach dem "Seifengold" in den Bächen. Es entstanden auch Bergwerke mit mehreren Hundert Beschäftigten. Insgesamt förderten sie in Thüringen 4700 Kilogramm Gold.

Die Fürsten förderten die Goldsucher: "Die ersten Jahre mussten sie keinen Zehnt zahlen und durften umsonst Holz einschlagen", erklärt Schade. Die Bergmänner trieben Stollen in den Schiefer auf der Suche nach den Mineraladern, in denen sich Metalle wie Gold angereichert hatten. In so genannten "Klopfwerken" - im Museum als Modell zu sehen - zerkleinerten sie das Gestein und wuschen dann das Gold heraus.

Als die Arbeitskraft zu teuer und das Gold zu billig wurde, kam die Industrie zum Erliegen. Nur Einheimische gingen hin und wieder zu den Bächen, um nach einem Nugget zu suchen - besonders nach schneereichen Jahren, wenn das Schmelzwasser das Gestein stark auswäscht. Davon ließen sie sich auch zu DDR-Zeiten nicht abhalten, als Gold als Volkseigentum eigentlich sofort abzuliefern war.

Nach wenig spektakulären Wasserständen im Frühjahr erwartete Schade, dass das 2004 ein recht durchschnittliches Jahr werden würde. Doch Wunder gehören zur Branche der Goldsucher: Im Frühjahr fischte ein 64 Jahre alter Rentner das mit 9,64 Gramm größte Nugget seit 200 Jahren in Deutschland aus dem kalten Wasser.

Von Arno Schütze, gms