Gotland Pippi und die Wikinger

Jedes Jahr im August taucht Visby ins Mittelalter ab: Auf dem "Medeltidsveckan" tauschen Besucher Jeans gegen Robe, jubeln auf Ritterturnieren und lassen sich von Mysterienspielen in Klosterruinen faszinieren. Gotland, die sonnenreichste Region Schwedens, hat 2005 zum Jahr der Wikinger erklärt.

Visby - Wenn die Festland-Schweden von Gotland sprechen, kommen sie schnell ins Schwärmen. Was ist das Besondere an Schwedens größter Insel? Das wunderbare Licht, sagen die einen - die unberührte Natur, meinen die anderen. "Gotland ist für uns Schweden das Sommerparadies schlechthin", erklärt Joakim Hedin aus Uppsala, "es ist so anders, wie Ausland im eigenen Land." Die Ostsee-Insel, auf der 58.000 Menschen leben, gilt als Schwedens sonnenreichste Region. 800 Kilometer lang ist die Küste. Der bekannteste Strand liegt bei Tofta im Westen. Da kann es in der Saison auch voll werden. Doch in der Regel finden Besucher hier Ruhe und Abgeschiedenheit.

"1361 wurde Gotland von den Dänen erobert, später vom Deutschen Ritterorden beherrscht und erst 1645 endgültig schwedisch", erzählt Gerlinde Jakob Nilsson. Sie zeigt Touristen die Hauptstadt Visby. In der alten Hansestadt ist das Mittelalter überall präsent: Bürger- und Speicherhäuser, Kirchenruinen und eine komplett erhaltene Stadtmauer.

Wer sich noch an die alten Pippi-Langstrumpf-Filme nach Astrid Lindgren erinnert, wird die Gassen von Visby wiedererkennen. Viele der Außenaufnahmen wurden in der Altstadt gedreht. Wahre Pippi-Fans fahren dann auch ins nahe gelegene Kneippbyn. Der ehemalige Kurort wurde nach dem deutschen Wasserdoktor Sebastian Kneipp benannt. Im Vergnügungspark "Kneipp-Dorf" tummeln sich vor allem Familien mit Kindern. Inmitten des Freizeitparks steht die "Villa Villekulla", das Originalhaus aus den Pippi-Filmen. Deutschen ist die Touristenattraktion als "Villa Kunterbunt" ein Begriff.

"Nach den Dreharbeiten wurde das Holzhaus verkauft und 1970 hierher transportiert", erzählt Matthias Thunholm, der das kleine Pippi-Museum vorstellt. Im Inneren ist Pippis nachgebautes Zuhause für den wahren Nostalgiker eher enttäuschend. Die Kinder scheint es nicht zu stören.

Jahr der Wikinger

Eine völlig andere Welt tut sich einige Kilometer weiter südlich im Wikingerdorf Vikingabyn bei Tofta auf. "Bei uns können Sie in das Leben von vor 1000 Jahren eintauchen", sagt die Dorfmanagerin Miriam Ryding. Wie alle Mitarbeiter trägt sie zeitgemäßes Wikinger-Outfit. "Entgegen dem Klischee waren gotländische Wikinger Bauern, Handwerker, Händler und keine Plünderer", versichert Miriam. "Dieses Leben machen wir hier lebendig." So üben die Gäste sich im mittelalterlichen Handwerk, nähen Lederbeutel, hämmern in einer qualmenden Schmiede und backen Brot nach historischen Rezepten.

Das Jahr 2005 ist auf Gotland zum Jahr der Wikinger erklärt worden. Zahlreiche Veranstaltungen stehen dazu auf dem Programm. Auch der größte Wikinger-Silberschatz, der je gefunden wurde, wird nun auf der Insel ausgestellt. Ein Bauer hatte den 75 Kilo-Fund 1999 auf seinem Feld bei Spillings entdeckt. Auf der Ostseeinsel wurden mehr als 700 Funde aus der Wikingerzeit aus dem 9. bis 11. Jahrhundert gemacht. Die Münzen belegen, dass die Gotländer über die russischen Flüsse bis in den Orient hinein Handel trieben.

Für Archäologen von der Universität Visby steht da viel Arbeit an. Seit 8000 Jahren ist die Insel nachweislich besiedelt. Das Landesmuseum Gotlands Fornsal in der Hauptstadt stellt ihre Geschichte dar. Bemerkenswert sind dort die Bildsteine aus prähistorischer Zeit, die es nur auf Gotland gibt.

Auf der ganzen Insel gibt es archäologische Fundstätten. Bei Rone im Südosten zum Beispiel liegt das größte von etwa 400 Hügelgräbern: Es hat 45 Meter Durchmesser und ist sieben Meter hoch. Dieser riesige, weit mehr als 3000 Jahre alte Steinhaufen von Uggårde rojr ist mitten in der Landschaft auf einer Kuhweide zu finden. In Gannarve auf der Westseite der Insel kann direkt an der Küstenstraße eine besonders schöne Schiffssetzung aus der Bronzezeit besichtigt werden. Die aneinander gereihten Steine bilden ein Grabmal in Form eines Schiffes, das 29 Meter Länge misst.

Shakespeare in Klosterruinen

Ein Naturwunder unter der Erde ist die einzige zugängliche Tropfsteinhöhle Gotlands bei Lummelunda an der nördlichen Westküste. "Wer sportlich und mutig genug ist, kann mit einem Höhlenführer auch in die unbefestigten Teile vordringen", verspricht Janka Thum. Sie geleitet Touristen durch die 10.000 Jahre alte Lummelundagrottan.

Gotland ist reich an sakraler Kultur. So zählt die Insel 92 mittelalterliche Kirchen, die für Besucher stets offen gehalten werden. Selbst das winzigste Dorf verfügt über ein stattliches Gotteshaus. Dabei hat fast jede Kirche etwas ganz Besonderes: die von Vall zum Beispiel einen farbigen Taufstein mit Gravur aus dem 12. Jahrhundert. Die Kirche von Roma beeindruckt durch das zehn Meter hohe Deckengewölbe.

Bekannter ist Roma für seine Klosterruine. Dort finden jeden Sommer Aufführungen von Shakespeare-Stücken statt. Die Bühne ist direkt in die verbliebenen Mauern des ehemaligen Zisterzienserklosters hineingebaut. "Zu unseren Aufführungen kommen rund 25.000 Besucher in der Saison", erzählt Arne Söderqvist, ein Mitarbeiter der Kulturanlage. "Im Sommer 2005 geben wir den 'Hamlet'."

Auf der Fahrt zum nächstgelegenen Dorf Dalhem ertönt ein heiseres Pfeifen: Eine historische Lok zuckelt durch die Landschaft - eine Museumseisenbahn für Touristen. Am verlassenen Bahnhof im Wald reitet Stefan Johansson mit einer Gruppe von Reitgästen vorbei. "Gotlands Natur eignet sich wunderbar für Ausritte", sagt er. Im seinem "Stall Dalhem" machen vor allem Familien mit Kindern Urlaub.

Auf Gotland gibt es mehr Pferde als Kühe. Nicht nur hippophile Touristen besuchen das Wildpferdegehege "Russpark" bei Lojsta. Mit etwas Glück lassen sich dort die kleinen Pferde finden und auch streicheln. "Russ" heißt auf Gotländisch Pferd. "Damit meinen wir das Gotland-Pony", erläutert Pferde-Experte Börje Johansson. Wenn im Monat Juni die Tiere zusammengetrieben werden, ist das stets eine Attraktion für Gotländer und Gäste gleichermaßen.

Eine Woche im Mittelalter

Eine andere außergewöhnliche Veranstaltung ist das Mittelalterfestival im August, zu dem jährlich mehr als 100.000 Besucher kommen. In diesem Jahr ist es für den 7. bis 14. August geplant. "Alle tauschen Jeans und T-Shirt gegen mittelalterliche Kleidung und leben stilecht für eine Woche ein Leben wie im 14. Jahrhundert", erzählt Claudia Deglau, die bei "Medeltidsveckan" mitarbeitet.

Die Liebhaber des Mittelalters flanieren über historische Märkte, lassen sich von Gauklern unterhalten und jubeln auf farbenprächtigen Ritterturnieren den Siegern zu. Abends lauschen sie mittelalterlichen Konzerten und bestaunen mitternächtliche Mysterienspiele in Klosterruinen. Für eine Woche taucht die Hauptstadt Visby total ins Mittelalter ab, und die Gäste sind mittendrin dabei.

"Gotland ist wie ein ewiger, exotischer Magnet", meint Peter Ringborg. Der Mittelalter-Musiker hat lange auf der Insel gelebt. "Wer hier einmal war, möchte immer wieder zurückkommen", versichert der 67-Jährige. "Und jeder Schwede, der noch nie hier war, will zumindest einmal im Leben Gotland besuchen."

Von Daniela David, gms